Neun Monate im Löschzentrum

Vergewaltigungen, Enthauptungen, Morde: Traumatisierte Lösch-Mitarbeiterin verklagt Facebook

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Blick ins Berliner Facebook-Löschzentrum

In Facebooks Löschzentren müssen Menschen die schlimmsten Bilder des Internets ansehen - und beurteilen. Eine frühere Mitarbeiterin fühlt sich traumatisiert. Sie verklagt Facebook.

San Mateo - Facebook ist in den USA von der ehemaligen Mitarbeiterin eines Löschzentrums verklagt worden, weil die ständige Belastung durch schockierenden Inhalte sie krank gemacht habe. Die Anwälte der Frau aus San Francisco streben eine Sammelklage an, der sich auch andere Beschäftigte anschließen könnten. Sie erklärt, sie habe nach der Arbeit für Facebook ein posttraumatisches Belastungssyndrom.

In den sogenannten Löschzentren - von denen es auch zwei in Deutschland gibt - werden unter anderem anstößige Videos und Bilder, Hassrede oder Gewaltdarstellung gesichtet und entfernt. Als Zeitarbeiter eingestellte sogenannte Facebook-Moderatoren würden täglich tausenden Videos, Bildern und Live-Übertragungen von sexuellem Missbrauch von Kindern, Vergewaltigungen, Folter, Tiersex, Enthauptungen, Suiziden und Morden ausgesetzt, erklärte Klägeranwalt Korey Nelson von der Kanzlei Burns Charest am Montag. „Wir prüfen die Behauptungen derzeit“, teilte Facebook in einem Statement mit.

Hat Facebook die Fürsorge für Angestellte vernachlässigt?

Das Unternehmen ignoriere seine Pflicht, für die Sicherheit dieser Mitarbeiter zu sorgen, hieß es in der Mitteilung der Anwälte weiter. Facebook greife beim Ausmisten seiner Plattform auf Zeitarbeiter zurück, die angesichts der schockierenden Inhalte irreparable traumatische Schäden in dem Job erlitten.

Facebook räumte in der Stellungnahme ein, dass die Arbeit häufig schwierig sei. „Darum nehmen wir die Unterstützung unserer Moderatoren unglaublich ernst“. Die Mitarbeiter erhielten spezielles Training, zudem biete man ihnen psychologische Hilfe an. Facebook-Angestellten stehe dies hausintern zur Verfügung, von Partnerfirmen würden ebenfalls entsprechende Ressourcen verlangt. Über die Arbeitsbedingungen in Facebooks Löschzentren unter anderem in Asien hatte es bereits wiederholt negative Medienberichte gegeben.

Die Klägerin Selena Scola aus San Francisco arbeitete den Anwälten nach ab Juni 2017 neun Monate im Auftrag einer Zeitarbeitsfirma für Facebook, später sei bei ihr eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden. Die Kanzlei strebt eine Sammelklage im Namen aller betroffenen Facebook-Mitarbeiter an und fordert unter anderem die Einrichtung eines Fonds für medizinische Tests und Versorgung der Moderatoren.

Auch in Deutschland haben es die Mitarbeiter nicht leicht

Die deutschen Löschzentren in Berlin und Essen betreibt Facebook nicht selbst, sondern greift auf die Dienstleistungsfirmen CCC und Arvato zurück, die unter anderem im Call-Center-Geschäft sind. Nach Kritik an den Arbeitsbedingungen gewährte Facebook im vergangenen Jahr einigen wenigen Journalisten Zugang zum Berliner Löschzentrum und betonte auch hier die Maßnahmen zur psychologischen Unterstützung.

Gespräche mit Mitarbeitern - in Anwesenheit von Facebook-Vertretern - zeichneten damals ein Bild von Menschen, die mit der Härte des Jobs zu kämpfen haben und zum Teil abstumpfen. „Ich weiß noch, das erste Enthauptungsvideo - da hab' ich dann ausgemacht, bin raus und hab erstmal ein wenig geheult“, erinnerte sich damals eine 28-jährige Mitarbeiterin. „Jetzt hat man sich so daran gewöhnt, es ist nicht mehr so schlimm.“

Einer der Teamleiter sagte damals auch, Mitarbeiter müssten sich selbst melden, um psychologische Betreuung zu bekommen. „Ich als Teamleiter weiß ja nicht, ob jemand Betreuung braucht oder nicht.“ Zugleich arbeiten die Menschen in den Löschzentren mit dem Gefühl, andere vor Schaden zu bewahren: „Wenn ich jemandem ersparen kann durch meine Arbeit, dass er das sehen muss, dann finde ich das sehr gut“, sagte eine der Frauen.

Künast begrüßt die Klage

Die Grünen-Politikerin Renate Künast begrüßte die Klage einer ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin in den USA wegen des Umgangs mit verstörenden Inhalten in dem Online-Netzwerk. Das Sichten und Bewerten von Hassbeiträgen, Gewaltvideos und Ähnlichem sei "eine extreme Belastung", sagte Künast am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP. Dass es deswegen eines Tages Klagen geben würde, sei abzusehen gewesen.

Der US-Prozess werde "ein Modellverfahren sein, das faktisch darüber entscheidet wie es mit diesen Kommunikationsplattformen mittelfristig weiter geht", sagte Künast. Facebook - ein "Milliardenkonzern" - müsse seine Mitarbeiter besser schützen. Es sei "nicht vorstellbar", dass Menschen sich über Jahre oder gar Jahrzehnte mit der Sichtung verstörender Inhalte befassten.

Lesen Sie auch: So will Facebook Falschmeldungen den Garaus machen

dpa/fn

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