Geordneter Rückzug

Fundamentale Kehrtwende: BMW, VW und Daimler stellen sich auf Tempo 130 ein

Geschwindigkeitsbegrenzung: In Deutschland nimmt die Diskussion um ein bundesweites Tempolimit auf Autobahnen Fahrt auf.
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Geschwindigkeitsbegrenzung: In Deutschland nimmt die Diskussion um ein bundesweites Tempolimit auf Autobahnen Fahrt auf.

Tempolimits sind in den meisten Ländern längst Standard. Nur in Deutschland gibt es keine grundsätzliche Vorgabe. Doch jetzt beginnt die Front zu bröckeln. 

München – In Deutschland sorgt kaum ein Thema für so viel Aufregung wie die Debatte um ein mögliches Tempolimit. Seit Jahrzehnten kämpfen die Hersteller und ihr Verband VDA verbissen gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. Doch jetzt bereiten die Hersteller offenbar den geordneten Rückzug vor.

Das machte VW*-Chef Herbert Diess in einem Interview mit dem Handelsblatt deutlich. Zwar sprach sich Diess offiziell noch gegen ein Tempolimit auf deutschen Straßen aus. Aber anders als früher sieht der zweitgrößte Autobauer der Welt seine Geschäftsinteressen inzwischen nicht mehr in Gefahr. „Wir verkaufen unsere Autos auf der ganzen Welt, auch in den Ländern mit Tempolimit. Insofern bedarf es keiner besonderen Vorbereitung“, erklärte Diess. „Worauf wir uns natürlich vorbereiten, ist die E-Mobilitätswende und das autonome Fahren“, sagte der VW-Konzernchef.

In der elektrischen Welt werde man aber ohnehin langsamer fahren, weil die Fahrzeuge bei höheren Geschwindigkeiten schneller an Reichweite verlören. „Bei 160 ist der Reichweitenverlust schon beachtlich, Tempo 200 fährt man nur für kurze Zeit“, so Diess. „Auch deshalb frage ich mich, ob wir überhaupt ein Tempolimit brauchen.“

Diess war im vergangenen Sommer gemeinsam mit seiner Tochter im voll-elektrischen ID.3 in den Urlaub an den Gardasee gefahren und hatte damit für große Aufmerksamkeit gesorgt.

Tempolimit: Wahl dürfte einschneidende Wende bringen

Öffentlich heißt es vom Branchenverband VDA zwar immer noch, man bevorzuge „situationsbedingte Tempolimits“. Doch hinter vorgehaltener Hand gehe die Branche längst von einer Beteiligung der Grünen an der nächsten Bundesregierung aus. Das Tempolimit dürfte dann eine der ersten Maßnahmen sein, die ein grüner Verkehrsminister umsetzen werde, zitiert das Handelsblatt einen ungenannten Branchenvertreter. Auch in den Kommunen nimmt die Diskussion um Geschwindigkeitsbegrenzungen weiter Fahrt auf. So planen derzeit gleich sieben deutsche Großstädte einen Test von Tempo 30. Die ortsüblichen 50 km/h sollen nur noch auf den Hauptverkehrsstraßen zulässig sein. Neben Aachen wollen auch Augsburg, Freiburg, Hannover, Leipzig, Münster und Ulm an dem Feldversuch teilnehmen. Bei vielen Bürgern kommen entsprechende Pläne gut an.

Tempolimit: Grüne pochen auf Geschwindigkeitslimit

Tatsächlich setzen sich die Grünen weiterhin vehement für Tempolimits ein. Alle anderen Industrieländer hätten längst eine vernünftige Geschwindigkeitsbegrenzung, sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter dem Handelsblatt. Das „Sicherheitstempo 130“ erhöhe die Sicherheit auf Autobahnen, senke Lärm, Schadstoffe und Kohlendioxidausstoß. „Und es wäre auch hilfreich, um Innovationen im Straßenverkehr wie die Elektromobilität und autonomes Fahren voranzubringen“, sagte Hofreiter der Zeitung.

 Auch die SPD ist für ein Tempolimit. „Geschwindigkeitsbegrenzungen führen zudem zu weniger Unfällen und somit zu weniger Verkehrstoten und Verletzten“, sagte Parteichefin Saskia Esken der Zeitung. Weniger Unfälle bedeuteten auch weniger Staus. „Ein Tempolimit schont zusätzlich den eigenen Geldbeutel und senkt das Stresslevel beim Fahren.“

Tempolimit: Union lehnt generelle Geschwindigkeitsvorgabe ab

Die Union lehnt Tempolimits hingegen weiter ab. Es gebe ohnehin nur wenige Strecken in Deutschland, an denen man tagsüber schneller als 130 fahren könne, hatte CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet unlängst erklärt. „Und warum eigentlich soll ein Elektro-Auto ohne CO2-Emission nicht schneller fahren dürfen?“, fragte der CDU-Politiker. *Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

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