IG Metall führt Rentendebatte in den Betrieben

Frankfurt/Main - Die IG Metall hat ihren Kampf gegen die Rente mit 67 längst nicht aufgegeben. In den Betrieben gebe es so gut wie keine Arbeitsplätze für Ältere, will die Gewerkschaft in den kommenden Monaten zeigen.

Die IG Metall trägt die Rentendebatte in die Betriebe. „Die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen lassen kaum ein Arbeiten bis 65 und schon gar nicht darüber hinaus zu. In der heutigen Arbeitswelt sind Arbeitsplätze, auf denen man gesund alt werden kann, leider Mangelware“, sagte Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Frankfurt. Schon jetzt sei es für die meisten Beschäftigten kaum möglich, die derzeit noch niedrigere Eintrittsgrenze gesund zu erreichen.

Am „Tatort Betrieb“ werde die IG Metall auf Missstände hinweisen und Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen, kündigte Urban die Kampagne „Gute Arbeit - gut in Rente“ an, die in der kommenden Woche beginnt. An der grundsätzlichen Ablehnung der beschlossenen Rentenreformen änderten aber die möglichen Verbesserungen nichts, stellte der Gewerkschaftsvorstand klar. Die IG Metall lehne die Rente mit 67 als einseitige Rentenkürzung weiterhin strikt ab und verlange statt starrer Eintrittsgrenzen flexible Übergänge in den Ruhestand.

„Neben einer deutlichen Zunahme der psychischen Belastungen beobachten wir auch eine Rückkehr der traditionellen Arbeitsbelastungen in den Betrieben“, sagte Urban. Aus kurzfristigen Kostenbetrachtungen heraus hätten viele Fabriken die moderne, gruppenorientierte Arbeitsorganisation wieder zurückgenommen und stattdessen wieder Tätigkeiten mit sehr kurzen, gesundheitsgefährdenden Taktzeiten unterhalb von 90 Sekunden eingeführt. Auch Über-Kopf-Arbeit und Zwangskörperhaltungen etwa bei der Montage würden nicht konsequent vermieden.

Die Gewerkschaft sieht die Unternehmen im Verzug, auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu reagieren und sich um ihre älteren Beschäftigten zu kümmern. Eine Umfrage unter Betriebsräten habe im Sommer eindeutig ergeben, dass nur noch in den wenigsten Betrieben Arbeitnehmer im Alter von mehr als 60 Jahren präsent seien. Qualifizierungsangebote für Ältere oder altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung gebe es kaum. Nur in jeder fünften Firma gebe es Möglichkeiten, vor dem gesetzlichen Rentenalter aus dem Erwerbsleben auszuscheiden.

Stattdessen berichteten die Betriebsräte von einer scharfen Leistungsverdichtung für sämtliche Beschäftigtengruppen, die so nicht fortgeschrieben werden könne. Urban forderte eine „Anti-Stress-Verordnung“, die unterhalb der gesetzlichen Ebene wichtige Stressfaktoren ausschalte. So könnten etwa ungesunde Arbeitszeiten vermieden und Projektbedingungen geregelt werden. Auf betrieblicher Ebene will die Gewerkschaft gemeinsam mit den Unternehmen die Situation zunächst beurteilen und dann Verbesserungen auf den Weg bringen. „Dazu sollen betriebliche Vereinbarungen zum demografischen Interessenausgleich abgeschlossen werden“, so Urban.

Der Gewerkschafter forderte die SPD auf, in der Rentenpolitik nicht auf halben Weg stehenzubleiben. Derzeit sei bei den Sozialdemokraten viel Bewegung. Es sei gut, dass die Partei nunmehr den abschlagsfreien Renteneintritt nach 45 Versicherungsjahren und Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente in ihrem Programm verankere und damit Forderungen der IG Metall übernehme. Mit Blick auf das zukünftige Rentenniveau und das Renteneintrittsalter sieht Urban noch erheblichen Klärungsbedarf: „Es gibt keinen Spielraum, das Rentenniveau zu senken und die Altersgrenzen anzuheben. Ich kann der SPD nur empfehlen, hier mit klaren Worten Position zu beziehen.“

dpa

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