Kennzeichnung von Lebensmitteln: Was sie taugen

München - Immer noch gibt es keine einheitliche, verpflichtende Kennzeichnung auf den Verpackungen. Auf europäischer Ebene will man das nun ändern. In Deutschland stehen zwei weitere Modelle zur Diskussion: Prozentzahlen und Ampelfarben.

Die Verbraucher sind überfordert. Nicht nur, dass sie im Supermarkt verstärkt auf Preisfallen achten müssen. Auch über den wahren Inhalt sagen ihnen die bunten Verpackungen wenig. Dabei lauern Zuckerbomben im Müsliregal und Salzgranaten unter den Tiefkühlpizzen. Politik, Verbraucherschützer und Mediziner mischen sich nun verstärkt ein. Es sollen neue Regelungen her – für ganz Europa. Wir klären die wichtigsten Fragen:

Was geschieht derzeit in Brüssel?

Dort hat sich gestern der zuständige EU-Ausschuss getroffen, um die Kennzeichnung von Lebensmitteln zu diskutieren. Man einigte sich mit großer Mehrheit auf eine Neuregelung. Dieser Entwurf kommt nun im Mai im EU-Parlament zur Abstimmung, anschließend im EU-Rat. Bis das Gesetz letztlich verabschiedet wird, können also noch viele Monate vergehen.

Über was stimmte der Ausschuss ab?

Konkret ging es um die Lebensmittel-Informationsverordnung. Damit sollen Hersteller verpflichtet werden, auf der Rückseite eine Nährwerttabelle aufzudrucken mit Angaben über den Brennwert, Eiweiß, Kohlenhydrate, Zucker, Fett, gesättigte Fettsäuren, Ballaststoffe und Natrium bzw. Salz. Das machen bereits einige Konzerne, aber bislang freiwillig. Die Tabelle ist relativ unumstritten und fand auch gestern eine überwiegende Zustimmung.

Umstritten ist jedoch die Gestaltung der Vorderseite. Einige wollen, dass Nährwertangaben dort weiterhin freiwillig sind, andere wollen auch hier eine Pflicht, wieder andere wollen diese Zusatzregelung den Ländern selbst überlassen. Zweiter Streitpunkt ist die mögliche Gestaltung dieser Angabe. Hier sind das Ampel-Modell und die Darstellung „1 plus 4“ in der Diskussion. Ein klarer Favorit zeichnet sich hier noch nicht ab. Das Ampel-Modell bekam gestern 30 Ja- und 30 Nein-Stimmen bei zwei Enthaltungen. „Das ist ein überraschend positives Ergebnis“, sagt Martin Rücker, Sprecher der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Offiziell gilt die Ampel damit zwar als abgelehnt, doch das könne sich im Parlament wieder ändern, hofft Rücker.

Wie soll die Lebensmittel-Ampel funktionieren?

Das Ampel-Modell besteht aus drei Farben: Rot, Gelb und Grün. Diese zeigen an, ob der Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz bezogen auf 100 Gramm niedrig (grün), mittel (gelb) oder hoch (rot) ist. Darüber hinaus sind die jeweiligen Mengen auch in Zahlen angegeben.

Befürworter dieser Ampel, die in Großbritannien 2006 auf freiwilliger Basis eingeführt wurde, sind unter anderem der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen, der AOK-Bundesverband, die Bundesärztekammer und der Bundeselternrat. Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, erklärte: „Aus unserer Sicht ist die Ampel eine Warnung und kein Verbot bestimmter Lebensmittel, die Eltern dabei hilft, die richtigen Nahrungsmittel für ihre Kinder auszuwählen. Denn vor allem in den bildungsfernen Schichten und bei Familien mit Migrationshintergrund wissen Eltern nur selten, was in ihrem Essen wirklich drin steckt an Fett, Salz oder Zucker.“

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner bezeichnet die Ampel als zu simpel. Warum?

Drei Farben reichen nicht aus, um das komplexe Nährwert-Thema darzustellen, heißt es aus Berlin. Außerdem würden die Farben Verwirrung stiften. „Was macht ein Verbraucher mit einem Produkt, das zwei rote und zwei grüne Punkte trägt?“, sagte ein Sprecher. Das sei nicht hilfreich.

Als Beispiel nannte Aigner Bio-Apfelsaft, der aufgrund des Fruchtzuckers rot gekennzeichnet werden müsste, Diät-Cola dagegen grün. „Light-Cola macht ja auch nicht dick“, kontert Foodwatch-Sprecher Rücker. Daher sei eine grüne Kennzeichnung für Fett und Zucker durchaus gerechtfertigt. Ob ein übermäßiger Genuss von Diät-Cola möglicherweise andere Gesundheitsrisiken nach sich ziehe, darüber sage die Ampel nichts aus. „Aber auch nicht die anderen vorgeschlagenen Kennzeichnungen“, sagt Rücker. Kritik an der Ampel kommt aber auch von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die für die Farbwahl entscheidenden Mengenangaben als nicht wissenschaftlich fundiert bezeichnet.

Das Ministerium favorisiert die „1 plus 4“-Darstellung. Was steckt dahinter?

„1 plus 4“ heißt das Berliner Modell zu erweiterten Nährwertinformationen. Dabei sind der Energiegehalt (Brennwert) sowie die Gehalte an Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz pro Portion in Zahlen genannt. Zusätzlich wird angegeben, wie viel Prozent des Tagesbedarfs eine Portion abdecken würde.

Viele große Hersteller verwenden diese Darstellung bereits freiwillig. Sie nennen es GDA-Modell („Guideline Daily Amounts“, also „Richtlinie für den Tagesbedarf“). Rund 60 Prozent aller verpackten Lebensmittel in Europa tragen nach Hersteller-Angaben bereits diese Kennzeichnung. Allerdings hat auch diese einen gravierenden Nachteil: Die Angaben beziehen sich auf eine Portion. Wie viel allerdings genau eine Portion ist, gibt niemand vor – auch nicht das Ministerium. „Für die Festlegung einer Portionsgröße ist die Lebensmittelwirtschaft verantwortlich“, heißt es. Auch für die graphische Darstellung dieser Angaben hoffe man nun auf Vorschläge aus der Industrie. Vorstellbar sei etwa ein Tortendiagramm.

Sind diese Kennzeichnungen allgemeingültig? Also, heißt Rot „ja nicht kaufen“?

Nein. Die Kennzeichnungen können allenfalls eine grobe Orientierung geben und als Einkaufshilfen dienen. Schließlich würde der Fettgehalt beispielsweise bei Butter sehr hoch sein und beim Ampel-Modell rot hinterlegt werden. Unter Ernährungsexperten gilt Butter – in Maßen – aber als wesentlich besser als etwa Margarine, die künstliche Zusatzstoffe enthält. Darüber hinaus sind die Mengen an Zucker, Fett oder Salz, die ein Mensch pro Tag zu sich nehmen sollte oder dürfte, individuell extrem unterschiedlich. Hier spielt das Alter, das Geschlecht und auch die körperliche Aktivität eine große Rolle. Zudem ist kein Lebensmittel per se schlecht – es kommt immer auf die Menge an, die man davon zu sich nimmt und wie ausgewogen die Ernährung und wie optimal der Lebensstil des Einzelnen ist.

Stefanie Backs

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