Schnelle Eskalation

Im Metall-Tarifkonflikt stehen die Zeichen auf Streik

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Die Zeichen bei der IG Metall stehen zum neuen Jahr auf Warnstreiks. Foto: Daniel Bockwoldt

Die Metall-Tarifverhandlungen noch in einer frühen Phase. Doch schon jetzt zeichnet sich ein Arbeitskampf ab. Die IG Metall signalisiert, dass sie diesmal nicht lange fackeln will. Die Arbeitgeber gehen davon aus, dass die Streikpläne schon in der Schublade liegen.

Frankfurt/Berlin (dpa) - Der Tarifkonflikt für 3,9 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie läuft erst seit ein paar Wochen - doch die Zeichen stehen bereits auf Streik. Die IG Metall droht den Arbeitgebern mit einer schnellen Eskalation.

"Mehr als zwei oder drei Wochen Warnstreiks machen ja keinen Sinn", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft, Jörg Hofmann, der Deutschen Presse-Agentur. "Sollte sich bis Ende Januar nichts an der Position der Arbeitgeber ändern, werden wir dann darüber nachdenken, ob wir zu 24-Stunden-Warnstreiks greifen oder gleich zur Urabstimmung für Flächenstreiks aufrufen."

Dementsprechend stellt sich auch der Arbeitgeberverband schon jetzt auf einen Streik ein. "Ein Arbeitskampf ist das letzte, was wir uns wünschen. Streiks sind immer ein volkswirtschaftlicher Schaden. Es ist vor allem unnötig, wenn noch gar nicht richtig verhandelt wurde", sagte Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger der Deutschen Presse-Agentur. "Aber ich befürchte, dass die IG Metall ihre Streiks jetzt schon organisiert hat, völlig losgelöst von unserem Angebot." Ein Flächenstreik in der deutschen Schlüsselbranche wäre der erste zu einem Entgeltthema seit 2002.

Bisher sind erst zwei Verhandlungsrunden in allen Regionen absolviert. Am 31. Dezember läuft die Friedenspflicht aus. "Die Arbeitgeber haben ein mickriges Angebot vorgelegt, von dem sie selbst wissen, dass es so nicht kommt", sagte Hofmann. "Ab dem 8. Januar geht die IG Metall in allen Regionen in Warnstreiks, in der Woche vorher kann es bereits zu einzelnen Maßnahmen in einigen Betrieben kommen."

In der zweiten Runde der regional geführten Tarifverhandlungen hatten die Arbeitgeber ein Lohnplus von zwei Prozent im April angeboten, außerdem eine Einmalzahlung von 200 Euro für die Monate Januar bis März. Die IG Metall fordert bundesweit sechs Prozent mehr Geld und das Recht auf eine vorübergehende Senkung der Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden. Dabei sollen bestimmte Gruppen - etwa Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder und Angehörige von Pflegebedürftigen - einen Teillohnausgleich erhalten.

Wegen der starken Konjunktur und der rekordverdächtigen Auftragslage rechnet die IG Metall allerdings mit einem starken Interesse des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall an einer schnellen Lösung. "Eine kurze und heftige Auseinandersetzung wäre möglicherweise für beide Seiten besser", sagte Hofmann. "Wir wollen unsere Forderungen durchsetzen und die Arbeitgeber ihre Produktionsausfälle überschaubar halten."

Der IG-Metall-Chef verteidigte die Forderungen seiner Gewerkschaft zur Arbeitszeit. Es handele sich um eine zeitgemäße tarifliche Sozialleistung, wenn Schichtarbeitern, Eltern junger Kinder oder pflegenden Angehörigen ein Entgeltzuschuss gezahlt werde, wenn sie bei kürzerer Arbeitszeit weniger verdienen. Hofmann erinnerte in diesem Zusammenhang an wichtige gesetzliche Sozialleistungen wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder den bezahlten Urlaub, die zunächst in richtungsweisenden Tarifverträgen vereinbart worden seien. "Gesundheitsprävention und Sorgearbeit löst die soziale Mitverantwortung der Arbeitgeber aus, denn Eigentum verpflichtet." Ein genereller Einstieg in die 4-Tage-Woche sei nicht geplant, betonte der Gewerkschafter. "Wir wollen keinen Weg hin zu kollektiven Arbeitszeitverkürzungen."

Dulger sagte, eine Arbeitszeitverkürzung aufgrund besonderer Lebensumstände sei "in der betrieblichen Praxis schon heute gang und gäbe". Klar sei aber auch: "Wenn einer nur vier Tage arbeitet, dann kriegt er auch nur vier Tage bezahlt." In der Metall- und Elektroindustrie liege das jährliche Durchschnittseinkommen bei 56 000 Euro. "Wenn ein durchschnittlicher Metallfacharbeiter auf 28 Stunden geht, dann verdient er immer noch rund das Doppelte einer Metzgereifachverkäuferin, die 38 Stunden arbeitet."

Dulger erläuterte, derzeit dürften je nach Tarifgebiet 13 oder 18 Prozent der Belegschaft bis zu 40 Stunden arbeiten. Der Arbeitgeber-Vorschlag laute nun: "Diese Begrenzung kommt weg, und wir können mit den Mitarbeitern frei vereinbaren, dass sie länger arbeiten dürfen, wenn es im Betrieb Bedarf gibt und die Beschäftigten länger arbeiten wollen. Dafür soll es natürlich auch entsprechend mehr Geld geben. Wir wollen flexible Arbeitszeitmodelle vereinbaren dürfen, wenn nach oben, dann geht auch nach unten."

Angesichts des Fachkräftemangels geht Dulger davon aus, "dass der Beschäftigungsboom zumindest in der Metall- und Elektroindustrie für Fachkräfte weitergehen wird - vorausgesetzt, wir finden die Fachleute. Zum ersten Mal haben wir mehr offen gemeldete Stellen in der M+E-Industrie, als die Bundesagentur Arbeitslose zählt."

IG-Metall-Chef Hofmann kann die Sorgen der Industrie vor einem Fachkräftemangel indes nicht nachvollziehen. Hofmann sagte, noch ließen die Firmen zahlreiches Arbeitskräftepotenzial ungenutzt, beispielsweise von Frauen. Für diese stellten die ausufernden Arbeitszeiten in der Metall- und Elektroindustrie oft ein echtes Hindernis dar. Zudem habe die Branche es bis dato verpasst, über mehr Ausbildungsplätze und gezielte berufliche Entwicklung der Beschäftigten das Fachkräftepotenzial auszuschöpfen.

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