Bundesweite Fahndung

Erpresser droht mit Gift in Supermarkt-Waren - Hunderte Hinweise auf Verdächtigen

Ein Erpresser hat gedroht, Lebensmittel in Supermärkten zu vergiften, sollte er nicht viel Geld erhalten. Inzwischen hat die Polizei Hinweise erhalten, wer der Mann ist.

Konstanz - Nach dem Fund mehrerer vergifteter Lebensmittel am Bodensee haben die Ermittler Hinweise auf den Erpresser erhalten. Es gebe inzwischen mehrere Hundert Hinweise, sagte Polizeivizepräsident Uwe Stürmer am Donnerstagabend in der SWR-„Landesschau“. Zuvor hatten die Ermittler Bildmaterial veröffentlicht, das den Verdächtigen zeigt und die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen.

Bei dem Mann auf dem Bild soll es sich um den Unbekannten handeln, der mit vergifteten Lebensmitteln von deutschen Supermärkten und Drogerien eine zweistellige Millionensumme erpressen will. 

Überwachungskamera filmte den Erpresser

Der Mann, den die Überwachungskameras eines Supermarkts am Bodensee zeigen, wirkt unauffällig. Er ist schlank, durchschnittlich groß, mit einem schmalen Gesicht. Er trägt einen Einkaufskorb in der Hand und läuft zügig durch die Regalreihen. Dieser Unbekannte steht im Verdacht, in dem Friedrichshafener Geschäft vergiftete Lebensmittel ausgelegt zu haben.

Nach Angaben der Polizei handelte es sich um fünf Gläschen mit Babynahrung, in die der Stoff Ethylenglycol gemischt wurde. In einer Droh-Mail an verschiedene Lebensmittelkonzerne und Drogeriemärkte in Deutschland forderte der Erpresser im Anschluss einen zweistelligen Millionenbetrag - und drohte damit, weitere Produkte zu vergiften.w

Die betroffenen Gläschen mit Babynahrung konnte die Polizei zwar schnell ausfindig machen und beseitigen, wie der Konstanzer Polizeivizepräsident Uwe Stürmer am Donnerstag sagte. Die Gefahr sei damit zunächst gebannt. „Aus unserer Sicht besteht kein Anlass zur Panik oder Hysterie.“ Doch das Unbehagen bleibt. Denn bislang haben die Ermittler keine konkrete Spur zu dem Erpresser.

Was bisher bekannt ist: Die Droh-Mail ging am Abend des 16. Septembers, einem Samstag, ein. Der oder die unbekannten Täter kündigten darin an, Produkte von deutschen Unternehmen in Niederlassungen im In- und Ausland zu manipulieren. Der zuständige Staatsanwalt Alexander Boger sprach von einer schweren Straftat außergewöhnlicher Bedeutung. „Wir nehmen die Drohung sehr ernst.“

220 Polizisten fahnden nach dem Mann

Eine Sonderkommission mit mehr als 220 Beamten fahndet nach dem Erpresser. Die Beamten gingen davon aus, dass sie einen sehr skrupellosen Täter verfolgten, sagte Stürmer. Außer der Droh-Mail habe es bislang keinen weiteren Kontakt mit dem Erpresser gegeben. Stürmer betonte, dass bislang nicht klar sei, welche Lebensmittel von der Drohung betroffen seien. Dass es sich bei den bereits gefundenen vergifteten Produkten um Babynahrung handelte, bedeute nicht, dass der Täter nur darauf abziele, sagte er.

Das macht es für die Behörden schwer, konkrete Maßnahmen zu treffen: Da der Erpresser sich nicht geäußert habe, welche Lebensmittel betroffen seien, könne man zum jetzigen Zeitpunkt nicht zielgerichtet bestimmte Produkte aus dem Verkauf nehmen, sagte die Ministerialrätin im Stuttgarter Verbraucherschutzministerium, Petra Mock. Kunden sollten daher beim Einkaufen darauf achten, ob die Verpackung von Produkten beschädigt sei. Wer verdächtige Produkte entdecke, solle das Personal im Supermarkt oder die Polizei informieren.

Gift führt im schlimmsten Fall zum Tod

Das flüssige Gift sei in die Babynahrung eingerührt worden, sagt Mock. Bereits 30 Milliliter Ethylenglycol seien für Erwachsene gesundheitsgefährdend. „100 Milliliter sind hochproblematisch, bei Kindern entsprechend weniger.“ Der Stoff rufe Schwindel hervor und greife bei höherer Dosis auch Organe an. Wieviel Gift in den Gläschen mit Babynahrung enthalten war, nannten die Beamten nicht.

Die Überwachungskameras aus dem betroffenen Friedrichshafener Supermarkt zeigen einen Tatverdächtigen, dessen Alter die Polizei auf ungefähr 50 Jahre schätzt. Er trägt eine schwarze Jacke und eine helle Hose, wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Das einzig Auffällige an ihm sind eine weiße Mütze und schwarze Turnschuhe mit einem deutlichen weißen Rand. Die Ermittler haben Fotos und eine Videosequenz von dem Mann veröffentlicht und erhoffen sich nun Hilfe aus der Bevölkerung. „Wir sind auf Hinweise angewiesen, um diese schwere Straftat aufklären zu können“, sagte Boger.

Das müssen Verbraucher jetzt wissen

Im Zusammenhang mit der Erpressung mehrerer Lebensmittel- und Drogeriemarktketten ist am Donnerstag bundesweit die Handy-Warn-App „Nina“ angesprungen. Die baden-württembergische Landesregierung gab zudem auf Twitter eine Warnung heraus. Die „Nina“-Nutzer wurden gegen Mittag aufgerufen, sich über alle verfügbaren Medien zu informieren und verdächtige Produkte am besten gleich im Laden zu melden.

Verdächtig seien beschädigte Verpackungen und fehlender Unterdruck. „Deckel von ordnungsgemäß verschlossenen Gläsern weisen üblicherweise eine Wölbung nach innen auf, beim Öffnen ist ein Knackgeräusch zu hören“, hieß es. Möglicherweise manipulierte Verpackungen, könnten bei jeder Polizeidienststelle abgegeben werden.

Die Polizei hat zudem ein Hinweistelefon eingerichtet: 0049 (0) 7531 - 995 - 3434

In einer Pressekonferenz informierten die Ermittler die Öffentlichkeit.

Erpresser-Masche: Vergiftete Lebensmittel als Druckmittel

Immer wieder drohen Erpresser damit, Lebensmittel zu vergiften. Supermarktketten wie Lidl, Aldi und Rewe sind betroffen, aber auch Hersteller geraten ins Visier von Verbrechern. Einige Fälle der vergangenen Jahre:

Juli 2017: Das Landgericht Bonn verurteilt einen Rentner zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten. Der 74-Jährige hatte Haribo mit der Vergiftung von Gummibärchen gedroht. Außerdem erpresste er die Unternehmen Lidl und Kaufland. Er forderte eine Million Euro in der Internet-Währung Bitcoin.

Zudem begann in Dortmund der Prozess gegen zwei 45 und 46 Jahre alten Männer. Sie sollen mit Gift versetzte Gläser mit Brotaufstrich in mehreren Lidl-Filialen deponiert haben. Sie forderten fünf Millionen Euro in Bitcoins vom Unternehmen.

März 2017: Ein 38-Jähriger wird vom Landgericht Kiel wegen versuchter räuberischer Erpressung zu einer Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Er hatte auf Schulhöfen mit Insektiziden vergiftete Marzipanherzen ausgelegt. Damit wollte er von der Handelskette Coop drei Millionen Euro erpressen, zahlbar in der digitalen Währung Bitcoins.

Oktober 2015: Ein 38-jähriger Mann wird vom Landgericht Köln wegen versuchter Erpressung der Supermarktkette Rewe zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Er hatte 15 Millionen Euro gefordert und dem Konzern gedroht, Lebensmittel zu vergiften.

Mai 2013: Ein 61-Jähriger wird wegen versuchter Erpressung des Lebensmitteldiscounters Aldi-Süd vom Landgericht Duisburg zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Er hatte per E-Mail 15 Millionen Euro gefordert und mit vergifteten Lebensmitteln gedroht.

Juli 2010: Das Landgericht Aachen verurteilt einen Erpresser des Marmeladen-Produzenten Zentis zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft. Er hatte damit gedroht, vergiftete Marmelade in den Handel zu bringen, und 500 000 Euro verlangt.

Januar 2010: Wegen versuchter Erpressung des Süßigkeitenherstellers Ferrero wird ein Kneipenwirt aus dem Sauerland zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Der Mann hatte 2008 ein Päckchen mit vergifteten Pralinen und Nougatcreme an die Firma geschickt. Er verlangte 950 000 Euro.

AFP/dpa/vf

Auch interessant: So tricksen Kunden die Pfand-Automaten bei Aldi aus.

Video: Glomex


Rubriklistenbild: © Polizei Konstanz

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