"Wir wollen nicht immer die A-Karte"

Bahnchef Grube stellt sich seinen Kritikern

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Bahnchef Rüdiger Grube

Berlin - Bahnchef Rüdiger Grube lässt sich grillen. Erstmals stellt er sich in Berlin direkt Fragen seiner empörten Kundschaft. Es geht ums Image - "Wir wollen nicht immer die A-Karte", betont der Chef.

 Manchmal muss sich Bahnchef Rüdiger Grube ein Schmunzeln verkneifen. 1939, wirft ihm ein älterer Herr mit Hosenträgern vor, da hätten die Fernverkehrszüge noch in Berlin-Charlottenburg gehalten. Und am Zoo, Friedrichstraße, Alexanderplatz. „Und damals war das Verkehrsaufkommen genauso hoch wie heute“, behauptet der Bahnfahrer. Grube widerspricht gelassen.

Es ist Bahnkunden-Sprechstunde im Berliner Hauptbahnhof. Der Bahnchef ist auf Einladung des Deutschen Bahnkunden-Verbands gekommen, um sich die Beschwerden seiner Kunden anzuhören. Die etwa 50 Leute, die ihm gegenübersitzen - meist Männer jenseits der 50 Jahre - sind allerdings nicht ganz typische Reisende. Da sitzen Fans historischer S-Bahnen, Männer, die sich den Netzplan in die Wohnung hängen, ehemalige Verkehrsplaner, heimliche Bahnchefs.

Grube fordert sie gleich am Anfang auf: „Sie können mich alles fragen“. Und dann geht es los. Die einen kommen wegen der Umleitungen nach dem Hochwasser nicht mehr rechtzeitig zur Arbeit von Wolfsburg nach Berlin. „Jetzt müssen wir unter der Woche in Berlin übernachten, das kostet 500 Euro im Monat.“ Warum es keinen früheren Zug gebe.

Sie würden ja gern, beschwichtigt Grube. Geht aber nicht - die Bahn habe ja ohnehin zu wenig Züge. In den kommenden Tagen solle das Ergebnis einer Georadar-Prüfung da sein. Erst dann sei klar, wann der Damm auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke wieder befahrbar sei. Da geht Grube auf Nummer sicher. „Der Gau wäre, wenn wir die Strecke jetzt schnell freigeben, und dann gibt es doch Unterspülungen und wir müssen sie wieder sperren.“

Ein Berliner S-Bahnfahrgast beschwert sich über hohe Lärmschutzwände: „Ich möchte was sehen von der Stadt“. Andere wollen die Netzpläne als Aushang auf den Bahnhöfen. Oder in der ersten Klasse sitzen, wenn der Zug zu voll ist.

„Sie scheinen sich ja auszukennen“, schmeichelt der Bahnchef immer wieder. Defekte Klimaanlagen in Fernzügen spricht er von alleine an und verspricht: Bis 2020 soll jeder einzelne Fernzug modernisiert oder ersetzt werden. Aber neue Züge geliefert zu bekommen, das sei eben nicht einfach. 300 Intercity-Nachfolger ICx will die Bahn bei Siemens bestellen, für 10,6 Milliarden Euro. Doch bis sie alle geliefert sind, vergehen laut Grube 15 Jahre.

Das perlt bei den empörten Bahnkunden mehr oder weniger ab. Stattdessen gibt es Szenenapplaus für Ursula Lehmann, die im Rollstuhl sitzend Grube detailliert aufzählt, dass 23 Aufzüge der Berliner S-Bahn defekt sind. „Bei der Bahn läuft was Rolle rückwärts“, sagt die Frau, die sich selbst als „Vollzeit-Aktivistin in der Behindertenszene“ beschreibt. Als Grube ihr von mehr als 5000 Bahnhöfen in Deutschland erzählt, unterbricht sie ihn ungehalten: „Ich will doch nur durch Berlin.“

Am Ende sind nach etwa drei Stunden Bahnchef-Verhör noch immer nicht alle Fragen beantwortet. Grube notiert sich Namen und verspricht, nachzuliefern. Über Verspätungen hat sich keiner beschwert. Dafür bekommen die Bahn-Mitarbeiter von einem Vielfahrer einen mehrseitigen Fragenkatalog in die Hand gedrückt. Beantwortung - auch schriftlich - erwünscht.

dpa

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