Für Arcandor wird die Zeit knapp

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Arcandor braucht eine schnelle Lösung.

Essen - Der Arcandor-Konzern kämpft ums Überleben. Am Freitag blieb ein Spitzentreffen allerdings ohne Ergebnis. Möglichkeiten gibt es allerdings einige.

Für den ins Trudeln geratenen Arcandor- Konzern mit seiner Warenhaustochter Karstadt wird die Zeit immer knapper: Nachdem das Unternehmen am Freitag einen Notkredit über 437 Millionen Euro beantragt hatte, blieb am Nachmittag ein Spitzentreffen im Bundeswirtschaftsministerium ohne Ergebnis. An dem Krisentreffen unter Leitung von Wirtschaftsstaatssekretär Walther Otremba hatten neben Vertretern der Eigentümer, Gläubiger und Banken auch die Spitzen des Arcandor- sowie des Metro-Konzerns teilgenommen.

Metro will seine Warenhauskette Kaufhof mit Karstadt fusionieren. Branchenbeobachter halten den Plan angesichts der dramatischen roten Zahlen bei Arcandor für immer wahrscheinlicher. Mit dem Notkredit will Arcandor/Karstadt sein Überleben für die nächsten Monate sichern. Einen entsprechenden Antrag auf Rettungsbeihilfen hat das Unternehmen bei der staatlichen KfW Bankengruppe gestellt. Das Geld, das auch die EU-Kommission billigen muss, solle die Liquidität für zunächst sechs Monate ermöglichen. Staatssekretär Otremba sagte nach dem gut zweistündigen Gespräch, es seien verschiedene Lösungsansätze besprochen worden. Dazu gehöre auch ein mögliches Zusammengehen mit Metro oder auch ein Alleingang von Arcandor. Die Eigentümer seien bereit, einen Beitrag zu leisten, sagte Otremba, ohne Details zu nennen.

Viele verschiedene Möglichkeiten

Über eine Brückenfinanzierung werde weiter beraten. Arcandor droht nach eigener Aussage die Insolvenz, wenn die überlebensnotwendige Finanzierung nicht bis zum 12. Juni steht. Zu diesem Zeitpunkt läuft ein 650-Millionen-Euro- Kredit aus. Die finanzielle Stabilisierung des Unternehmens sei Voraussetzung für die Aufnahme von Gesprächen über ein gemeinsames Konzept mit der Metro AG, teilte Arcandor in Essen mit. Unabhängig vom Kreditantrag bemüht sich Arcandor beim Bund weiter um eine Staatsbürgschaft in Höhe von 650 Millionen Euro aus dem “Wirtschaftsfonds Deutschland“. Eine Hilfe aus dem “Deutschlandfonds“ für notleidende Unternehmen galt zuletzt aber als sehr unwahrscheinlich, da Arcandor ein wichtiges Kriterium nicht erfüllt. So wird bezweifelt, dass das Unternehmen erst mit der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise und in Schieflage geraten ist.

Rettungsbeihilfen als Alternative hatte auch Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) angeregt. Folge kann dann allerdings ein drastischer Kapazitätsabbau sein. Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick betonte, Guttenberg und Vize-Kanzler Frank Walter Steinmeier (SPD) hätten dem Unternehmen “in persönlichen Gesprächen die Hand gereicht und uns diese Lösung empfohlen“. Die Bundesregierung favorisiert eine privatwirtschaftliche Lösung. Sie erwartet ein stärkeres Engagement der Arcandor-Eigentümer wie der Familie Schickedanz und der Privatbank Sal. Oppenheim. Beide zusammen halten etwa 60 Prozent der Anteile. Die Eigentümer hätten aus Sicht von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Mittel und Möglichkeiten, um dem Unternehmen zu helfen, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg. Es sei die feste Erwartung der Bundesregierung, dass dies die Eigentümer mit einem substanziellen Beitrag deutlich machen könnten, wenn sie an die Zukunft von Arcandor glaubten und von der Substanz und Werthaltigkeit überzeugt seien, sagte Steg.

Reaktionen

Auch Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) mahnte, Eigentümer und Manager von Arcandor in die Pflicht zu nehmen. Es gebe mehrere Bausteine, die bei einer möglichen Stützung des Unternehmens zu prüfen seien. Nach den bisher bekannten Fusionsplänen sollen Karstadt und Kaufhof zu einer “Deutschen Warenhaus AG“ unter Kaufhof-Führung zusammen gelegt werden. Karstadt und Kaufhof kommen insgesamt auf mehr als 200 Filialen. Metro-Berechnungen zufolge werden vermutlich rund 40 Warenhäuser auf der Strecke bleiben. Neben 30 Karstadt- Häusern dürften aber auch 10 Kaufhof-Filialen wegfallen. Für einige der Häuser gibt es Interesse von anderen Handelsketten.

Der Karstadt-Betriebsrat befürchtet außerdem scharfe Einsparungen in der Essener Arcandor-Zentrale, wo rund 2000 Menschen arbeiten. In den Karstadt-Häusern wurden bis Freitag fast eine Millionen Unterschriften für den Erhalt der Warenhauskette gesammelt. Appelle kamen auch von Bürgermeistern, die vielfach gerade die Schließung von Hertie-Filialen erleben und eine Verödung ihrer Innenstädte befürchten. Die Karstadt-Mitarbeiter wollen von Sonntagnacht an und zu Wochenanfang mit Mahnwachen und dem Verhängen von Schaufenstern für ihre Arbeitsplätze kämpfen. Metro hat beim Bundeskartellamt erste Gespräche über einen möglichen Zusammenschluss der Warenhäuser geführt.

Arcandor hat nach Angaben eines Unternehmenssprechers derzeit rund 2,6 Milliarden Euro Schulden. Ein im April vorgestelltes Sanierungskonzept sah bereits die Auslagerung von rund 10 000 der 82 000 Stellen vor. Die 92 Karstadt-Warenhäuser leiden unter hohen Mieten, die nach dem Verkauf der Warenhausimmobilien zu zahlen sind. Nach einem Gutachten der Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse-Coopers (PwC), über das das “Handelsblatt“ (Freitag) berichtet, droht Arcandor sogar die Überschuldung. PwC-Angaben, nach denen Arcandor allein im ersten Halbjahr (Oktober 2008 bis März) gut 600 Millionen Euro Verlust (negatives Ebit) erwirtschaftet hat, wurden aus Börsenkreisen bestätigt.

dpa

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