Wolfgang Ziele betreut seit 1975 geh- und sehbehinderte Werder-Fans im Weserstadion

Rollenspiel auf der Nordtribüne – manchmal feucht, meistens fröhlich

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Wolfgang Ziele leitet ein 15-köpfiges Team, das sich bei Werder um körperbehinderte Fans kümmert.

Bremen - von Daniel Cottäus. Günther Rußelmann wirkt glücklich, als er seinen Platz auf der Nordtribüne des Weserstadions eingenommen hat. „Das gibt heute ein 3:1“, ist sich der Werder-Fan vor dem Bundesliga-Spiel gegen den Deutschen Meister VfL Wolfsburg sicher.

Der strömende Regen, in dem der 57-Jährige vor der ersten Reihe sitzt, stört keineswegs: „Es geht hier nicht ums Wetter, sondern um Fußball“, stellt er klar. Seit mehr als 25 Jahren kommt Rußelmann zu den Heimspielen von Werder Bremen, nennt sich selbst „einen riesengroßen Fan“.

Die Stadionbesuche sind für den Ganderkeseer allerdings mit einigen Umständen verbunden, denn Rußelmann sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl. Menschen wie Wolfgang Ziele (63) ermöglichem ihm seine große Leidenschaft, sorgen dafür, dass er am Event Bundesliga live teilhaben kann.

Ziele, ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter bei Werder Bremen, ist seit 1975 dafür zuständig, dass die „Rolli-Fans“ im Weserstadion mit möglichst wenig Barrieren zu kämpfen haben. „Zum Fußball zu kommen, wäre ohne ihn bestimmt auch irgendwie möglich – aber es wäre viel komplizierter“, sagt Rußelmann.

Kaum hat sich das schwere, gusseiserne Tor drei in der Ostkurve des Weserstadions geöffnet, kommt man sich vor wie auf einer Familienfeier. Die Rollstuhlfahrer und ihre Begleitpersonen, die wie die anderen Fans ab 13.30 Uhr ins Stadion strömen, werden von Wolfgang Ziele und seinem Team nahezu alle persönlich begrüßt. Man kennt sich, ist per du. „Einige kommen schon seit vielen Jahren – klar baut sich da über die Zeit eine Beziehung auf“, erklärt Ziele.

Die Rollstuhlfahrer Hilde Timmermann und Günther Rußelmann verfolgen das Spiel von ihren Plätzen vor der Nordtribüne.

Auch Hilde Timmermann wird herzlich willkommen geheißen. Die Delmenhorsterin leidet an multipler Sklerose und ist seit 1985 auf den Rollstuhl angewiesen. „Wolfgang hat das alles sehr gut im Griff. Er kennt jeden hier“, sagt sie, rückt ihren Werder-Schal zurecht und macht sich auf den Weg zu ihrem Platz. Exakt 127 davon stehen im Bremer Stadion für Rollstuhlfahrer zur Verfügung, alle vor der ersten Reihe im Unterrang der Nordtribüne. Durch den Stadion-Umbau sind es aktuell allerdings nur 105. Wolfgang Ziele ist an diesem Tag seit zehn Uhr morgens im Einsatz. Viele Stunden bevor sich die ersten Fans dem Stadion nähern, hat der Rentner bereits die behindertengerechten Toiletten kontrolliert, sich um Restkarten für die Rollstuhlfahrer gekümmert und die Besprechung mit dem Sicherheitsdienst hinter sich.

„Es gibt eben viel zu tun“, sagt er und macht sich auf den Weg, die Behindertenparkplätze zu kontrollieren. Auf einem Seitenstreifen stehen drei Autos ohne entsprechenden Ausweis im Fenster. „Die dürfen da natürlich nicht parken“, ärgert sich Ziele, „sobald die Polizei da ist, werden die abgeschleppt.“ Dem Behindertenbeauftragten ist deutlich anzumerken, dass er seine Arbeit aus Überzeugung macht. Auch in seiner mittlerweile 34. Saison ist der ehemalige Krankenpfleger noch immer Feuer und Flamme für das, was er tut. „Es ist doch wichtig, dass jemand für die Rollstuhlfahrer da ist, dafür sorgt, dass sie gut betreut werden“, sagt er, und es besteht kein Zweifel daran, dass er jedes Wort genauso meint.

Ziele, selbst Werder-Fan, besuchte in den 70er Jahren die Heimspiele mit einem alten Schulfreund, der nach einem Badeunfall an den Rollstuhl gefesselt war. „Irgendwann ist der Verein auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich mich nicht um alle Rollstuhlfahrer kümmern möchte“, erinnert er sich. Seitdem ist er auch unter der Woche rund 30 Stunden im Einsatz, ist für die Anfragen der behinderten Fans telefonisch jederzeit zu erreichen. „Ich glaube, ich habe ein Helfersyndrom“, sagt er und schmunzelt. Eine positive Eigenschaft, die offenbar abfärbt: Auch Zieles Tochter Alexandra (37) gehört zum 15-köpfigen Team, das sich bei Werder um körperbehinderte Fans kümmert.

Florian Reinecke kommentiert das Spiel für blinde Besucher. Der 30-jährige Student reist zu jedem Heimspiel extra aus Köln an.

Martina Reichsmann ist heute zum ersten Mal im Weserstadion. Sie und ihr Mann Antonio lassen sich von Wolfgang Ziele den Empfänger ihrer Kopfhörer einstellen. Das blinde Ehepaar sitzt zwar nicht im Rollstuhl, ist aber trotzdem auf Hilfe angewiesen. Für sie und acht weitere sehbehinderte Fans wird Florian Reinecke das Spiel kommentieren. Er sitzt nur einen Block weiter am Mikrofon. Der 30-jährige Student aus Köln reist zu jedem Heimspiel an. Nach wenigen Handgriffen hat Wolfgang Ziele die Kopfhörer eingestellt. Antonio Reichsmann ist zufrieden. „Ich werde oft gefragt, warum gehst du ins Stadion? Du siehst doch sowieso nichts“, sagt er. „Aber hier bekomme ich die ganze Atmosphäre mit – das ist wunderbar.“

Kurz vor Spielbeginn gibt es plötzlich Aufregung. Eine Bodenplatte im Rollstuhlfahrerbereich hat sich gelöst und steht einige Zentimeter hoch. „Vor allem für die sehbehinderten Fans eine Stolperfalle“, sagt Ziele. Ein Anruf beim Hausmeisterdienst, und fünf Minuten später ist auch dieses Problem gelöst. Pünktlich zum Anstoß haben Wolfgang Ziele und sein Team alle Fans auf den entsprechenden Plätzen untergebracht. Während der ersten Halbzeit bleibt für den Behindertenbeauftragen aber trotzdem kaum Zeit zum Fußballgucken: Die Kartenabrechnung steht an. Nur nebenbei bekommt Ziele mit, dass Werder durch das Tor von Edin Dzeko in der 42. Minute in Rückstand gerät.

Pünktlich zum Pausenpfiff steht er dennoch gerne zum Fachgespräch zur Verfügung. „Das läuft heute nicht“, ärgert sich Hilde Timmermann. Günther Rußelmann ist da schon optimistischer und hält nach wie vor an seinem 3:1-Tipp fest. In der zweiten Halbzeit läuft alles weitestgehend ruhig, und der Behindertenbeauftragte findet etwas Zeit, um in seinen Erinnerungen zu kramen. Vor allem die Erstrunden-Partie der UEFA-Cup-Saison 2000/ 2001 gegen den türkischen Club Antalyaspor ist Ziele im Gedächtnis geblieben. Werder hatte durch einen 6:0-Sieg die 0:2-Hinspielschlappe wettgemacht. „Nach Spielschluss sind viele Anhänger auf der Nordtribüne Richtung Spielfeld gedrängt. Da mussten wir sehen, dass wir die Rollstuhlfahrer schnell in Sicherheit bringen“, blickt der gebürtige Bremer zurück.

Auch der Jahrhundertsommer vor sechs Jahren stellte Wolfgang Ziele und sein Team vor große Probleme. „Die Leute sind uns reihenweise kollabiert, so dass wir sie aus dem Innenraum holen mussten.“ Die Partie gegen Wolfsburg ist fast vorbei. Edin Dzeko hat die Niedersachsen soeben erneut in Führung geschossen – 2:1. „Das war’s dann wohl“, seufzt Ziele enttäuscht und verlässt noch einmal kurz den Innenraum, um am Infostand nach dem Rechten zu sehen. Als er in der Nachspielzeit wieder auf die Nordtribüne geht, kommt er gerade noch rechtzeitig, um den Last-Minute-Ausgleich von Per Mertesacker mitzuerleben. Für einen kurzen Moment zeigt sich der Werder-Fan Ziele: Die Faust gen Himmel geballt nimmt er aber sogleich wieder seine Arbeit auf und verabschiedet „seine“ Fans genauso herzlich, wie er sie empfangen hat.

„Danke, Herr Ziele“, sagt Karl-Gerd Buß mit strahlenden Augen, während ihn seine Begleitperson hinausschiebt. Der Oldenburger kommt seit 40 Jahren ins Weserstadion und weiß, was er Ziele zu verdanken hat. „Er tut wirklich alles für uns. Ich kann mir da ein Urteil erlauben“, sagt der 80-Jährige mit einem Augenzwinkern.

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