Nur 13 Punkte in 14 Spielen: Für die katastrophale Bremer Rückrunde gibt es viele Gründe

Die Wurzeln des Werder-Übels

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Die ungeklärte Zukunft scheint Claudio Pizarro arg zu beschäftigen – der Werder-Torjäger enttäuschte zuletzt total.

Bremen - Von Malte Rehnert - Die Zahlen sind katastrophal. Platz 15 in der Rückrunden-Tabelle, nur zwei mickrige Siege, aber schon sieben Unentschieden und fünf Niederlagen – macht insgesamt 13 Punkte.

Seit Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995 hatte Werder in einer Rückrunde nach dem 31. Spieltag erst ein Mal weniger, in der Saison 1998/99 waren es zwölf. Mittlerweile ist es schon so, dass sich selbst Abstiegskandidaten wie Hertha, Augsburg oder Köln freuen, wenn sie gegen die Bremer spielen. Denn da gibt es immer irgendwas zu holen. Aber warum ist Werder derartig abgeschmiert und hat deshalb nur noch ganz geringe Hoffnungen auf die Europa League? Eine Analyse.

Verletzungen

Immer wieder fallen Spieler aus, das zieht sich durch die ganze Saison. Doch 2012 ist es besonders schlimm. Aaron Hunt, Sebastian Prödl, Marko Marin, Mehmet Ekici, Tim Wiese – und, und, und. Werder konnte eigentlich nie zwei Mal in Folge mit der gleichen Mannschaft spielen.

Personalentscheidungen

Trainer Thomas Schaaf trifft Entscheidungen, die mitunter schwer nachvollziehbar sind – und er korrigiert sie nicht oder erst spät. Das Paradebeispiel: Gegen Gladbach stellte er plötzlich Naldo auf die „Sechs“. Der brasilianische Innenverteidiger irrte umher und offenbarte, dass diese Position im defensiven Mittelfeld gar nichts für ihn ist. Trotzdem musste er in Stuttgart wieder dort ran – und enttäuschte erneut. „Ich habe versucht zu helfen“, sagt der 29-Jährige. Es blieb beim Versuch. Weil gegen Bayern nun Sokratis gesperrt ist, „spiele ich wieder hinten“, hofft Naldo.

Zudem war nicht zu übersehen, dass Linksverteidiger Florian Hartherz dringend mal eine Pause brauchte. Der 18-Jährige hatte sich in der Wintervorbereitung aufgedrängt und in seinen ersten Bundesliga-Partien mit seiner Unbekümmertheit für frischen Wind gesorgt. Doch dann ließ er immer mehr nach, verschuldete mehrere Gegentore. Trotzdem setzte Schaaf weiter auf ihn und ließ Lukas Schmitz auf der Bank – bis zum 29. Spieltag.

Transferpolitik

Sportchef Klaus Allofs hatte mal eine stattliche Trefferquote bei Zugängen. In dieser Saison kann man ihm nur zum Transfer von Sokratis gratulieren. Ansonten hilft Werder bislang keiner der Neuen wirklich weiter – das gilt auch für die Winterverpflichtungen. Francois Affolter und Zlatko Junuzovic, immerhin Nationalspieler aus der Schweiz und Österreich, sind nur Mitläufer. Innenverteidiger Affolter hat schon einige „Böcke“ geschossen, Mittelfeldmann Junuzovic fehlen Durchsetzungsvermögen und spielerische Raffinesse.

Allofs und auch Trainer Thomas Schaaf, mit dem er die Transfers abstimmt, stehen trotzdem nicht zur Diskussion. Obwohl Werder vermutlich zum zweiten Mal hintereinander die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb verpasst, verkündete Aufsichtsratschef Willi Lemke in der „Bild“-Zeitung: „Klaus Allofs und Thomas Schaaf haben unser Vertrauen. Wenn man so lange erfolgreich war, muss man den Verantwortlichen auch mal nachsehen, wenn zwei nicht so erfolgreiche Jahre dabei sind.“

Offene Zukunft

13 Profiverträge laufen am Saisonende aus. „Kein Spieler trifft den Ball besser oder schlechter, weil er darüber nachdenkt“, hat Schaaf kürzlich gesagt. Die ungeklärte Zukunft scheint einem aber doch ziemlich zu schaffen zu machen – und das ist ausgerechnet Claudio Pizarro, dessen Tore Werder so dringend braucht. Vier Mal hinterein-ander (und damit so lange wie nie in dieser Saison) hat der Peruaner aktuell nicht getroffen. Seit Mitte März, als die Gerüchte über Gehen oder Bleiben hochkochten, steht „Piza“ neben sich. Haben ihm die Bayern, die ihn angeblich zurückholen wollen, den Kopf verdreht? Entweder hat er gar keine Chancen oder er versiebt sie – total untypisch für den 33-Jährigen, der bei Werder fristgerecht gekündigt und noch nicht kundgetan hat, wie es mit ihm weitergeht.

Kaufoption gezogen, aber bleibt Sokratis?

Bleibt Sokratis bei Werder Bremen?

Tim Wiese dagegen wird gehen und weiß auch schon, wohin. Er sagt es aber nicht, wird deshalb ständig gelöchert – und ist genervt von diesem Thema, das ihn womöglich auch ein bisschen ablenkt. Beim 1:4 in Stuttgart jedenfalls wirkte der 30-Jährige zuletzt ziemlich unkonzentriert. Er tauchte unter Bällen durch, einige Abwürfe landeten direkt beim Gegner.

Cleverness

In den letzten drei Spielen in Köln, gegen Gladbach und in Stuttgart führte Werder mit 1:0, gewann aber nicht (1:1, 2:2, 1:4). „Da fehlt die Cleverness“, moniert Sportchef Klaus Allofs. Werder ist nicht in der Lage, entscheidend nachzulegen. „Weil wir nicht zielstrebig genug sind“, urteilt Kapitän Clemens Fritz. Auch fehlt die Ruhe, mal einen Vorsprung über die Zeit zu bringen. Die Mannschaft kann Rückschläge überhaupt nicht verkraften. „Keine Ahnung, warum wir dann so verunsichert sind“, sagt Keeper Tim Wiese. Bezogen auf das Stuttgart-Spiel, kritisiert Naldo: „Nach dem 1:2 hatten wir keine Überzeugung mehr, waren nicht kompakt.“

Standards

17 Gegentreffer nach Standards, elf davon nach Ecken – trotz vorheriger Einteilung. Leichte Tore, die Werder immer wieder wehtun. Negativer Höhepunkt: Gegen Stuttgart (1:4) gab’s gleich drei. „Das darf natürlich auf keinen Fall passieren“, räumt Zlatko Junuzovic zerknirscht ein. Und bei eigenen Standards ist Werder viel zu ungefährlich.

Leidenschaft

Mal kämpfen die Bremer bravourös (in Hamburg oder gegen Gladbach), mal fehlt ihnen jegliches Feuer. „Wir bekommen diese Leidenschaft zu selten hin“, krittelt Allofs. Der Teamgeist – ein Dauerreizthema in der vergangenen Fast-Abstiegssaison – ist erneut stark verbesserungswürdig. „Wir müssen mehr fürein-ander da sein“, fordert Zlatko Junuzovic, „den anderen auch mal aus der Scheiße ziehen.“ Bisweilen wirkt Werder auf dem Platz so emotionslos wie Trainer Thomas Schaaf derzeit abseits davon. Selbst die Abschiedsankündigung des langjährigen Stammkeepers Tim Wiese entlockte dem 50-Jährigen keine Gefühlsregung: „Tim hat es mir mitgeteilt, ich habe es hingenommen.“ Vielleicht färbt des Auftreten des Trainers inzwischen ein bisschen auf die Mannschaft ab.

Disziplin

Wenn einer nicht fehlen durfte, dann er. Torjäger Claudio Pizarro war/ist mit seinen Treffern die Bremer Lebensversicherung. Aber dann gab er Hannovers Emanuel Pogatetz am 11. März eine Ohrfeige und wurde nachträglich für zwei Spiele gesperrt.

An der Disziplin mangelt es mitunter auch im taktischen Bereich, was Naldos Aussage vom Wochenende unterstreicht: „Wir laufen viel, aber nicht richtig.“

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