BFC-Legenden Jürgen Bogs und Frank Rohde erinnern sich

Dynamos Albtraum an der Weser: „Unvergessen“

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Manfred Burgsmüller erzielt das 4:0 für Werder gegen Dynamos Marko Köller (li.) Frank Rohde und Burkhard Reich.

Von Stefan Zwahr. Um dieses Spiel ranken sich viele Mythen. Am 11. Oktober 1988 empfing der SV Werder Bremen Dynamo Berlin im Europapokal der Landesmeister – und gewann nach einer 0:3-Hinspielniederlage sensationell mit 5:0.

Ein Spiel, das als zweites „Wunder von der Weser“ in die Bremer Vereinsgeschichte einging – und das vor allem die Verlierer bis heute beschäftigt. Was ist damals in Bremen genau passiert? 30 Jahre danach schildern der damalige Dynamo-Trainer Jürgen Bogs und sein langjähriger Abwehrspieler Frank Rohde ihre Erinnerungen. Lange überlegen müssen die beiden nicht, wenn sie auf die Ereignisse von damals angesprochen werden. „Eigentlich bleibt so etwas immer in Erinnerung“, sagt Rohde – zeigt sich dann aber doch verwundert: „30 Jahre ist das schon her? Wahnsinn!“

Europacup-Spiele seien nach seinen Worten auch für den DDR-Serienmeister (Rohde war bei acht von zehn Titelgewinnen dabei) immer etwas Besonderes gewesen. „Und so ein deutsch-deutsches Duell sowieso.“ Bogs betont, dass das Match gegen Bremen mehr als ein Spiel gewesen sei. „Politisch war es sehr hoch angebunden. Es ging darum, den Klassenfeind zu schlagen.“ Das brachte Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, zum Ausdruck, als er das Team wenige Tage vor dem Rückspiel im legendären Besprechungsraum des Sportforums in Hohenschönhausen zusammenholte. „Da gab es deutliche Worte“, erinnert sich Bogs.

Gegen Moskau das erste „Wunder von der Weser“

10957 Tage sind seit dem Spiel im Weserstadion vergangen. „Wenn ich darauf angesprochen werde, fällt mir alles wieder ein. Das kann man nicht verdrängen“, so der mittlerweile 71-jährige Coach – der einräumt, dass sein Team im Hinspiel „mörderisches Glück“ hatte. Bremen habe eine Vielzahl von Chancen nicht genutzt. „Und Torwart Bodo Rudwaleit hat einfach alles gehalten.“ Thomas Doll (16.), Andreas Thom (62.) und Frank Pastor (77.) trafen vor 21.000 Zuschauern für den BFC.

„Im Hinspiel haben wir sehr gut gespielt. An ein solches Ergebnis war überhaupt nicht zu denken. Aber wir wussten, dass wir nicht durch sind“, sagt Rohde, der damals 28 Jahre alt war und nach der Wende für den Hamburger SV und Hertha BSC spielte. Er berichtet von einer sehr guten Vorbereitung auf das entscheidende Duell. „Wir haben Videos gesehen vom Bremer Sieg gegen Spartak“, erinnert sich Bogs. Gegen Moskau hatte Werder 1987 das erste „Wunder von der Weser“ gefeiert, gewann nach einem 1:4 im Rückspiel den zweiten Vergleich mit 6:2. „Manager Willi Lemke hat gegen Spartak die gleichen Dinger wie gegen uns abgezogen“, will Bogs wissen.

Bogs: „Die Spieler wollten einkaufen - das gab es am Spieltag nicht“

Was passierte denn nun an jenem Dienstagabend im Herbst 1988? „Die Probleme fingen schon vor der Abfahrt an“, weiß Bogs, „als wäre es gestern gewesen“. Alles sei durcheinander gegangen. Während der Mannschaftsrat abgesprochen habe, dass die Anreise am Sonntag (also zwei Tage vor dem Spiel) erfolgen sollte, sei kurzfristig „von oben“ festgelegt worden, dass der Bus erst am Montagmorgen Berlin verlassen dürfe.

Grund: 1983 hatten sich die Nationalspieler Falko Götz und Dirk Schlegel bei einem Europapokalspiel abgesetzt. Seither durfte Dynamo Berlin bei Reisen ins westliche Ausland nur noch einmal übernachten. Und im Bus gab es laut Rohde „Mitreisende mit schwarzen Hosen und Schuhen“. Die hätten aufgepasst, dass alle wieder zurückkommen. „Bei solchen Touren war das noch extremer als bei Fahrten nach Schottland.“

Die ohnehin verspätete Anreise gestaltete sich dann schwierig. „Statt um zwölf, waren wir erst um drei in Bremen, weil wir in zwei Staus standen.“ Diese Zeit fehlte für die Shoppingtour. Bogs: „Die Spieler wollten einkaufen. Das gab es am Spieltag nicht. Und an jenem Montag durften sie dann nur eine halbe Stunde ins Kaufhaus.“ Ihren Unmut darüber hätten im Namen der Mannschaft vor allem Rohde und Rainer Ernst zum Ausdruck gebracht. Der Vorwurf: „Die Leitung darf in Ruhe Shoppen, wir nicht.“

Jürgen Bogs war von 1977 bis 1989 und von 1999 bis 2001 Trainer beim BFC Dynamo.

Das habe Werder-Manager Willi Lemke spitz bekommen. „Der machte über Nacht ein Hotelzimmer im ,Mercure’ leer. Da wurden dann am Spieltag alle möglichen Dinge verkauft. Das ging bis in den Nachmittag.“ Der Bus habe laut Bogs dementsprechend ausgesehen, sei bis unter das Dach voll gewesen. Seine Spieler hätten sich mit Haushaltsgeräten, Fernsehern und Unterhaltungselektronik eingedeckt. 

Bei den Schilderungen zu den Ereignissen in Bremen gehen die Versionen der Beteiligten auseinander. Rohde sagt heute: „Was in den Jahren über dieses Spiel so erzählt wurde, ist alles völliger Quatsch. Der Ablauf war wie immer beim Europacup.“ So habe es einen zweistündigen Einkaufsbummel am Tag vor dem Spiel gegeben.

Werder wie im Rausch

Eindeutig ist aber: In der Partie selbst ist die Welt zur Pause noch in Ordnung gewesen. Dynamo lag mit 0:1 zurück. „Dann hat sich Bremen in einen Rausch gespielt. Was die in der Offensive hatten, war aber auch sensationell. Über ,Kalle’ Riedle müssen wir nicht sprechen. Und auch Norbert Meier, Mirko Votava und Manfred Burgsmüller waren dabei. Die waren genial und haben das Ding so umgebogen.“ Rohde erinnert sich daran, dass Frank Pastor eine Riesenchance zum 1:3-Anschlusstreffer gehabt habe. „Dann wären wir wieder im Rennen gewesen.“ Letztlich sorgten Michael Kutzop (22.), Günter Herrmann (55.), Karl-Heinz Riedle (62.), Manfred Burgsmüller (70.) und Thomas Schaaf (90.) für den Endstand.

„Eine einzige Katastrophe“ sagt Jürgen Bogs rückblickend. „Im Spiel lief alles quer. Angefangen in der 22. Minute. „Rune Bratseth wäre mit Ball ins Aus gelaufen, aber Rohde verschuldete einen Elfmeter. In der zweiten Halbzeit ging gar nichts mehr. Da sind die Tore gefallen, und eins war besser als das andere.“ Nach vier Jahrzehnten im Trainergeschäft sagt Bogs: „Es war die spektakulärste Niederlage in meiner Laufbahn. Die bitterste war es nicht.“ In dieser Kategorie führe eindeutig ein Ergebnis von 1978. Nach dem 5:2-Hinspielsieg musste Dynamo bei Roter Stern Belgrad in der Nachspielzeit das 1:4 hinnehmen. „Durch die Auswärtstor-Regelung waren wir damit raus.“

Fotostrecke: Die Wunder von der Weser

Das erste Wunder von der Weser: Manfred Burgsmüller (2.vl.) freut sich gemeinsam mit Mirko Votava (v.l.), Frank Neubarth und Karl-Heinz Riedle über sein Tor zum zwischenzeitlichen 6:1 im UEFA-Cup gegen Spartak Moskau. 
Das erste Wunder von der Weser: Manfred Burgsmüller (2.vl.) freut sich gemeinsam mit Mirko Votava (v.l.), Frank Neubarth und Karl-Heinz Riedle über sein Tor zum zwischenzeitlichen 6:1 im UEFA-Cup gegen Spartak Moskau.  © imago
Gunnar Sauer (v.l.), Rune Bratseth und Jonny Otten feiern am Ende einen famosen 6:2-Sieg über Spartak Moskau am 4. November 1987. Das Hinspiel hatte Werder 1:4 verloren.
Gunnar Sauer (v.l.), Rune Bratseth und Jonny Otten feiern am Ende einen famosen 6:2-Sieg über Spartak Moskau am 4. November 1987. Das Hinspiel hatte Werder 1:4 verloren. © imago
Das zweite Wunder von der Weser: Mit einem 5:0 setzte sich Werder am 11. Oktober 1988 gegen Dynamo Berlin im Europapokal der Landesmeister durch. Hier erzielte Karl-Heinz Riedle das 3:0 für den SVW.
Das zweite Wunder von der Weser: Mit einem 5:0 setzte sich Werder am 11. Oktober 1988 gegen Dynamo Berlin im Europapokal der Landesmeister durch. Hier erzielte Karl-Heinz Riedle das 3:0 für den SVW. © imago
Hier bejubeln die Werderaner den Treffer zum 4:0. Torschütze: Manfred Burgsmüller. Mit dem 5:0 bog Werder das 0:3 aus dem Hinspiel um.
Hier bejubeln die Werderaner den Treffer zum 4:0. Torschütze: Manfred Burgsmüller. Mit dem 5:0 bog Werder das 0:3 aus dem Hinspiel um. © imago 
Das dritte Wunder von der Weser: Am 8. Dezember 1993 gewinnt Werder gegen den RSC Anderlecht mit 5:3 in der neu entstandenen Champions League, obwohl die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel zur Pause mit 0:3 hinten lag.
Das dritte Wunder von der Weser: Am 8. Dezember 1993 gewinnt Werder gegen den RSC Anderlecht mit 5:3 in der neu entstandenen Champions League, obwohl die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel zur Pause mit 0:3 hinten lag. © imago
Wynton Rufer konnte es nicht glauben: 5:3 nach einem 0:3-Rückstand. Das dritte Wunder von der Weser war perfekt. Der Beweis im Hintergrund: Die Anzeigetafel inklusive aller Torschützen.
Wynton Rufer konnte es nicht glauben: 5:3 nach einem 0:3-Rückstand. Das dritte Wunder von der Weser war perfekt. Der Beweis im Hintergrund: Die Anzeigetafel inklusive aller Torschützen. © imago
Das vierte Wunder von der Weser: Am 7. Dezember 1999 fegte Werder Olympique Lyon im UEFA-Cup vom Platz. Damals mit auf dem Platz: Frank Baumann, späterer Sportchef.
Das vierte Wunder von der Weser: Am 7. Dezember 1999 fegte Werder Olympique Lyon im UEFA-Cup vom Platz. Damals mit auf dem Platz: Frank Baumann, späterer Sportchef. © imago
Ailton bildete gemeinsam mit Marco Bode und Claudio Pizarro das Offensiv-Trio von Werder und ließ Lyon am Ende keine Chance. Im Hinspiel war Werder noch 0:3 untergegangen.
Ailton bildete gemeinsam mit Marco Bode und Claudio Pizarro das Offensiv-Trio von Werder und ließ Lyon am Ende keine Chance. Im Hinspiel war Werder noch 0:3 untergegangen. © imago

Auch das Duell bei Werder Bremen hatte für Bogs ein Nachspiel – aber nicht von Clubseite. „Wir fuhren noch am selben Abend zurück. Zwei Tage später musste ich beim Generalsekratär des Fußballverbandes antanzen. Mir wurde ein Verweis ausgesprochen, weil ich angeblich während des Spiels nicht mehr auf die Mannschaft eingewirkt habe. Das verstehe ich bis heute nicht. Ich war lange genug mit der Mannschaft zusammen, um zu merken, dass an diesem Abend nichts geht. Was soll ich da rumhampeln, wenn sowieso nichts geht?“ Aber wenigstens seien die Spieler zufrieden gewesen. „Sie konnten alles kaufen, was sie zusammenhaben wollten.“

Ganz so einfach war die Verarbeitung laut Frank Rohde aber nicht. „Die Enttäuschung war bei allen riesengroß. Es war Totenstille im Bus.“ Am Ende der Fahrt trafen sich die Spieler bei Rohde. „Wir haben ein bisschen was für den Mannschaftsgeist getan, weil wir nicht in eine Negativserie wollten.“ Das gelang: Am Sonnabend danach gewannen die Berliner mit 5:1 gegen den FC Karl-Marx-Stadt. Vergessen war das Bremen-Spiel damit nicht. „Aber so ist halt Fußball. Später habe ich auch mit dem HSV mal fünf Dinger bekommen. Das passiert", sagt Rohde.

Quelle: DeichStube

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