Jeden Tag die Frage nach dem Trainer

„Wir wurden durchs Dorf getrieben“

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Klaus-Dieter Fischer gibt den Medien die Schuld, dass sich Werder von Trainer Thomas Schaaf trennen musste. ·

Bremen - Am Tag als Thomas Schaaf den SV Werder verließ, da wollte Klaus-Dieter Fischer nicht reden. „Ich war emotional zu aufgeladen“, berichtet der Präsident und Geschäftsführer des Bundesligisten gestern.

Der 72-Jährige kennt Schaaf seit über 40 Jahren, hat ihn zum Trainer gemacht und ihm immer den Rücken gestärkt. Im Interview spricht Fischer nun darüber, warum es zur Trennung von Schaaf kam, wie er dessen Zukunftschancen einschätzt und was er von Werders neuem Coach erwartet.

Herr Fischer, haben Sie wegen der Trennung von Thomas Schaaf ein schlechtes Gewissen?

Fischer:Nein! Wir haben nach unserer Überzeugung gehandelt. Wenn jemand ein schlechtes Gewissen haben muss, dann ist es eher die Presse, die Werder Bremen und Thomas Schaaf mindestens in den letzten zwölf Wochen durchs Dorf getrieben hat. Jeden Tag kam die Frage, was mit dem Trainer ist – auch von der Kreiszeitung.

Haben Sie zumindest ein schlechtes Gefühl nach der sicher schwierigen Entscheidung gegen Schaaf?

Fischer:Trainerentlassungen sind nie einfache Entscheidungen. Bei Werder erst recht nicht, weil sie hier kein Normalfall sind. Aber wenn Entscheidungen fällig sind, dann muss man sie treffen.

Sie waren also nicht mehr davon überzeugt, dass Thomas Schaaf der richtige Trainer für Werder Bremen ist.

Fischer:Nein, das ist falsch. Erst einmal möchte ich betonen, dass es eine einvernehmliche Trennung war. Wir haben immer gesagt, dass wir nach der Saison alles analysieren werden. Ich habe dabei von „jeden Stein umdrehen“ gesprochen, daran haben Journalisten aber noch ein „über Personen sprechen“ drangehängt. Das war falsch, das habe ich so nicht gesagt. Und daraus ist die Welle entstanden: Fischer rückt von Thomas Schaaf ab, dabei bin ich keinen Zentimeter von ihm abgerückt.

Was hat denn den Ausschlag für die Trennung gegeben?

Fischer:Wir haben am Montag angefangen, über die vergangene Saison und die Neuausrichtung zu sprechen. Wir, das waren die drei Geschäftsführer und Thomas Schaaf. Ein Thema war: Was geschieht eigentlich, wenn die ersten Transfers kommen? Wer wird dann durchs Dorf getrieben, weil die Ein- oder Verkäufe nicht richtig sein sollen? Was passiert eigentlich, wenn wir das erste Freundschaftsspiel verlieren? Und was geschieht, wenn wir nicht gleich furios in die Saison starten? Kommt dann sofort wieder die Kritik von außen, haben wir dann wieder die jetzige Situation? Ich erinnere nur daran: Das letzte halbe Jahr war eigentlich nicht aushaltbar. Thomas Schaaf hat ganz klar gesagt, er hält diesen Druck weiter aus. Die Frage war nun, ob wir diesen Druck gemeinsam aushalten. Am nächsten Tag haben wir dann mit Thomas Schaaf gemeinsam entschieden, dass es für Werder, für alle, die beste Lösung ist, wenn wir uns einvernehmlich trennen.

Wir groß war da Schaafs Enttäuschung?

Fischer:Es war keine Enttäuschung, denn er wusste, dass es für Werder die beste Lösung ist. Er hat ja schon immer Aussagen in diese Richtung gemacht.

Sie haben das schlechte Verhältnis zwischen den Medien und Thomas Schaaf angesprochen. Sind dafür nur die Medien verantwortlich oder hat auch er seinen Teil dazu beigetragen?

Fischer:Thomas Schaaf hat keinen Anteil daran, dass zwölf Wochen lang gefragt wurde, ob er noch Trainer sein soll.

Darf ein Trainer nicht kritisiert werden, wenn er drei Jahre nicht den gewünschten Erfolg hat, nicht mehr gewinnt und in den Abstiegsstrudel gerät?

Fischer:Es ging nie um die Frage einer berechtigten Kritik. Es ging um die Frage eines fairen Umgangs. Ich finde, den gab es nicht mehr.

Wenn es nach rein sportlichen Aspekten gegangen wäre, dann wäre Schaaf also noch Trainer?

Fischer:Er hat einen Vertrag bis 2014, den hätten wir erfüllt.

Obwohl die sportlichen Erfolge in den letzten Jahren ausgeblieben sind?

Fischer:Man muss auch überlegen, welche Gründe es dafür gab. Wir haben im Sommer den ersten Schritt zum Umbruch gemacht – und haben uns dann etwas blenden lassen von den teilweise hervorragenden Spielen unserer Mannschaft. Das Wintertrainingslager in Belek war dann das Beste, das ich je erlebt habe. Trotzdem haben wir in der Rückrunde nur noch zwei gute Spiele gemacht.

Warum?

Fischer:Das ist sicher kein Resultat der täglichen Arbeit des Trainers. Wir hatten einfach zu unterschiedliche Charaktere in der Mannschaft, was sich schließlich in der Aktion von Arnautovic und Elia auch ganz öffentlich gezeigt hat. Die Mannschaft ist so erst sehr spät wieder richtig zusammengewachsen.

Klaus Allofs ist im November nach Wolfsburg gegangen, Schaaf ist jetzt weg – was hat Werder da verloren?

Fischer:Wir haben zwei hervorragende Leute verloren, die eine glorreiche Ägide geprägt haben – vergleichbar mit der Ägide von Otto Rehhagel. Man muss aber auch sagen, dass wir es in den letzten Jahren nicht verstanden haben, diese erfolgreiche Arbeit fortzusetzen. Wir haben in der Phase Allofs/Schaaf immer Spieler geholt, die als extrem talentiert, aber schwierig galten. Da haben wir uns rangewagt. Dieser Weg hat in den letzten drei Jahren nicht mehr funktioniert. Solche Transfers sind dann für einen Verein wie Werder finanziell schmerzhaft.

Wird sich das Konzept jetzt ändern?

Fischer:Den Ansatz von Thomas Eichin, mit jungen Leuten durchzustarten und gestandene Profis dazuzuholen, finde ich sehr gut.

Wann muss Werder den neuen Trainer präsentieren?

Fischer:Wir setzen uns nicht unter Druck. Aber für die Vorbereitung der neuen Saison wäre es gut, wenn es nicht zu lange dauert.

Die Situation erinnert an 1995, als Otto Rehhagel den Club nach ebenfalls 14 Jahren verlassen hat. Mit seinem Nachfolger Aad de Mos hatte Werder kein Glück. Welcher Fehler darf sich nicht wiederholen?

Fischer:Wir haben uns damals gegen einen jungen und für einen erfahrenen Trainer entschieden. Wir hatten damals allerdings auch eine erfahrene und intakte Mannschaft. Trotzdem war das ein Fehler.

Bekommt Werder nun also einen jungen Wilden?

Fischer:Wir werden sicherlich keinen Novizen holen. Wir müssen schon beurteilen können, wie der neue Trainer arbeitet. Er muss schon Vereine trainiert haben.

Also sind Ex-Profis mit Trainerschein, aber bislang ohne Verein kein Thema?

Fischer:Ich schließe nur aus, dass wir einen Trainer aus der alten Garde holen, die immer aufgerufen wird, wenn irgendwo ein Posten frei geworden ist.

Was erwarten Sie vom neuen Trainer, wie soll der neue SV Werder aussehen?

Fischer:Dass er es schafft, ein Team zu formen, dass den modernen Fußball beherrscht.

Ist das hier in den vergangenen Jahren verloren gegangen?

Fischer:Wenn ein Trainer 14 Jahre in einem Verein ist, dann hat er seine Vorstellungen, dann hat er sein System. Aber Thomas Schaaf hat sich auch auf Situationen eingestellt, hat sich verändert. Er hat zum Beispiel nicht stur an seiner Raute festgehalten. Und wie er die Mannschaft zuletzt zusammengeschweißt hat, das war schon beachtlich.

Was wünschen Sie Thomas Schaaf?

Fischer:Er ist und bleibt einer der besten Trainer in Deutschland. Ich hätte ihm einen tollen Abschied gewünscht. Doch seinem ausdrücklichen Wunsch, sofort einen Schlussstrich zu ziehen, sich nicht mehr öffentlich zeigen zu müssen, haben wir selbstverständlich entsprochen.

Wird es noch eine offizielle Verabschiedung geben?

Fischer:Wir hoffen, dass es die Möglichkeit gibt.

Wie wird sich Ihr Verhältnis zu Thomas Schaaf verändern, wird es einen Knacks geben?

Fischer:Die Ära Thomas Schaaf als Bundesliga-Trainer hat für mich mit einer Träne im Auge angefangen – nach dem 1:0-Sieg 1999 gegen Schalke. Und sie ist jetzt bei der Umarmung nach der Entscheidung mit einer Träne zu Ende. Ich bin sicher unser persönliches Verhältnis bleibt so wie es war, denn Thomas hat immer gewusst wie ich über ihn denke.

Ist es denkbar, dass Schaaf irgendwann in einer anderen Funktion wieder für Werder tätig sein wird?

Fischer:Thomas Schaaf wird immer ein Teil von Werder bleiben. Aber ich glaube, dass er schon bald einen neuen Verein findet, und dann wird man sehen, wie es weitergeht.

Glauben Sie nicht an eine Pause?

Fischer:Nein. Es ist ja sensationell: Thomas Schaaf hat hier 1984 als Jugendtrainer angefangen, ist kontinuierlich seinen Weg gegangen. Das ist eine Erfolgsgeschichte, die es im Fußball nie mehr geben wird, aber die für Thomas noch nicht zu Ende ist. · kni

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