Assani Lukimya erklärt, warum Werder so einen guten Teamgeist hat und er lieber einfach spielt

„Wir sitzen da in der Kabine rum und erzählen Blödsinn“

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Auch wenn er mit Werders Saison nicht zufrieden ist, hat Assani Lukimya Spaß bei der Arbeit, weil der Teamgeist stimmt. ·

Bremen - Fußball kommt inzwischen immer komplizierter daher. Doch da macht Assani Lukimya nicht mit. Der Werder-Profi fordert im Abstiegskampf den einfachen Fußball. „Man sollte jetzt keine Kunststücke ausprobieren“, sagt der 28-Jährige. Im Interview erklärt der Innenverteidiger auch, warum es für ihn im Strafraum manchmal so schwierig ist, warum Werder so einen guten Teamgeist hat und warum sich die Mannschaft bald weiterentwickeln muss.

Herr Lukimya, wir haben Ihnen für Ihr verrücktes Spiel gegen Stuttgart mit dem verursachten Elfmeter, der Rettungstat und der Torbeteiligung beim Freistoß die Note drei gegeben – ist das in Ordnung?

Assani Lukimya:Ich gucke nicht mehr darauf, was ich für Noten bekomme. Wichtig ist, dass ich selbst ein Gefühl dafür habe, was für ein Spiel es von mir war. Gegen Stuttgart war es okay, mehr aber auch nicht.

Dann liegen wir mit Note drei doch ganz gut, oder?

Lukimya:Die würde ich mir auch so geben.

Keeper Raphael Wolf hat nach dem Spiel gesagt, so gut wie Sie hätte bei der Aktion zum Elfmeter kein Torwart reagieren können. Wann stehen Sie im Kasten?

Lukimya:(lacht) Nein, nein, das wird nicht passieren. Die Situation hat sich einfach so ergeben. Und ich kann nur noch einmal sagen, dass es aus meiner Sicht kein Elfmeter war. Aus zwei Metern kannst du gar nicht reagieren – und ich habe meine Körperfläche nicht bewusst vergrößert. Aus zehn Metern ist das etwas anderes, da kann man reagieren und da kann man dann auch Elfmeter geben.

Wie schwierig ist es für Verteidiger, im Strafraum zur Sache zu gehen?

Lukimya:Es wird viel schneller Elfmeter gepfiffen als früher. Jede Ballberührung mit Hand oder Arm ist sofort ein Elfmeter. Aber man kann doch nicht mit den Händen auf dem Rücken durch den Strafraum laufen. Wie soll man da verteidigen, wie soll man da hochspringen? Die Schiedsrichter haben es allerdings auch nicht einfach, das hat man ja bei unserem Spiel gesehen. Der Schiedsrichter hat lange gezögert, bis er gepfiffen hat.

Es ist nicht nur ein verrücktes Spiel für Sie gewesen, sondern es ist auch eine verrückte Saison mit Aufs und Abs. Wie haben Sie vor einigen Wochen Ihren Tiefpunkt, als Ihr Patzer zum frühen 0:1 gegen Mönchengladbach und zu Ihrer Auswechslung geführt hatte, so schnell so gut verarbeitet?

Lukimya:Solche Dinge passieren im Fußball. Früher hätte ich mir mehr Gedanken darüber gemacht und wäre nicht so schnell wieder in Form gekommen. Aber ich bin alt genug. Ich habe kurz nachgedacht und mir dann vorgenommen, sofort wieder richtig gute Leistungen zu bringen. Das ist mir zum Glück auch gelungen.

Glück ist ein gutes Stichwort: Sie hätten nicht so schnell wieder gespielt, wenn Ihr Vertreter Felix Kroos nicht Gelb-Rot gesehen hätte. Wieviel Glück gehört zum Profi-Fußball dazu?

Lukimya:Im Fußball muss man sich sein Glück erarbeiten. Man kann nicht rumsitzen und darauf warten, dass das Glück irgendwann kommt, man spielt und gleich drei Tore schießt. Das geht nicht ohne gutes Training, ohne vernünftige Ernährung. Natürlich hatte ich etwas Glück, gleich diese Chance zu bekommen. Aber die Chance konnte ich auch nur nutzen, weil ich mich optimal darauf vorbereitet hatte.

Vor der Saison galten Sie als dritter Innenverteidiger hinter den beiden gesetzten Luca Caldirola und Sebastian Prödl. Trotzdem haben Sie bis zum 25. Spieltag 16 Mal in der Startelf gestanden. Fühlen Sie sich als Stammspieler?

Lukimya:Ich hatte vor der Saison ein Gespräch mit Trainer Robin Dutt. Er hat mir klargemacht, dass er uns Drei ungefähr auf dem gleichen Level sieht. Er meinte, es wird eine offene Sache und dass jeder zu seinen Einsätzen kommen wird. Der Trainer hat Wort gehalten.

16 von 25 ist doch mehr als okay, oder?

Lukimya:Ja, aber es zeigt auch, dass noch mehr drin ist.

Sind Sie nicht zufrieden?

Lukimya:Man kann doch mit der ganzen Saison nicht zufrieden sein. Es geht so oft hoch und runter. Wichtig war natürlich, dass wir uns immer wieder gefangen haben. Und wichtig ist jetzt, dass wir die letzten Spiele konsequent durchziehen und nicht absteigen.

Was wollen Sie persönlich besser machen?

Lukimya:Über Einzelleistungen zu sprechen, ist schwierig, wenn es insgesamt nicht so gut läuft. Man sieht ja jetzt, wie es laufen muss: Die Stürmer kommen direkt nach Ballverlust nach hinten. Wir hatten eine Phase in der Saison, wo das nicht immer der Fall war. Da haben wir zu oft vier, fünf Dinger bekommen. Es ist doch klar, dass man hinten nicht gut aussieht, wenn man überrollt wird. Dann ist es unfair, wenn zwei, drei Spieler aus der Viererkette herausgegriffen werden und man auf sie einprügelt. Dabei sind die ersten Fehler schon ganz woanders gemacht worden.

Es gibt also angenehmere Jobs als Innenverteidiger zu sein?

Lukimya:Manchmal schon. Du kannst als Innenverteidiger 90 Minuten einen guten Job machen. Dann stehst du beim Gegentor in der Fehlerkette ganz hinten – und nur dir wird die Schuld am Tor zugeschrieben. Das gehört zum Fußball aber dazu. Und damit kann ich umgehen.

Über Sie wird oft gesagt: Der Lukimya ist ein robuster, zweikampfstarker Innenverteidiger mit großen Problemen im Spielaufbau. Passt diese Einschätzung?

Lukimya:Am Ende kommt es doch nur darauf an, ob man effektiv ist. Die Sache mit dem Spielaufbau wird überbewertet. Man kann nicht immer schön hinten rausspielen. Das sieht man doch bei uns ganz gut. Wir haben oft versucht, den Ball gut rauszuspielen und haben uns damit die Dinger quasi selbst reingehauen. Und jetzt, wo wir konsequent nach vorne spielen, haben wir mehr Zug zum Tor und hinten stehen wir sicherer.

Das sieht allerdings nicht wirklich schön aus, und gerade in Bremen ist die Sehnsucht nach schönem Fußball sehr groß. Können Sie das nachvollziehen?

Lukimya:Natürlich. Ich habe doch früher selbst gerne Werder-Spiele gesehen, weil da wunderbarer Offensivfußball gespielt wurde. Da wurde dann 3:2 oder 5:4 gewonnen. Aber in unserer Phase können wir es uns nicht erlauben, das Risiko einzugehen, vier Gegentore zu bekommen. Denn fünf Tore machen wir eher selten. Es ist einfach eine andere Zeit.

Das gilt auch für Sie: Vor Ihrem Wechsel zu Werder waren Sie bei Fortuna Düsseldorf viel spielstärker als jetzt – warum?

Lukimya:Weil wir damals in der Zweiten Liga erfolgreich waren und um den Aufstieg gespielt haben. Da läuft vieles von alleine. Jetzt geht es gegen den Abstieg, da läuft vieles gegen einen. Deshalb sollte man hinten keine Kunststücke ausprobieren, sondern einfachen Fußball spielen.

Wie anstrengend ist Abstiegskampf?

Lukimya:Sehr anstrengend. Du weißt ganz genau, dass du bei einem großen Verein bist, der einfach in die Bundesliga gehört, eigentlich sogar in die Europa League. Außerdem weiß du, dass davon so viele Sachen abhängen, nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Verein und im Umfeld. Für die ganze Stadt wäre die Zweite Liga nicht schön. Das sorgt schon für Druck.

Was hilft da?

Lukimya:Die Mannschaft. Wir haben einfach eine gute Atmosphäre. Die Mannschaft fängt einen auf, wenn man einen Fehler gemacht hat. Der gute Teamgeist ist in dieser Phase entscheidend.

Was ist das besondere an diesem Teamgeist? Geht die Mannschaft zwei Mal in der Woche zusammen ins Kino oder was macht sie?

Lukimya:(lacht) So ist es fast. Du hast einfach Spaß, zum Training zu kommen, mit den Jungs zu trainieren. Nach dem Training chillen wir alle zusammen noch in der Kabine. Es gibt keine Grüppchen. Jeder kommt mit jedem klar, ob der eine 16 Jahre alt ist und der andere 32. Es passt einfach.

Wie muss man sich so ein Chillen in der Werder-Kabine vorstellen?

Lukimya:Wir sitzen da rum und erzählen Blödsinn. Dann wird mal der eine veralbert, dann ein anderer. Also ganz normal, das ist nix Spektakuläres.

Leidet der Teamgeist nicht darunter, dass fast alle Spieler fit sind und sich deshalb viele nur noch gefrustet auf der Bank oder sogar auf der Tribüne wiederfinden?

Lukimya:Natürlich ist das für einige nicht einfach. Aber als ich draußen saß, habe ich mich gefühlt, als wäre ich auf dem Platz. Ich habe mitgefiebert, hatte genauso viel Adrenalin wie als Spieler auf dem Platz. Das geht nicht nur mir so, das zeichnet diese Mannschaft aus. Das ist unser Teamgeist. Das ist die Basis, um erfolgreich zu sein.

Welche Note soll Werder am Ende dieser Saison bekommen?

Lukimya:(lacht) Mit einer Eins wird das wohl nicht mehr klappen. Aber eigentlich ist es auch egal, ob es eine Drei, Fünf oder Sechs wird – Hauptsache, wir bleiben drin. Nächstes Jahr kann man sich dann etwas andere Ziele setzen.

Welche?

Lukimya:Das hier ist immer noch Werder Bremen. Man sollte jetzt nicht zehn Jahre gegen den Abstieg spielen, sondern irgendwann muss auch eine Entwicklung der Mannschaft zu sehen sein, dass man weiter nach oben kommt. · kni

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