„Wir können durch dieses Tal gehen“

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Klaus Filbry hätte die öffentliche Diskussion über die Finanzen gerne vermieden: „Das ist eigentlich nicht unser Stil.“

Bremen - Der „tolle Mensch“ Thomas Schaaf soll über 2012 hinaus Trainer bei Werder Bremen bleiben. Das ist ein großer Wunsch von Klaus Filbry (44). Der Geschäftsführer für Finanzen und Marketing spricht im zweiten Teil unseres Interviews zudem über Stärken und Schwächen des umgebauten Weserstadions – und erklärt, warum er das Rampenlicht meidet.

Im Sommer ist sehr viel über die Finanzsituation bei Werder diskutiert worden. Warum haben Sie sich als Geschäftsführer für dieses Ressort da so zurückgehalten?

Klaus Filbry:Klaus Allofs ist der Vorsitzende der Geschäftsführung. Unsere Kommunikation nach außen läuft vor allem über ihn. Ich arbeite in diesem Bereich gerne im Hintergrund und stelle sicher, dass die Finanzen weiter in Ordnung sind.

Sind sie nach wie vor in Ordnung?

Filbry:Ja.

Und wenn Werder 2012 erneut das internationale Geschäft verpasst?

Filbry:Dann wären wir immer noch liquide – aber der Kostenapparat muss sich einer solchen Situation weiter anpassen. Das kann man steuern, über auslaufende Verträge oder Transfererlöse. Beide Themen sind wir in diesem Sommer bereits angegangen. Und: Wir haben uns in den vergangenen Jahren ein finanzielles Polster aufgebaut.

Werders Rücklagen sind noch nicht aufgebraucht?

Filbry:Nein, das nicht. Aber sie werden weniger.

In welchem Maß?

Filbry:Wir haben eine sehr hohe Eigenkapitalquote, neben Bayern München die höchste in der Bundesliga. Sie liegt weiter über 30 Prozent, verringert sich jedoch gerade. Aber dafür hat man auch gute Jahre gehabt. Wir können durch dieses Tal der Tränen gehen – ohne dass wir Bankkredite in Anspruch nehmen müssen oder Sponsorengelder vorfinanziert bekommen. Wir sind nach wie vor sehr solide aufgestellt.

Wir beurteilen Sie mit etwas Abstand die Debatte über die Finanzen?

Filbry:Sie war richtig, man hätte sie aber noch mehr intern führen müssen.

Hat es Sie gestört, dass sie öffentlich wurde?

Filbry:Ich fand es nicht gut und hätte es besser gefunden, wenn sie gar nicht an die Öffentlichkeit gekommen wäre. Das ist eigentlich nicht unser Stil.

Ist zwischen den beiden Diskussionspartnern Aufsichtsrat und Geschäftsführung etwas hängengeblieben?

Filbry:Nein, überhaupt nicht. Alles, was wir entschieden haben, wurde gemeinsam abgestimmt. Die Zusammenarbeit mit dem Aufsichtsrat ist sehr eng und sehr konstruktiv.

Vom Finanziellen zum Sportlichen: Wie sicher sind Sie sich, dass am Saisonende für Werder wenigstens die Europa League steht?

Filbry:Wir haben einen Kader, der von Breite und Qualität so aufgestellt ist, dass er das internationale Geschäft erreichen kann. Und wir haben die richtige sportliche Führung.

Hätten Sie erwartet, dass es nach der Horrorsaison so gut losgeht?

Filbry:Was ich erwartet habe, ist, dass wir die richtigen Schlüsse aus der letzten Saison ziehen. Das haben wir als Geschäftsführung gemeinsam mit dem Trainer getan. Dass es so schnell greift und wir auf Platz zwei stehen, ist aber etwas überraschend.

Welchen Anteil daran hat Trainer Thomas Schaaf?

Filbry:Was vor sechs Monaten noch kritisiert wurde, dass wir den Trainer überhaupt nicht zur Diskussion gestellt haben, wird uns jetzt wieder als bremische Kontinuität ausgelegt. Nach dem Motto: ,Guckt euch an, wie Bremen das gemacht hat.‘ Darüber muss ich schmunzeln. Thomas Schaaf ist ein absoluter Fachmann. Das hat er gerade wieder bewiesen, die Situation sehr gut analysiert und darauf reagiert – gemeinsam mit Klaus Allofs.

Demnach werden Sie in den Verhandlungen mit Thomas Schaaf alle Türen öffnen . . .

Filbry:Ich werde mich dem sicher nicht entgegenstellen (schmunzelt). Er ist einfach ein toller Mensch – und für mich einer der besten Trainer der Bundesliga. Und er passt sehr gut zu Bremen. Jeder andere Verein würde sich glücklich schätzen, ihn zu haben.

Schaafs Vertrag läuft 2012 aus. Vielleicht möchte der eine oder andere Verein ihn tatsächlich haben. Oder er möchte nach dann 13 Jahren Werder mal etwas anderes kennenlernen . . .

Filbry:Das müssten wir dann in Ruhe besprechen. Es gibt da aber immer schöne Beispiele aus England, ob nun Alex Ferguson bei Manchester United oder Arsene Wenger beim FC Arsenal: Die haben sich in all den Jahren auch immer weiter entwickelt und ihren Verein nach vorne gebracht. Das ist schwieriger, als hierhin oder dahin zu gehen und kurzfristig Erfolge zu feiern. Die Schwierigkeit ist, mit den Mitteln, die wir hier in Bremen haben, langfristig etwas zu etablieren. Und da leisten Thomas Schaaf und Klaus Allofs hervorragende Arbeit.

Bei einem Rundgang haben Sie das Weserstadion kürzlich als „einzigartig schön“ bezeichnet. Was meinen Sie genau damit?

Filbry:Die tolle Atmosphäre, die wir durch das Heranziehen der Kurven geschaffen haben. Dazu die weltgrößte Stadion integrierte Photovoltaikanlage – und nicht zuletzt die Lage. Das ist authentisches Fußball-Flair, das gibt es in Deutschland nur noch ganz selten. Egal, ob die Fans zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln kommen: Sie gehen durch eine lebende Stadt, sie spüren und riechen Fußball. Schöner kann es nicht sein. Wir haben Tradition und Moderne sehr gut verbunden.

Warum ist die Atmosphäre nun besser?

Filbry:Durch den Umbau ist die Akustik verbessert worden, hinter den Toren gibt es eine viel größere Nähe zum Spielfeld. Das hat dazu beigetragen, dass die Stimmung noch besser und intensiver geworden ist. Wenn man dann auch noch vier Mal hintereinander gewinnt, bekommt das Stadion den Charakter einer Festung.

Sie schwärmen vom umgebauten Weserstadion, aber räumen Sie auch Defizite ein?

Filbry:Natürlich. Wenn Sie einen Bestand umbauen, können Sie nicht alles lösen. Aus statischen Gründen wurden Stützen für die Dachkonstruktion benötigt, deshalb haben wir einen Anteil an sichtbehinderten Plätzen, der sich mit 900 jedoch im Rahmen hält – und diese Plätze sind günstiger. Zudem spielen sich einige Sachen noch ein. Das bargeldlose Bezahlen etwa ist von Spiel zu Spiel besser geworden. Die unvermeidlichen Schlangen an den Verkaufsständen arbeiten sich schneller ab.

Sie sind seit fast zwei Jahren im Amt, stehen aber sehr selten im Rampenlicht. Stört Sie das – oder ist es Ihnen sogar ganz recht?

Filbry:Ich habe da eine sehr klare Auffassung. Wir haben einen Vorsitzenden der Geschäftsführung, das ist Klaus Allofs. Er spricht in 99 Prozent der Fälle für den Verein. Das ist auch richtig so – und daran halte ich mich. Medial macht es ohnehin keiner besser als er. Ich habe nicht das Bestreben, in der Öffentlichkeit zu stehen, da muss der Verein stehen. Ich arbeite mit meinem Team neben den Finanzen an den Themen Marketing und Sponsoring – und zu allen anderen Themen sprechen Klaus Allofs und Thomas Schaaf. Sie sind die Aushängeschilder, die Gesichter des Vereins. Bessere Sympathieträger gibt es nicht, dieses sportliche Tandem ist einzigartig.

Mitbrüllen oder nur beobachten: Wie ist Ihr Verhalten im Stadion?

Filbry:Da bin ich sehr emotional. Und wenn Sie neben Herrn Fischer (Werder-Präsident Klaus-Dieter Fischer, Anm. d. Red.) sitzen, bleibt es nicht aus, dass Sie noch emotionaler werden (lacht). Ich freue und ärgere mich wie jeder andere Fußball-Fan. Aber mir gehen auch sofort die Konsequenzen durch den Kopf. Letztes Jahr war es besonders dramatisch, zum Beispiel in der Champions-League-Qualifikation in Genua. Es ist nicht ganz einfach. Egal, wie viel Arbeit Sie im Hintergrund leisten. Viel ist davon abhängig, ob der Ball ins Tor geht oder nicht.

Macht es Ihnen Angst, dass der Erfolg der eigenen Arbeit nicht komplett in den eigenen Händen liegt?

Filbry:Nein. Am Ende des Tages sind wir in der Geschäftsführung in der Gesamtverantwortung. Wir tragen alle unseren Teil zu Werder bei. ·

von Carsten Sander und Malte Rehnert.

Lesen Sie hier Teil 1 des Interviews

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