Werder-Arzt Dr. Dimanski über Muskelfaserrisse, Studien, seinen Ruf und Ernährungsberater

Werder-Arzt Dimanski: „Wir dürften 65 Verletzungen haben“

Viele Verletzte, große Aufregung – aber ein ganz ruhiger Mannschaftsarzt: Für Sportmediziner Dr. Götz Dimanski ist es eine ganz normale Werder-Saison. ·

Bremen - von Björn Knips. Er ist schon länger beim SV Werder als Mannschaftsarzt tätig, als viele Bremer Spieler überhaupt leben. Seit 1991 arbeitet Dr. Götz Dimanski bereits an der Weser, hat also schon jede Menge verletzte Profis behandelt. In dieser Saison scheinen es besonders viele zu sein. Doch dem widerspricht der 53-jährige Sportmedizinier im Interview und beschäftigt sich ausführlich mit dem Thema Verletzungspech.

Dr. Dimanski, mögen Sie die Diagnose Muskelfaserriss überhaupt noch stellen?

Dr. Götz Dimanski:Natürlich mache ich das nicht gerne, aber wenn es nun einmal den Tatsachen entspricht, muss ich es tun. Das Verletzungsgeschehen ist kein Wunschkonzert.

Naldo, Philipp Bargfrede und Sebastian Prödl haben sich bei ihren Comebacks Muskelfaserrisse zugezogen – haben sie zu früh wieder gespielt?

Dimanski:Nein, ganz sicher nicht. Sie hatten einen optimalen Aufbau. Es verletzen sich ja nicht nur Spieler bei einem Comeback, sondern Muskelfaserrisse sind allgegenwärtig im Fußballerleben.

Professor Dr. Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln behauptet allerdings, „mindestens jede vierte Verletzung hat eine Wiederschädigung an derselben Stelle. Die Sportler sind nicht austherapiert.“ Hat er Recht?

Dimanski:Es kann ja sein, dass es bei seinen Sportlern so ist. Für meine Spieler kann ich das nicht bestätigen, und die oben genannten Spieler haben sich auch nicht an derselben Stelle verletzt. Es war Zufall.

Professor Froböse sagt auch, Fußball-Profis würden ihren Körper verkaufen. Er wirft den Mannschaftsärzten vor, sie würden sich aus Angst um ihren Job dem Druck des Trainers oder Managers beugen und Spieler fitspritzen.

Dimanski:Ich nehme an, dass er weiß, wovon er spricht. Aber das sollte er nicht so pauschal in die Welt setzen. Ich fühle mich dadurch nicht angesprochen und kann so etwas für mich und uns bei Werder ausschließen.

Bei transfermarkt.de gibt es eine inoffizielle Ausfallliste jedes Clubs: Demnach haben die Bayern in dieser Saison bislang keinen Muskel- oder Muskelfaserriss zu beklagen, Gladbach nur einen, Werder dagegen schon fünf. Allerdings hat es Dortmund (5), Schalke (6) und Leverkusen (7) noch häufiger erwischt. Sollten Werder und die anderen Clubs von Bayern und Gladbach lernen?

Dimanski:Statistisch gesehen hat das keinen Wert. Denn bei Zahlen in dieser geringen Größenordnung ist alles reine Spekulation, da kann man nicht von einer Häufung sprechen, das wäre in keiner Weise seriös.

Sie haben sicherlich eigene Zahlen, auch aus den vergangenen Jahren. Gefühlt plagt sich Werder schon seit Jahren mit zu vielen Verletzungen rum. Täuscht der Eindruck?

Dimanski:Das mit dem Gefühl ist genau das Problem. In dem Augenblick, in dem zehn Medien über eine Verletzung berichten, fühlt es sich an wie zehn Verletzungen. Wenn ich die seriösen Statistiken über Verletzungshäufigkeit-, -verteilung und -dauer zu Grunde lege, dann entdecke ich ganz akzeptable Ergebnisse für Werder.

Um welche Statistiken handelt es sich dabei?

Dimanski:Wir führen natürlich eigene Statistiken. Aber es sind in den vergangenen Jahren auch zwei große Analysen über Verletzungen in der Bundesliga gemacht worden. Die aktuellere stammt von der Universität des Saarlandes, die andere ist 2009 in der Zeitschrift der deutschen Sportmedizin erschienen.

Wie hat Werder abgeschnitten?

Dimanski:Laut Medien sind wir ja die schlechtesten der schlechtesten. Aber die seriösen Zahlen sagen etwas anderes. Bei der Verletzungsdauer lagen wir bei der Studie des Saarlandes in der einen Saison bei 13,9 Tagen pro Verletzung, 16,2 Tage waren der Durchschnitt. In der zweiten untersuchten Saison lag die durchschnittliche Verletzungsdauer bei 20 Tagen, wir hatten 10,8 Tage – da waren wir sogar die Besten. Und nun noch etwas zu der Zahl der Verletzungen: Durch die Studien hat sich ein Wert ergeben, wieviele Verletzungen in einer Saison durchschnittlich auftreten. Demnach dürften wir mit unserem Kader 65 Verletzungen haben. Aktuell liegen wir bei 53. Die Zahlen sagen also etwas ganz anderes als das Gefühl. Aber das heißt nicht, dass wir uns jetzt zurücklehnen und zufrieden sind. Jede Verletzung ist eine zuviel, das ist es doch, was uns antreibt.

Gibt es einen Austausch zwischen den Mannschaftsärzten der Bundesliga?

Dimanski:In dem Moment, wo man sportlicher Konkurrent ist, muss man natürlich vorsichtig sein. Es ist ganz schwierig, sich über Verletzungen auszutauschen, weil man mit personenbezogenen Daten hantieren würde. Es wäre durch die umfangreiche Berichterstattung doch immer klar, über wen man gerade spricht. Deswegen gibt es nur einen grundsätzlichen Austausch.

Die meisten Spieler sind keine Werder-Eigengewächse. Werden die Werder-Neuzugänge vermessen, um mögliche Problemfelder von Beginn an zu kennen und dann dementsprechend zu trainieren?

Dimanski:Selbstverständlich. Mit der Aufnahmeuntersuchung hat man eine erste Bestandsaufnahme. Man fragt nach allen vorangegangenen Verletzungen und Beschwerden. Auch unsere Physiotherapeuten haben ein ausgefeiltes System, um Schwachstellen aufzudecken, an denen dann im Sinne der Prophylaxe trainingsbegleitend gearbeitet wird.

Wie groß ist der Einfluss des täglichen Trainings auf Verletzungen?

Dimanski:Es steht fest, dass die Verletzungshäufigkeit pro Zeiteinheit im Training neunmal geringer ist als im Spiel. Also wenn es in 1 000 Stunden Spiel 27 Verletzungen gibt, dann sind es in 1 000 Stunden Training nur drei.

Also kann man gar nicht so falsch trainieren, dass sich ständig Spieler verletzen?

Dimanski:Wenn man es drauf anlegen wollte, könnte man schon Übungen machen, von denen man weiß, dass sie verletzungsträchtig sind. Aber das wird sicher kein Trainer machen.

Wie professionell ist das Verhalten der Spieler im Umgang mit ihrem Körper?

Dimanski:Unsere Spieler wären nicht in der Bundesliga gelandet, wenn sie sich nicht grundsätzlich professionell verhalten hätten. Sie wären vorher längst gescheitert.

Also braucht Werder gar keinen Ernährungsberater, wie es zuletzt öffentlich diskutiert wurde?

Dimanski:Das haben wir doch schon vor Jahren gemacht. Alles, was der Verein der Mannschaft vor und nach Training und Spiel oder in Trainingslagern im Bereich Essen und Trinken zur Verfügung stellt, ist von Ökotrophologen empfohlen worden. Das wird ständig aktualisiert.

Clubchef Klaus Allofs hat angekündigt, aufgrund des großen Verletzungspechs alle Bereiche zu hinterfragen. Welche Antworten und Hinweise haben Sie als Mannschaftsarzt?

Dimanski:Ich bin nicht so arrogant, um zu sagen: Alles, was ich mache oder meine Abteilung tut, ist perfekt. Man kann bei uns von einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess sprechen. Ich bin zum Beispiel ständig auf der Suche nach neuen Diagnostik- und Behandlungsmethoden. Und wir haben ja bereits ein Netz von hervorragenden Spezialisten, zu denen wir unsere Spieler im Bedarfsfall schicken.

Es gibt also aktuell nichts, was Sie verändern müssen?

Dimanski:Nein. Es ist eine Hysterie entfacht worden. Das ist die Eigenart der modernen Medienwelt. Es wäre sehr schlimm, wenn wir erst einen derartigen Medienhype bräuchten, um unsere Arbeit auf den Prüfstand zu stellen oder einen Verbesserungsprozess einzuleiten. Denn wir verbessern uns ständig!

In der Öffentlichkeit genießt Werders medizinische Abteilung allerdings nicht den besten Ruf. Für eine Verletzung eines Werder-Stars werden gerne Sie als Mannschaftsarzt verantwortlich gemacht. Wie gehen Sie damit um?

Dimanski:Das ist mir nicht wichtig.

Sie haben aber in diesem Interview selbst gesagt, dass Sie und Ihre medizinische Abteilung „laut Medien die schlechtesten der schlechtesten sind“.

Dimanski:Die Medien können aber in den meisten medizinischen Fällen nicht optimal informiert sein. Das Urteil, dass ich gut oder schlecht arbeite, zählt für mich, wenn es von meinen Vorgesetzten kommt. Das sind die einzigen, die das überblicken und beurteilen können. Wenn die mich kritisieren, nehme ich das sehr ernst, und wenn sie mich nicht kritisieren auch. · kni

Grusel-Shots und erster Abschied: Der achte Dschungel-Tag in Bildern

Grusel-Shots und erster Abschied: Der achte Dschungel-Tag in Bildern

DHB-Team bei WM als Gruppensieger in K.o.-Runde

DHB-Team bei WM als Gruppensieger in K.o.-Runde

Amtseinführung von Donald Trump: Die Fotos vom Kapitol

Amtseinführung von Donald Trump: Die Fotos vom Kapitol

Werder-Abschlusstraining am Freitag

Werder-Abschlusstraining am Freitag

Meistgelesene Artikel

Gnabry und Eilers für "Tor des Jahres" nominiert

Gnabry und Eilers für "Tor des Jahres" nominiert

Kleinheisler wechselt nach Budapest

Kleinheisler wechselt nach Budapest

BVB mit Personalproblemen gegen Werder

BVB mit Personalproblemen gegen Werder

Bereit für Dortmund

Bereit für Dortmund

Kommentare