Schaaf: „Wir alle sind daran beteiligt“

„Wir wollen gemeinsam da rauskommen“, sagt Werder-Trainer Thomas Schaaf.

Bremen - Von Arne Flügge - Der Sieg in Freiburg sei wichtig gewesen, sagt Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf, „Ruhe herrscht deswegen aber nicht“. Wie der 49-Jährige die Krise erlebt, was es mit der imaginären Betonwand in seiner Garage auf sich hat, wie der den neuen Teamgeist in der Mannschaft beurteilt und was er vom momentanen Trainerbeben in der Liga hält, verrät Schaaf im Interview.

Herr Schaaf, schlafen Sie in den letzten Tagen etwas besser?

!Mein Schlafstil hat sich nicht geändert. Aber natürlich ist man vollgestopft mit Informationen und Ereignissen. Und je prägnanter die sind, desto mehr setzt man sich damit auseinander.

Wie sieht es nach so einem wichtigen Sieg wie in Freiburg in Ihnen aus? !Es sind ja 1000 Gedanken, die da mit einfließen. Welche Aufgaben haben wir uns gestellt? Wie sind sie erfüllt worden?

Und es ist prinzipiell ja auch eine Frage der Betrachtungsweise, der Wahrnehmung. Sie können Geschehnisse vielleicht etwas nüchterner aufnehmen, weil Sie mehr Abstand haben. Ich bin direkt im Geschehen drin und habe für mich vielleicht eine andere Wertigkeit. Was jemand für sehr wichtig erachtet, ist für mich möglicherweise völlig belanglos. Umgekehrt sind Kleinigkeiten, die andere vielleicht gar nicht so wahrnehmen, für mich unheimlich wichtig, weil sie für die Entwicklung, einen Prozess, eine Struktur eine besondere Bedeutung haben.

Wenn Sie nach Spielen wieder zu Hause die Tür hinter sich abschließen – wie verarbeiten Sie das Erlebte? Gibt es Rituale?

!In meiner Garage steht eine schwarze Betonwand, die mit unzähligen Eisenstreben noch verstärkt ist. Und nach einem Spiel wie beispielsweise dem 0:3 in Köln nehme ich dann den Hammer und versuche, die Wand kaputtzuklopfen. Mach‘ ich natürlich nicht, und diese Wand habe ich auch nicht. Aber es ist vielleicht dieses Gefühl, das man hat, wenn eine Mannschaft weit von einer Leistung entfernt ist, für die sie steht. Wenn sie 24 Stunden vorher im Training das Richtige macht, dann aber im Spiel plötzlich in eine völlige Schockstarre verfällt.

Wie ist so etwas zu erklären?

!So etwas ist rational nicht greifbar. Und - um im Bild zu bleiben - dann macht man sich die Gedanken: Warum geht diese Wand nicht kaputt, sondern nur der Hammer? Und warum steht diese Wand überhaupt da?

Wo suchen Sie nach Antworten?

!Man muss sofort Lösungen, Erklärungen finden und die Arbeit aufnehmen, um das abzustellen. Genau so etwas findet aber auch nach einem erfolgreichen Spiel wie in Freiburg statt. Nur dass dann keine Betonwand in der Garage steht, sondern – auch im übertragenen Sinn – ein bunt bemaltes Plakat, über das man sich freuen kann, das aber noch längst nicht fertig ist, auf dem Fragen stehen, die man als nächstes angehen möchte.

Können Sie überhaupt noch richtig abschalten? Und wenn ja: wie?

!Dafür bleib kaum Raum. Die wenige Zeit, die bleibt, verbringe ich mit der Familie und Freunden. Wir setzen uns zusammen, fahren Rad oder gehen laufen. So kann ich ein bisschen abschalten und den Kopf freibekommen.

?Und dann wird nicht über Fußball gesprochen?

Nur über Fußball, ernsthaft. Aber das ist für mich kein Problem, weil es mich interessiert, was sie denken, auch welche Kritikpunkte sie haben.

Haben Sie sich in den vergangenen Monaten verändert?

!Da müssen Sie andere fragen. Ich bin jedenfalls nicht der Typ, der sich bewusst verändert, nur um etwas anderes darzustellen, um damit Erwartungen zu erfüllen. Ich bin wie ich bin.

?Wie ermüdend ist es, immer wieder die Fehler anzusprechen, um am Ende doch wieder nur gegen Windmühlen zu kämpfen?

!Die Erfahrung sagt, dass es Zeit braucht, um da wieder rauszukommen. Der Spieler weiß, er macht etwas falsch, und er sieht auch was. Wir wissen genau, er kann das, aber er tut es nicht. Und irgendwann macht es dann in einer ganz bestimmten Situation klick – und es läuft. Gewisse Dinge kann ich trainieren, andere nicht. Ein Beispiel. Sie sagen einem kleinen Kind, das die Treppe hinuntergeht: Pass auf, dass du jede Stufe richtig triffst, doch das Kind schaut jedes Mal nicht richtig hin. Das passiert einmal, zweimal, dreimal – und beim zehnten Mal macht’s klatsch. Das Kind tut sich weh, nicht schlimm, aber es schmerzt. Und ich garantiere Ihnen: Beim elften Mal ist es vorsichtig.

Wie bewegt sich Ihre Mannschaft auf dieser Treppe?

!Wir können diese Treppe noch nicht im Schlaf rauf- und runterrennen. Aber wir bewegen uns sicherer als noch vor Wochen und sind bereit, Stufe für Stufe zu nehmen und dabei richtig hinzuschauen.

?Auch Sie stehen in der Kritik. Wie gehen Sie damit um, dass man ganz ungeniert auf Ihren Rauswurf wetten darf?

!Das ärgert mich insofern, dass man offenbar gern viel Negatives sieht und sich darüber auch noch freut. Der positive Ansatz im Leben sollte doch eigentlich viel mehr Spaß machen. Dass ein Trainer in der Kritik steht, wenn es nicht gut läuft, ist normal. Und als Trainer ist man heutzutage finanziell so weit abgesichert, dass man klarkommen würde, wenn man zur Verantwortung gezogen wird. Aber wenn man fordert, dass jemand seinen Job verliert, sollte man nicht vergessen, dass es da viele Personen gibt, die mit dranhängen und die Folgen einer solchen Situation noch schmerzlicher zu spüren bekommen: Mitarbeiter im Verein, Familie. Ich weiß, dass ich die Zeit nicht ändern kann, aber vielleicht kann man etwas verzögern und mal innehalten, und der ein oder andere macht sich eventuell mal darüber Gedanken – und geht nicht so leichtfertig damit um.

In der Liga herrscht gerade ein Trainer-Erdbeben. Van Gaal muss gehen, Veh hat vom Chaos in Hamburg die Nase voll – und jetzt will sich Schalke auch noch von Magath trennen.

 !Ich weiß im Moment gar nicht, wie ich das einschätzen soll, ganz ehrlich. Täglich gibt es Meldungen: Bleibt er noch im Amt? Wie lange bleibt er noch? Kündigt er selber? Oder wer macht es? Prinzipiell sage ich: Das ist keine gute Entwicklung. Da ist absolut hervorzuheben, wie die Geschäftsführung bei Werder und der Verein mit meiner Person umgegangen sind und wie sie das dokumentiert haben. Ich würde mir wünschen, dass alle Kollegen so arbeiten könnten, und dass mit ihnen genauso fair umgegangen wird, wie Werder mit mir umgeht.

?Können Sie die Hysterie in den Vereinen nachvollziehen?

!Ich komme immer wieder darauf zurück: Wie sieht es in unserer Gesellschaft aus? Der Hype reicht nicht mehr, es muss immer der Superhype sein. Und vielleicht steigert das Erwartungen zu Extremen, die man vielleicht gar nicht erfüllen kann in dieser Häufigkeit und dieser Schnelligkeit. Und dann ist plötzlich eine extreme Enttäuschung vorhanden – und dann wird schnell und übertrieben gehandelt, weil man glaubt, vom Zehnmeterbrett und nicht vom Dreimeterbrett zu fallen. Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll. Man sollte einmal überlegen, in welche Gefahren man sich begibt, wenn man immer das Besondere haben will.

?Wie froh sind Sie, hier in Bremen doch vergleichsweise ruhig arbeiten zu können?

!Ruhig? Hier ist nichts ruhig, weder von den äußeren Umständen her noch in unserer Arbeit, wenn man ruhig als inaktiv meint. Von Vereinsseite wird nichts unterschätzt, es wird hochintensiv an allen Dingen gearbeitet. Wenn mit ruhig gemeint ist, dass alle hochkonzentriert bei ihrer Arbeit sind, sachlich und emotional, aber nicht mit irgendwelchen subjektiven Auswüchsen, dann gebe ich Ihnen Recht.

Wie wichtig sind für Sie teambildende Maßnahmen, wie zum Beispiel am Dienstag die Radtour, verbunden mit einem gemeinsamen Essen?

!Es zeigt, dass die Mannschaft gewillt ist, gemeinsam anzupacken. Wenn sie sich an ihrem freien Tag trifft, um etwas gemeinsam zu unternehmen, dann ist das ein gutes Zeichen. Wir alle haben uns in diese Situation gebracht, wir sind alle beteiligt gewesen – und wir alle wollen da auch gemeinsam rauskommen.

?Gegen Leverkusen und auch jetzt in Freiburg ist aufgefallen, dass die Mannschaft auf dem Feld fast exakt bestimmte Spielsituationen und taktische Vorgaben umsetzt, die im Training einstudiert worden sind.

!Es wäre schlecht, wenn sie nicht umsetzen würde, was wir trainieren. Dann müsste ich mir Gedanken machen. Sicherlich sind wir noch längst nicht da, wo wir hinwollen. Aber wir machen Fortschritte, was die Arbeit erleichtert. Stellen Sie sich vor, sie müssten fünf Tafeln nebeneinander gleichzeitig bemalen, und die Farbe tropft. Sie rennen nur hin und her und werden nicht fertig. Sind aber zwei Felder trocken, haben sie automatisch mehr Zeit, sich auf die anderen zu konzentrieren und die intensiver zu bearbeiten. So ist das auch im Fußball.

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