Provinz statt großer weiter Fußball-Welt, aber der Keeper ist mit sich „im Reinen“

Wieses Wahl: Mailand oder Madrid? Hauptsache Hoffenheim!

Nein, ein Schattenmann ist Tim Wiese bei Werder nie gewesen. Der Torwart stand im Rampenlicht, am Samstag tritt er jedoch von der Bremer Bühne ab. ·

Bremen - von Carsten Sander. Andreas Möller war es, der einst zum Urheber eines der kultigsten Fußballer-Zitate wurde. „Mailand oder Madrid? Hauptsache Italien“, hatte er gesagt. Um Tim Wieses Suchen und Finden eines neuen Arbeitgebers zu beschreiben, muss der Möller-Spruch leicht abgewandelt werden. Mailand oder Madrid? Hauptsache Hoffenheim!

Denn der Nationaltorhüter hat gestern einen bis 2016 datierten Vertrag bei 1899 Hoffenheim unterschrieben. Dabei hatte er tags zuvor noch das Interesse Real Madrids bestätigt, dabei waren angeblich auch Clubs wie AC und Inter Mailand sowie Tottenham Hotspur interessiert. Noch gestern Mittag war sein Berater Roger Wittmann bei Sky Sport News zitiert worden, er habe sechs unterschriftsreife Verträge ausgehandelt. Hoffenheim, der Club aus der Provinz, machte aber das Rennen. Über die Gründe und über seinen bevorstehenden Abschied von Werder Bremen am Samstag spricht Tim Wiese im Interview.

Sie werden entschuldigen müssen, dass Ihre Wahl etwas komisch anmutet. Wenn die Mailänder Clubs sowie Real im Rennen waren, wieso dann Hoffenheim?

Tim Wiese:Weil meine Familie (Wiese ist verheiratet und hat eine sechs Jahre alte Tochter, d. Red.) gerne in Deutschland bleiben möchte. Und weil ich den Verein wirklich toll finde. Es ist super, was die da auf die Beine gestellt haben.

Pardon, aber Ihren Anspruch, dauerhaft in der Champions League und um Titel zu spielen, wird Hoffenheim kaum erfüllen.

Wiese:Das habe ich vor einigen Wochen gesagt. Da sah alles auch noch ein bisschen anders aus.

Wie meinen Sie das? Sind Ihnen Clubs abgesprungen?

Wiese:Ich möchte nicht mehr dazu sagen. Nur noch so viel: Ich bin glücklich mit meiner Entscheidung und mit mir absolut im Reinen. Markus Babbel (Trainer von 1899 Hoffenheim, d. Red.) hat mir ein tolles Konzept vorgelegt und versprochen, dass wir super Fußball spielen werden.

Tim Wiese - seine Jahre bei Werder Bremen

Tim Wiese: Seine Jahre bei Werder Bremen

Vor dem Neustart im Kraichgau steht der Abschied in Bremen an. Am Samstag spielen Sie gegen Schalke das letzte Mal für Werder – sind Tränen zu erwarten?

Tim Wiese:Es werden auf jeden Fall sehr emotionale Momente. Ich habe den Menschen in Bremen ja auch viel zu verdanken, die Fans standen immer wie eine Mauer hinter mir. Es war eine super Harmonie zwischen ihnen und mir.

Aber das musste erst wachsen. Als sie vor sieben Jahren zu Werder kamen, war die Stimmung unter den Fans ähnlich wie heute in Hoffenheim. Nicht alle wollten Sie.

Wiese: Den Respekt der Fans muss man sich immer erst hart erarbeiten. Ich habe immer alles gegeben, und das haben die Fans in mir gesehen, waren deswegen auf meiner Seite.

Nach dem 7. März 2006 waren jedoch nur die wenigsten noch Wiese-Fans…

Wiese:Oh, bitte, da denke ich heute noch dran. Ich fürchte, dieser Tag wird mich ewig begleiten.

Es war der Tag, als Werder mit 1:2 bei Juventus Turin verlor und im Champions-League-Achtelfinale scheiterte. Weil Sie in der 88. Minute einen einfachen Ball fallen ließen und Juve das entscheidende Tor schoss. Hand aufs Herz: Wollten Sie bei der Rolle besonders gut aussehen und haben deshalb gepatzt?

Wiese:Das Spiel lief 88 Minuten super für mich. Ich hatte zwar ein Tor kassiert, aber auch 20 Bälle abgewehrt. Da wirst du immer sicherer, denkst, es kann nichts mehr passieren.

Und dann?

Wiese:Dann hat der liebe Gott wohl gedacht, den Wiese lasse ich jetzt nicht in den Himmel wachsen und gebe ihm eins auf den Hinterkopf. Und das war dann auch so. Es ist passiert, es war Schicksal.

Hat Sie der Fehler umgeworfen?

Wiese:Nur für ein, zwei Wochen. Dann war ich damit durch. So etwas musst du als Torwart wegstecken können. Wer es nicht kann, zerbricht an einem solchen Fehler.

Juventus war das schwärzeste Spiel?

Wiese:Ja, klar! Mit Abstand.

Und das schönste?

Wiese:Das war nicht nur eins, das waren vier – die gegen den HSV in nur 19 Tagen. Absolute Highlights für uns, für die Stadt, für die ganze Region. Wir sind ins DFB-Pokal-Finale eingezogen und haben das auch gewonnen. Wir sind ins UEFA-Pokal-Endspiel gekommen und hätten das meiner Meinung nach auch gewonnen, wenn wir gegen Schachtjor Donezk in Bestbesetzung gewesen wären.

Ein gutes Stichwort: In sieben Jahren haben Sie mit Werder nur einen Titel geholt – den Pokal 2009. Sind Sie zufrieden mit dieser Ausbeute?

Wiese:Es wäre mehr drin gewesen, da hätten noch mehr Titel dazukommen können. Schließlich hatten wir über viele Jahre eine super Mannschaft.

Die ist jedoch längst Geschichte. In Ihnen geht ein Star, auch Marko Marin wandert ab. Claudio Pizarro überlegt noch, Naldo verspricht keine Treue. Sorgen Sie sich um Werder?

Wiese:Zuletzt ist es wirklich nicht mehr so berauschend gelaufen. Aber die Verantwortlichen werden zur neuen Saison schon das Richtige unternehmen. Thomas Schaaf und Klaus Allofs wissen, was zu tun ist, und brauchen sicher keine Ratschläge von mir.

Das Vertrauen in Trainer und Manager schwindet in der Öffentlichkeit aber mehr und mehr.

Wiese:Rückschläge sind doch normal. Da muss Werder durch, und ich hoffe, dass der Club wieder in die Spur findet.

Bei Werder soll Sebastian Mielitz Ihr Erbe antreten. Was trauen Sie ihm zu?

Wiese: Sebastian ist mit seinen 22 Jahren ein sehr talentierter Torhüter. Aber es ist ein Unterschied, ob du ab und zu mal reingeschmissen wirst oder ob du die Nummer 1 bist. Dann musst du eine Mannschaft auch führen können. Sebastian kann sich jetzt beweisen. Es liegt nur an ihm, ob er es schafft. Ich denke, dass er alle nötigen Voraussetzungen hat. Ich weiß nicht, wen Werder noch holen wird. Aber ich würde Sebastian ins Tor stellen.

Für Sie führt der Weg weg von Bremen und erstmal auf die Ersatzbank – bei der EM. Es gibt Stimmen, die unken, nach dem Turnier sei für Sie im Nationalteam Schluss, weil die jungen Torhüter nachdrängen.

Wiese:Das sagen doch nur die, die mich nicht mögen. Ich habe auf jeden Fall nicht vor, nach der EM freiwillig abzutreten. Das steht überhaupt nicht zur Debatte. · csa

Sieben wilde Wiese-Jahre: Tiefpunkt in Turin, Highlights gegen HSV

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