Wieder Desaster-Alarm – und Wiese ist total deprimiert

Frust am Check-In-Schalter: Werder-Keeper Tim Wiese sah alles andere als begeistert aus, als er sich gestern auf die Reise nach London machte.

London · Beim Check-In gestern Morgen auf dem Bremer Flughafen hingen die Köpfe der meisten Werder-Profis zwar nicht mehr ganz so tief wie nach der 0:4-Pleite auf Schalke, aber immer noch tief genug, um zu erahnen: Der Bundesligist reiste mit einem äußerst mulmigen Gefühl nach London, wo heute das Champions-League-Spiel gegen Tottenham Hotspur (20.45 Uhr/Sky live) ansteht.

Denn dort droht nach Stuttgart (0:6) und Schalke das nächste Desaster – vielleicht sogar noch ein viel schlimmeres. Denn die Engländer sind richtig gut drauf, was man von den Schwaben und den Knappen vor den Duellen mit Werder nicht behaupten konnte. Und dann ist da auch noch das personelle Dilemma der Bremer. Rumpftruppe, Notelf, Resterampe – selbst diese Begriffe klingen ob der zahlreichen Ausfälle noch zu niedlich.

Logisch, dass da kaum jemand erhobenen Hauptes den Flieger bestieg. Sorgen muss man sich besonders um einen machen, der eigentlich als Sprachrohr und Gute-Laune-Onkel gilt. Doch gestern wirkte Tim Wiese total verschlossen, fast schon geistesabwesend. „Das Ganze geht mir wirklich ziemlich an die Nieren“, seufzte der Keeper fast schon im Flüsterton: „Mir fehlen im Moment einfach die Worte. Das ist eine ganz schwierige Situation – auch für mich.“

Check-In nach London

Check-In nach London

Der 28-Jährige schiebt Frust. Er ist deprimiert. Ständig bester Bremer zu sein und trotzdem immer wieder die „Hucke“ vollzubekommen – das zerrt gewaltig an den Nerven des Torwarts. Wiese ist mental angeschlagen. Und das ausgerechnet vor dem Spiel heute bei Tottenham, in dem es mal wieder vornehmlich auf ihn ankommen wird. „Was willste machen?“, fragte der Torwart und bemühte sich schwerfällig um eine kämpferisch wirkende Antwort: „Ich werde mich ihnen in den Weg stellen und versuchen, zu halten, was zu halten ist.“ Aber das wird kaum reichen, wenn die Kollegen vor ihm wieder patzen. Das weiß auch Wiese. „Wenn man die letzten Spiele von uns gesehen hat . . .“, begann der Keeper einen Satz und brach ihn lieber ab. Die Fortsetzung wäre nur beißende Kritik und deshalb nicht wirklich passend gewesen. Denn irgendwie soll ja wieder so etwas wie Teamgeist entstehen. Und daher beließ es Wiese bei einer Warnung: „Wir müssen aufpassen, dass uns das nicht wieder so passiert.“

Wenn da nur nicht dieser Gegner wäre: Die Londoner treten derzeit mit einer so breiten Brust auf, dass sie kaum noch durchs Stadiontor kommen. Denn das Team von Trainer Harry Redknapp gewann am Samstag bei Arsenal nach 0:2 noch mit 3:2. Heute soll mit einem Sieg der Einzug ins Achtelfinale perfekt gemacht werden. Und das mit der Unterstützung „von den besten Fans der Welt“, wie Tottenhams Peter Crouch schwärmt.

„Sie werden sich sicherlich etwas gegen uns ausrechnen“, merkte Werder-Trainer Thomas Schaaf mit viel Sarkasmus intus an: „Aber vielleicht ist das gerade der Reiz des Spiels.“ Soll heißen:

▪ Das Wunder von

▪ der Themse?

Werder ist zwar heute der absolute Underdog, hat aber ohne zehn Profis und mit sieben Amateuren im Kader eigentlich nichts zu verlieren und kann befreit aufspielen. „Wir fahren nicht dahin, um uns schon vor dem Spiel zu ergeben“, verbreitete Mittelfeldspieler Aaron Hunt zumindest ein wenig Optimismus: „Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir müssen alles ausblenden und uns auf die Partie konzentrieren.“ Auch Sportchef Klaus Allofs versuchte sich als Mutmacher: „Es gibt überhaupt keinen Grund, Angst zu haben. Natürlich haben wir Respekt vor Tottenham, sie sind in starker Form. Das heißt aber nicht, dass wir sie nicht ärgern oder verletzen können. Unsere Aufgabe muss es sein, auch selbst Nadelstiche zu setzen.“

Schon ein Punktgewinn wäre ein kleines Wunder, ein Sieg, den Werder im Champions-League-Überlebenskampf unbedingt benötigt, sogar noch mehr: Dieser Dreier würde als Wunder von der Themse in die Geschichte eingehen. Doch wer mag daran bei diesen schlechten Vorzeichen ernsthaft glauben? Selbst Daueroptimist Schaaf ist skeptisch: „Es muss schon etwas Außergewöhnliches passieren, um das zu erreichen.“

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