Fußballprofis und ihre Stiftungen

Wie großherzig ist der Fußball?

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Werders Fankurve mit grünem Herz.

München - Von Günther Klein. Prominente Fußballprofis gründen Stiftungen, Vereine unterstützen in ihren Städten soziale Projekte, Fans zeigen sich von ihrer hilfsbereiten Seite. Doch ist das alles auch ehrlich gemeint – oder geht es nur um Imagepflege oder den Steuerbescheid?

Heimat der Windel-Liga ist ein 80 Quadratmeter großer Gymnastikraum unter der Westtribüne, auf der beim Fußball die Fans der Auswärtsmannschaft stehen. Zehn Mütter tollen dort werktags mit ihren Kleinkindern, Monatsbeitrag fünf Euro, auch zum Schwimmen kann man dafür. Vielleicht steigt Werder Bremen mal aus der Bundesliga ab, doch die Windel-Liga wird bleiben, niemals soll sie eingespart werden.

Werder Bremen ist unter den 18 Klubs der höchsten deutschen Fußballliga der, der sich am stärksten dem sozialen Gedanken verschrieben hat. Unter dem langjährigen Präsidenten Klaus-Dieter Fischer wurde eine Abteilung gegründet, in der sich zehn hauptamtliche Mitarbeiter um soziale Belange kümmern. Eine Million fließen jährlich in soziale Projekte – und eben nicht in den Lizenzspielerkader. Der BerlinerAutor Ronny Blaschke hat für sein Buch „Gesellschaftsspielchen“ (Verlag Die Werkstatt) recherchiert, wie es der Fußball mit der sozialen Verantwortung hält. Das Zauberkürzel lautet CSR, es steht für Corporate Social Responsibility, die Verantwortung, die ein Wirtschaftsunternehmen für die Allgemeinheit hat. CSR gehört heutzutage zur Unternehmenskultur.

Journalist Ronny Blaschke stellte im Bremer Weserstadion sein neues Buch "Gesellschaftsspielchen" vor.

Werder Bremen ist Blaschke als im deutschen Fußballprofibetrieb vorbildlich aufgefallen, der Verein entlastet mit vielen kleinen Projekten den finanziell maladen Stadtstaat. Allerdings: Werder steht auch in der Kritik. Wo blieb das soziale Gewissen, als man den Trikotwerbedeal mit dem Massentierzüchter „Wiesenhof“ einging? Und ist die schöne Solaranlage auf dem Stadiondach nicht scheinheiliges „Greenwashing“ (sich ökologisch reinwaschen), wenn man die gewonnene Energie in künstliche Besonnung des Rasens steckt?

Oft findet sich der Fußball „zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei“ - und das ist auch der Untertitel von Ronny Blaschkes tiefgründigem Buch. Wie ehrlich gemeint sind etwa die Integrationsprojekte der Klubs, die Anti-Diskriminierungsaktionen der Verbände, warum gründen Spieler Stiftungen? Oder auch: Wie lässt sich der Zwiespalt auflösen, dass Fans ehrenamtlich hingebungsvoll Sozialarbeit leisten, sich dann aber auch mit anderen Fans prügeln?

Gesellschaftliches Engagement muss nicht immer Geld sein

Blaschke hat Dietmar Hopp interviewt, den Mann, der als Unternehmer (SAP) reich wurde und die TSG Hoffenheim, seinen Heimatverein, nach oben brachte. 70 Prozent seines Vermögens hat er in eine nach ihm benannte Stiftung investiert, 5,5 Milliarden Euro beträgt ihr Stammkapital, sie ist die drittgrößte in Deutschland. Er unterstützt mit hohen Beträgen die Forschung in der Biotechnologie und Medizin, um Aufmerksamkeit zu erzielen, spannt er auch die Hoffenheimer Fußballer ein. Und er schlägt vor, gesellschaftliches Engagement für verpflichtend zu erklären und im Lizenzierungsprozess der Deutschen Fußball-Liga zu verankern. „Drei Prozent des Jahresumsatzes wären angemessen. Ich weiß, das könnte nun einen Aufschrei geben, doch ich finde es angemessen.“

Zuletzt 15,1 Millionen Euro in der Saison machten die 18 Erstligisten zusammen locker. Das klingt generös, relativiert sich aber, wenn man ausrechnet, dass das nur 0,61 Prozent des Umsatzes sind, und man als Vergleichsgröße die Zahl 128 Millionen Euro nimmt: Das waren die Provisionen, die die Klubs an Spielerberater zahlten. Und auch die Größe von einer Milliarde Euro ist erdrückend: die Gehaltsaufwendung für 450 Spieler und Trainer. Das Soziale hat’s nicht leicht. Wobei gesellschaftliches Engagement nicht immer eine Geldgröße sein muss.

Einer der Engagiertesten im Fußball ist Thomas Hitzlsperger. Als er noch spielte, arbeitete er für den von der Online-Ausgabe der Zeit betriebenen Blog „Störungsmelder“, auf dem rechtsextremistische Vorfälle thematisiert werden. Nach Abschluss seiner Karriere entschloss der Nationalspieler Hitzlsperger sich, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass er homosexuell ist. Es war ein gelebter Beitrag zur Homophobie-Debatte im Fußball. Am Tag des Outings gingen bei Thomas Hitzlsperger 227 Interviewanfragen ein – nur mir Unterstützung einer PR-Agentur vermochte er diese bewegte Woche im Januar 2014 zu koordinieren.

Bayern-Auflehnung gegen Katar? „Das gäbe Stress“

Immer noch erhält Thomas Hitzlsperger viele Einladungen, 10 000 Zuschriften sind ihm seit dem Outing zugegangen. „Viele wollen ihr Anliegen durch mich vorbringen.“ Am Anfang habe er „die Verpflichtung gespürt, nichts abzusagen“. Heute ist er zwangsweise wählerischer. „Es muss zur beruflichen Situation passen“, er arbeitet als Fußball-Experte für den Bayerischen Rundfunk und soll zudem beim VfB Stuttgart mitwirken, dass der Wiederaufstieg in die Bundesliga gelingt. Viele Projekte erscheinen ihm interessant, doch er kann sie nicht alle zu Ende betreuen. Er macht, was ihm wichtig ist. Das können Auftritte an Schulen sein – oder dass er Ronny Blaschke unterstützt, mit dem er sich in die Münchner Fußballkneipe „Stadion“ setzt, als dieser zur Diskussion über das Buch „Gesellschaftsspielchen“ lädt.

Man müsse auch als kritisch denkender Mensch immer die Zwänge sehen, die der bezahlte Fußball schafft, sagt Thomas Hitzlsperger. Er hat sich, 2011 war das, auch genau überlegt, ob er zur Verleihung des Julius-Hirsch-Preises (wichtigste Auszeichnung des DFB – im Gedenken an den von den Nazis ermordeten jüdischen Nationalspieler) nach Düsseldorf reisen sollte, wo er doch beim VfL Wolfsburg unter Vertrag stand und nach langer Verletzungspause endlich wieder Leistung bringen wollte.

Wenn er jetzt darum gebeten wird, eine Meinung zu äußern über die Wintertrainingslager des FC Bayern in Katar mit seiner unbefriedigenden Menschenrechtssituation zu sagen, erklärt er differenziert: „Klar würde man sich wünschen, dass ein Bayern-Spieler sich hinstellt und sagt, dass er das nicht gut findet – aber der würde garantiert Riesenstress bekommen.“ Bei kritischen Fans bleibt Katar ein großes Thema. Sie können nicht verstehen, dass ihr Verein sich von einem Land ködern lässt, in das Kurt Landauer, der verehrte jüdische Präsident aus den 30er- bis 50er-Jahren, der dank der aktiven und Ultra-Fanszene wiederentdeckt wurde, gar nicht einreisen dürfte.

Profis treten als Namensgeber auf

Ist es vielleicht so, dass Fußballer sich um eine politische Positionierung drücken und ihr Gewissen mit ein bisschen sozialem Engagement ruhig stellen? Auffallend ist die Welle an Stiftungsgründungen durch Spieler. Bis vor einigen Jahren kannte man im Fußball nur die Stiftungen des DFB (Sepp Herberger, Egidius Braun, Kulturstiftung), die ihre Erlöse aus dem Benefizländerspiel generieren, das es alle zwei Jahre vor einem großen Turnier gibt. Doch mittlerweile treten einige Profis als Namensgeber auf.

Im Idealfall aus gesellschaftlicher Verantwortung und Empathie. Mögliche Beweggründe können jedoch auch andere sein. „Man muss in der Kommunikation vorsichtig sein. Sonst heißt es wieder, es gehe nur um das Image“, sagt der Groß-Stifter Dietmar Hopp. Der zweite Grund für Misstrauen der Öffentlichkeit: Mit Stiftungen lassen sich Steuern sparen. Das Kapital, das übertragen wird, kann man als Sonderausgabe von den Steuern abziehen, weiteres Vermögen, das eingezahlt wird, bis zu zwanzig Prozent.

Lukas Podolski, Markus Krampe und Per Mertesacker kickten für einen guten Zweck.

Ronny Blaschke hat etliche Stiftungen von Spielern zu kontaktieren versucht, die meisten reagierten nicht. Zwei schon, die von Per Mertesacker und Philipp Lahm, die auch das Siegel des Deutschen Zentralinstituts für Soziale Fragen (DZI) erhalten haben. Mertesacker hat sich das Projekt „Sport als Chance“ ausgedacht, Betreuung von 50 Schulkinder aus seiner Heimat Hannover über zehn Jahre. Größter Geldfluss war eine 500 000-Euro-Spende des Entertainers Oliver Pocher aus einem Gewinn beim Prominenten-„Wer wird Millionär?“. Viele Anfragen muss Mertesacker aber abschlägig bescheiden, weil sie nicht dem Stiftungszweck entsprechen.

„Man bekommt viele Anfragen verzweifelter Individuen, die Briefe sind herzzerreißend“, erzählt Patricia East – doch auch sie muss oft auf den Stiftungszweck verweisen. Und der ist bei der Philipp-Lahm-Stiftung: Gefördert werden Township-Projekte in Südafrika und die Philipp-Lahm-Camps, im Münchner Umlandveranstaltete Jugendfreizeiten.

Warum Mainz Bäume in Kanada pflanzt

Patricia East ist Britin, sie war in München Professorin für Touristik. Vor gut zehn Jahren wurde sie gefragt, ob sie Philipp Lahm privaten Englisch-Unterricht erteilen würde. „Ich fragte: Wer ist Philipp Lahm?“ Sie kannte ihn nicht, lehnte ab. Später hörte sie den Bayern-Star, wie er an der Hochschule aus seinem Leben erzählte: „Ich war angetan von seinem Charisma und seiner Persönlichkeit.“ Sie hörte von der Philipp-Lahm-Stiftung, „ich habe ein Urlaubssemester genommen, um das Entstehen der Stiftung zu begleiten.“ Nun ist sie die ehrenamtliche Geschäftsführerin.

Wer eine Stiftung gründen will, dem wird empfohlen, eine Million als Stammkapital einbringen – mit dem Zinsertrag ließe sich dann Gutes tun. Die Philipp-Lahm-Stiftung hat lediglich 150 000 Euro Stammkapital. Erlöse kommen durch Sponsoren. Das Modell: Lahm stellt sich ihnen für Termine zur Verfügung. Seine Zeit spielt das Geld für Projekte ein. Dient eine Stiftung der Imagepflege? Dieser Effekt sei eher überschaubar, findet Ronny Blaschke. Belege findet er in den sozialen Medien. Da hat Manuel Neuer auf Facebook 9,2 Millionen Likes, seine Stiftung nur 55 000. Bei Lukas Podolski ist das Verhältnis 7,9 Millionen zu 22 000. Das Internet-Portal der Philipp-Lahm-Stiftung hatte in einem Monat gar nur 112 Seitenaufrufe – nichts im Vergleich zu 5,5 Millionen Facebook-Freunden.

Die Wohltätigkeit der Fußballstars interessiert die breite Masse also nicht – und überhaupt spielt sich vieles, was die Vereine im sozialen Bereich veranstalten, im Verborgenen ab. Wer weiß schon, dass der VfL Wolfsburg sich für die Wiederansiedlung von Wölfen engagiert oder der FSV Mainz 05 für die Aufforstung von Wäldern in British Columbia? Hintergrund der Mainzer Aktion: Der Klub wurde lange vom Ökostrom-Anbieter Entega gesponsert, nennt sich selbst den ersten klimaneutralen Verein der Bundesliga, der während der Spiele die Fahrräder der Besucher reparierte. Damit die CO2-Bilanz vollends stimmt, war noch ein kleines bisschen Ablasshandel nötig – daher die Sache mit dem Baum pflanzen in Kanada. Der Mainzer Geschäftsführer Dag Heydecker sagt: „20 Prozent unserer Fans haben diese Aktivitäten wahrgenommen.“

Fanszenen stellen Fußball-Sozialarbeit in Deutschland dar

Auch der DFB war auf Öko-Mission. Er animierte mit der Grünen-Politikerin Claudia Roth und durch TV-Spots mit Manuel Neuer und den Bender-Zwillingen (Licht ausschalten, Müll trennen) die Amateurvereine, Strom zu sparen. Der Erfolg war überschaubar: Mit der gewonnenen Energie ließen sich 245 Einfamilienhäuser ein Jahr lang versorgen.

Klar ist: Mit England kann der deutsche Fußball beim sozialen Engagement nicht mithalten. Die Premier League hat zwar einen noch deutlich höheren Umsatz (4,4 Milliarden Euro), zweigt jedoch 78 Millionen für soziale Belange ab. Manchester United beschäftigt für diesen Bereich 55 hauptamtliche Mitarbeiter, der FC Arsenal ist an 159 Stellen in einem Umkreis von fünf Kilometern um sein Stadion herum aktiv. Klassische Stadtteil-Sozialarbeit. Per Mertesacker, deutscher Arsenal-Profi, wird oft in Schulen geschickt. Da liest er dann vor, zum Beispiel die „Geschichte vom hässlichen Entlein“ („The Ugly Duckling“).

Eine wesentliche Säule der Fußball-Sozialarbeit in Deutschland stellen die Fanszenen dar. Vor allem die oft geschmähten Ultra-Gruppen – über die gerade in Folge der Dortmunder Südtribünen-Vorkommnisse diskutiert wird – machen sich stark für politisches Bewusstsein, sie nehmen Flüchtlinge auf, organisieren Turniere gegen Rassismus, Diskriminierung. An die große Glocke hängen sie das nicht.

Ronny Blaschke zitiert dazu aus dem Fan-Magazin „Erlebnis Fußball“, wo ein nicht genannter Autor schreibt: „Ob jemals noch ein Außenstehender verstehen wird, dass die gleichen Ultras, die Spenden sammeln und diese auch noch vor Ort an die Kinder, Obdachlosen oder Flüchtlinge übergeben, ohne die Bedürftigen dabei aufzuessen, auch die sind, die Pyro zünden und manchmal andere Ultras hauen? Wohl eher nicht. Die einzige Öffentlichkeit, die man sucht, ist die im Mikrokosmos des eigenen Vereins, der eigenen Fanszene und der eigenen Stadt. Letzteres aber oft auch, ohne sich den lokalen Medien anzubiedern.“

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