Werder-WM-Momente

Burdenski über 1978: „Alles war Mist, von vorne bis hinten“

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Zurück in Bremen! Das Lachen passt nicht zu dem, was Werder-Torhüter Dieter Burdenski in den Wochen zuvor in Argentinien erlebt hatte.

Von Hans-Günter Klemm. Das Beste an Argentinien 1978? Dieter Burdenski schmunzelt, überlegt nicht lange, singt den Refrain: „Buenos dias, Argentinia!“

Ein Hit, gesungen von der Nationalmannschaft, gemeinsam mit Udo Jürgens, dem damaligen Schlager-Giganten. „Diese Platte war das Beste“, betont Burdenski, der als Reservetorwart zum WM-Aufgebot zählte, „ansonsten war alles Mist, von vorne bis hinten. Eine einzige Katastrophe.“

Das Positive vorweg: Die Produktion mit Udo Jürgens hielt, was sie versprach. Das Produkt, möglicherweise die beste melodische Darbietung aus den Stimmen des kickenden Personals in der Historie, verkaufte sich bestens. „Platin haben wir dafür bekommen“, erläutert „Budde“, kein begnadeter Sänger, der heute nicht mehr weiß, in welcher Stimmlage er zum Gelingen beigetragen hat. „Es wurde alles gut durchgemixt.“

Burdenski: „Die Mannschaft hatte kein Feuer“

So perfekt wie immer bei Udo Jürgens, so dass auch die Kasse für die Nationalspieler klingelte. „Die Mannschaft kassierte 30 Prozent der Verkaufserlöse.“ Im Endeffekt 20.000 Mark für jeden Argentinien-Fahrer, ein Almosen im Vergleich zu den heutigen Summen, doch bei dieser WM das einzige Honorar für die Nationalspieler. Denn wegen des frühen Ausscheidens gab es vom DFB, wie vereinbart, keine Prämie.

Auf der Showtreppe gelang also ein müheloses Emporschreiten, auf dem Rasen glückte es nicht. Die erfolgsverwöhnte DFB-Elf rutschte als Titelverteidiger kräftig aus. Stichwort Cordoba. Die historische Pleite, ausgerechnet gegen Österreich, das jämmerliche Aus in der Zwischenrunde. „Normalerweise können wir gegen die Ösis gar nicht verlieren, obwohl sie damals eine wirklich gute Elf hatten,“ blickt Burdenski zurück. Doch in Argentinien zu jener Zeit war alles anders. „Die Mannschaft hatte kein Feuer, wir waren lethargisch, und wir waren überheblich.“

Für den Werder-Ehrenspielführer hatte sich die Blamage angedeutet, schon zu Beginn des Turniers in Südamerika. Alle Auftritte seien nicht überzeugend gewesen, selbst das souveräne 6:0 gegen erbärmlich schwache Mexikaner nicht. So mogelte sich die Elf von Helmut Schön durch die erste Finalrunde, um das Stoppzeichen in der zweiten zu erleiden. 2:3 gegen Austria. Cordoba.

Das Beste an der WM 1978? Für Dieter Burdenski war es die Platte, die die deutsche Nationalmannschaft gemeinsam mit Udo Jürgens einsung.

Burdenski hat sich noch ein anderer Ort eingeprägt, für ihn das Synonym für diese blamable WM. Ascochinga, der Name des Ortes, wo die Deutschen logierten. „Am Arsch der Welt“, sagt Burdenski. „Eine Kaserne in der Pampa, nichts los, langweilig, schlimm.“ Ein Camp, in dem die Luftwaffe des Junta-Regimes die Piloten ausbildete, 80 Kilometer nördlich von Cordoba. Streng bewacht, hermetisch abgeriegelt, eine Quarantäne-Station.

Der berühmt-berüchtigte Lagerkoller setzte schon nach wenigen Stunden ein. Mit Galgenhumor betrachtet der Werder-Profi mit den meisten Einsätzen in der höchsten deutschen Spielklasse die dreiwöchige Schreckenszeit: „Wir gingen uns alle auf den Geist. Nichts passte. Zudem waren die Journalisten auch in unserem Quartier. Die Plätze waren unter aller Sau, uneben und mit Steinen übersät. Wenn du als Trainer heute auf einem solchen Platz trainieren lässt, schicken die dich zum Psychiater.“

Telefonate musste man einen Tag vorher anmelden

Mobiltelefone und Internet gab es damals noch nicht. Was die Kommunikation fast unmöglich machte. Burdenski schildert diese extreme Situation, fernab von Heimat und Familie, abgeschnitten von der Außenwelt, da nur wenige Telefonleitungen in der Militäreinrichtung existierten: „Wer telefonieren wollte, musste dies einen Tag vorher anmelden. Er bekam dann eine ungefähre Zeit genannt, an dem das Gespräch stattfinden könnte: Morgen zwischen 14 und 15 Uhr.“

Burdenski hat das Abenteuer Ascochinga als ein „Erlebnis der speziellen Art“ abgespeichert und als „Urlaub der besonderen Art“ im Gedächtnis. Die Torwarthandschuhe durfte er nur im Training überziehen. Die Hierarchie im Kasten war zementiert: Sepp Maier die Nummer eins. Der Bremer war „die klare Nummer zwei“, der Hamburger Rudi Kargus der dritte Mann. Einsatzchancen hatte sich Burdenski von vornherein nicht ausgerechnet. Bei einem Rivalen wie dem Maier-Sepp: „Der war nie verletzt, so wie ich halt. Und wenn er mal verletzt war, hat er dennoch gespielt.“

Die Werder-WM-Serie:

Teil 1: Karl-Heinz Riedle und die kuriose Premiere vom Punkt

Teil 2: Marco Bode - Kamerun, Karriereende, verpasste Krönung

Teil 3: Ivan Klasnics einzige Beute: ein abgequatschtes Ronaldinho-Trikot

Teil 4: Günter Hermann - kein Weltmeister zweiter Klasse

Teil 5: Uwe Reinders‘ verhängnisvolle Rutschpartie in Badelatschen

Teil 6: Horst-Dieter Höttges‘ Trauma heißt auch heute noch Hurst

Teil 7: Frank Baumann und das ungewollte Souvenir

Teil 8: Rudi Völler und die Grüppchenbildung von Mexiko

Quelle: DeichStube

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