Uth ein Kandidat

Das Millionen-Ding

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Wegen dieser Fans brauchte Davie Selke keinen Bodyguard. Aus Angst vor Attacken wurde ihm gestern aber einer zur Seite gestellt.

Bremen - Als alles gesagt war, drehte sich Sportchef Thomas Eichin noch mal um und grinste in Richtung Medienvertreter: „Das wäre ein Ding, wenn ich jetzt sagen würde: April, April!“ Er machte es aber nicht.

Kommentar zum Selke-Transfer

Weshalb sich als wahr bestätigte, was im ersten Moment tatsächlich nach Aprilscherz klang: Stürmer Davie Selke wechselt im Sommer vom SV Werder Bremen zum Zweitligisten RB Leipzig – und das für eine Ablösesumme, die bei acht Millionen Euro Garantiesumme beginnt und sich im Erfolgsfall (Aufstieg/bestimmte Anzahl von Einsätzen) bis auf zehn Millionen Euro erhöhen kann. Sehr, sehr viel Geld für einen 20-Jährigen, der in 26 Bundesliga-Spielen sechs Tore erzielt hat. Und sehr viel Geld für den SV Werder, der damit nicht nur seinen Haushalt sanieren will.

Selke wechselt nach Leipzig

„Priorität besitzt für uns jetzt, Franco Di Santo langfristig zu binden“, sagte Eichin. Die Selke-Millionen sollen dabei helfen, den Toptorjäger aus Argentinien von einer Vertragsverlängerung zu überzeugen. Di Santos Kontrakt läuft 2016 aus. Und der 25-Jährige soll nicht der einzige echte Stürmer bleiben. „Wir wollen zwei richtig klare Striker“, meinte Eichin und kündigte schon mal an: „Wir werden von außen einen guten Ersatz für Davie holen. Das soll einer sein, der Tore schießen kann.“

Dabei soll es sich nicht um Kölns Anthony Ujah (24) oder Nikolaos Karelis (23) von Panathinaikos Athen handeln. Ein heißer Kandidat ist dagegen Mark Uth vom SC Heerenveen. Der 23-Jährige ist in Köln geboren, hat es aber beim FC nur bis in die Regionalliga geschafft. Es folgte 2012 der Wechsel in die niederländische Ehrendivision und in dieser Saison dann der Durchbruch: Mit 14 Toren und elf Assists in 27 Spielen mischt Uth die Liga auf. Sein Vertrag läuft bis 2016, als Ablöse sind 1,5 Millionen Euro im Gespräch.

Für Werder also durchaus machbar – speziell mit dem Geld aus Leipzig. Von „Red Bull Leipzig“ wie Eichin gestern immer mal wieder sagte. Der Club heißt offiziell jedoch Rasenballsport, weil ein Sponsor im Name nicht auftauchen darf. Die Österreicher mit dem berühmten Energy Drink haben dort alles im Griff, wollen mit Macht in die Bundesliga und dann gleich weiter in die Champions League. Geld spielt da keine Rolle. „Ich kann Davie verstehen“, meinte Eichin: „Die zweite Liga ist für ihn nicht entscheidend, das Gesamtkonzept ist einfach sehr gut.“ Dazu gehört sicher auch der mit zwei Millionen Euro pro Saison hoch dotierte Fünfjahres-Vertrag.

Mark Uth jubelt noch für den SC Heerenveen, bald vielleicht für Werder.

„Davie Selke ist einer der wenigen Spieler, der den klassischen Mittelstürmer verkörpert – groß, schnell, dynamisch, torgefährlich“, erklärte RB-Sportdirektor Ralf Rangnick den Transfer. Selke selbst ließ sich nur in einer Pressemitteilung mit jeder Menge Floskeln und ganz viel Dank an Werder zitieren. Auf Nachfragen im Anschluss an das Training reagierte der 20-Jährige nicht, ließ die Medienvertreter in Bremen wortlos und ohne sie eines Blickes zu würdigen, verdutzt stehen. Nicht zum ersten Mal. Der Angreifer hat da so seine ganz eigene Art – auch auf dem Platz. Gejubelt wird gerne mal alleine. Eine kleine Ich-AG – quasi mit seinen Beratern als Aufsichtsrat. Die flirteten schon im Sommer nach Selkes Triumph bei der U19-EM inklusive Torjägerkrone mit einem Wechsel, dann gab es doch die Verlängerung bis 2018 und einen riesengroßen Gehaltssprung auf eine Million Euro. Als Anfang März die „Sport Bild“ erstmals von den Verhandlungen mit Leipzig berichtete, behauptete Selke-Papa und -Berater Teddy Rupp: „Das entbehrt jeder Grundlage. Man muss nicht alles glauben, was irgendwo geschrieben wird.“

Nun kam heraus: Seit Weihnachten gibt es schon Kontakt, seit Januar verhandeln die Clubs, eine Einigung wurde schon vor Wochen erzielt. Doch Werder wollte es geheim halten, „damit keine Unruhe aufkommt“, meinte Eichin. Der Sportchef weiß nur zu gut, dass nicht wenige Fans sauer auf Selke sind. „Ich sehe das auch emotional, und es gefällt mir nicht, so einen Spieler zu verlieren. Aber Davie muss sich nichts vorwerfen, so ist das Geschäft. Er wird sich weiter voll für uns reinhängen“, versprach Eichin und bat: „Wir brauchen am Samstag gegen Mainz die Unterstützung der Fans.“

Gestern herrschte aber erstmal Angst vor Attacken gegen Selke. Der Angreifer wurde auf dem Weg zwischen Kabine und Trainingsplatz von einem Bodyguard beschützt. Der Club hatte diese spezielle Behandlung in Auftrag gegeben. Ein Novum.

Am Wochenende will Werder aber nicht mehr auf einen Aufpasser, sondern auf das Verständnis und Fingerspitzengefühl der Bremer Anhänger bauen. Eichin wirbt für beides, wenn er erklärt, argumentiert und verspricht: „Wir sind wirtschaftlich auf Transfererlöse angewiesen. Nach der ersten Enttäuschung wird jeder verstehen, dass durch diesen Transfer das eine oder andere für uns wieder möglich ist. Wir werden demnächst kein schlechteres Team haben.“

Werder hat Davie Selke dem Vernehmen nach sogar offensiv auf dem Markt angeboten. Das Haushaltsloch von in dieser Saison wohl acht Millionen Euro soll so zum Teil gestopft werden. Für die Bilanz ist der Deal in jedem Fall ein Mega-Transfer, denn für Selke hatte Werder vor gut zwei Jahren gerade einmal 50000 Euro an die TSG 1899 Hoffenheim überwiesen. Im Sommer kommt das 160-fache aus Leipzig – das hat es so krass beim SV Werder noch nicht gegeben. kni

Die lukrativsten Werder-Transfers

Name Abgang neuer Verein Ablöse in Mio. Euro
Diego 2009 Juventus Turin 24,5
Mesut Özil 2010 Real Madrid 17,0
Miroslav Klose 2008 Bayern München 15,0
Per Mertesacker 2011 FC Arsenal 11,0
Sokratis 2013 Borussia Dortmund 9,9
Torsten Frings 2002 Borussia Dortmund 8,5
Claudio Pizarro 2001 Bayern München 8,2
Davie Selke 2015 RB Leipzig 8,0 - 10,0
Marko Marin 2012 FC Chelsea 8,0
Valerien Ismael 2005 Bayern München 8,0

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