Werder-Trainer Viktor Skripnik riskiert mit dem Einsatz eines Talente-Trios viel und gewinnt alles

Die Jugend gibt jetzt den Ton an

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Levent Aycicek mitten in der pulsierenden Freude der Ostkurven-Fans. Der 20-Jährige hatte sich zuvor mit einer überzeugenden Leistung für weitere Einsätze empfohlen.

Bremen - Der inoffizielle Spieler-Thron befindet sich irgendwo in der Ostkurve. Er ist kein Sitzmöbel, nein, man steht drauf. Im Wohnzimmer möchte man ihn wohl kaum sehen, denn hübsch ist er nicht. Und dennoch gibt es für Profis des SV Werder Bremen nichts Schöneres, als einmal auf diesem Thron zu sitzen – pardon: zu stehen. Nach dem bemerkenswerten 4:0-Sieg über den SC Paderborn war Levent Aycicek der Auserkorene und fand es „einfach nur geil“, einmal König der Ostkurve sein zu dürfen.

Die Fans hatten ihn gefordert. Sie wollten den 20-Jährigen, der ein blitzsauberes Startelf-Debüt in Liga eins hingelegt hatte, in ihrer Mitte sehen. Mit einem Megaphon ausgestattet bestimmte Aycicek also krakelend und hüpfend in bester Tim-Wiese-Manier den Takt des Jubeltanzes. Ähnlich, wie er zuvor auf dem Platz das Bremer Spiel geführt hatte. Als er so über den Fans und über der Mannschaft „thronte“, wurde er zwangsläufig zum Gesicht des Bremer Sieges. Und zum Symbol für den Mut und die Risikobereitschaft seines Trainers.

Viktor Skripnik, der ehemalige U23-Trainer des Clubs, hatte gegen Aufsteiger Paderborn nicht nur Aycicek in die Startelf beordert, sondern auch den noch 19 Jahre alten Stürmer Davie Selke sowie Bundesliga-Nobody Janek Sternberg (22). Später kam auch noch Maximilian Eggestein ins Spiel, ein 17-Jähriger! Sich verstärkt bei seinem alten Team aus der Regionalliga zu bedienen, war Skripniks Wahl nach diversen Ausfällen wegen Verletzungen und Sperren. Dafür braucht man Rückgrat, schließlich hätte es auch schiefgehen können. Aber es ging gut – und die ARD-Sportschau fasste es gelungen zusammen. Skripnik habe „aus der Not eine Jugend“ gemacht.

Der 45-Jährige wusste natürlich: „Ja, es war ein Risiko.“ Dennoch sei er völlig ruhig gewesen, behauptete Skripnik: „Mein Vorteil war: Ich kenne die Jungs und weiß, was sie können Ich habe nicht die Katze im Sack gekauft.“

Zweifel gab es dennoch, ob Aycicek, Selke und Sternberg im Paket gut sein würden für Werder. Die Antwort ließ sich am Ende auf den von Fans eifrig fotografierten Videowänden im Weserstadion ablesen. 4:0 gewonnen – auch dank der Tore von Davie Selke zum 2:0 (48.) und Levent Aycicek zum 4:0 (80.).

Auf Siegkurs hatte allerdings Zlatko Junuzovic das Team gebracht. Sein Freistoß schlug aus 28 Metern Torentfernung genau im Winkel des Paderborner Tores ein (10.). „Die Ecke hatte ich schon anvisiert“, lachte der Schütze, „aber dass der Ball so genau passt, ist auch Glück. Es war ein Traum, ein überragendes Gefühl.“ Schöner sogar als bei seinem Tor des Jahres in Österreich. Damals, am 25. April 2010, hatte er per Fallrückzieher zum 5:1 für Austria Wien getroffen. „Diesmal war es das 1:0 – viel bedeutsamer“, meinte Junuzovic. Das zwischenzeitliche 3:0 (50.) ging auf das Konto von Fin Bartels. Zusammen wurde daraus der höchste Bremer Sieg seit dem 4:0 über Borussia Mönchengladbach am 20. Oktober 2012.

An den Torschützen lässt sich erkennen: Es war eine Co-Produktion der Alten und Jungen, die Werder den „enorm wichtigen Sieg“ (Geschäftsführer Thomas Eichin) gegen einen direkten Konkurrenten brachte. „Das freut mich am meisten“, sagte Skripnik, dessen Bilanz nun bei vier Siegen aus fünf Pflichtspielen steht: „Die erfahrenen Spieler haben die jungen Leute ernst genommen und ihnen geholfen. Das ist eine sehr positive Sache.“

So kletterte Werder mit einem großen Schritt aus dem Keller. Als Letzter waren die Bremer in die Partie gegangen („Das hat uns echt genervt“, so Skripnik), als 14. beendeten sie das Wochenende. „Leider“, grinste der Trainer, „ist es erst der 13., nicht der 34. Spieltag.“

Aber immerhin: Werder ist runter von den Abstiegsplätzen und hat – nicht minder wichtig – jede Menge Erkenntnisse dazugewonnen. Zusammenfassung Viktor Skripnik: „Wir haben die jungen Leute nicht nur auf dem Papier, sondern auch auf dem Platz. Unsere Talente sind eine gute Alternative für die kommenden Spiele. Wir haben uns wieder einen richtigen Konkurrenzkampf gebastelt. Davon können wir profitieren.“

Werder Bremen gewinnt gegen Paderborn mit 4:0

Im Moment sieht es sogar so aus, als hätten speziell Aycicek und Selke die für mehrere Millionen Euro gekauften Ludovic Obraniak, Cedrick Makiadi, Eljero Elia und Nils Petersen abgehängt. Ob es dabei bleibt? Es ist eine Frage an die Zukunft. Skripnik kann aktuell nur den Zwischenstand beschreiben. „Die Jungs haben das wunderbar gemacht und wissen jetzt: Aha, ich kann das. Aber sie dürfen deshalb nicht in den Himmel fliegen.“

Werder in der Einzelkritik

Bei Levent Aycicek besteht die Gefahr nicht, denn er macht immer, was Skripnik sagt. Seit der U17 kennen sich die beiden, „Ich vertraue ihm total“, sagt der Spieler über den Trainer. Skripnik habe ihm immer gepredigt, die Geduld nicht zu verlieren, bis die Chance kommt. Nun war sie da, Aycicek hat sie genutzt und ist jetzt mit der Geduld am Ende: „Ich will zeigen, was ich drauf habe.“

csa

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