Freunde gründeten Stiftung

Werder-Coach Nouri und Mansur Faqiryar: Gemeinsam für Afghanistan

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Die drei Stiftungs-Männer in Aktion: Alexander Nouri (rechts), Mansur Faqiryar (daneben) und Klaus Berster (Mitte, im Anzug) im Februar 2014 bei einem Training für Geflüchtete in einer Oldenburger Soccerhalle.

Bremen - Von Malte Rehnert. Es ist schon eine Weile her. Ab Sommer 2010 saßen Mansur Faqiryar und Alexander Nouri regelmäßig zusammen im Auto und düsten von Bremen nach Oldenburg. Zum Training des VfB, bei dem beide spielten. Aus der Freundschaft ist auch eine Stiftung entstanden.

Auch später, als der eine (Nouri) Trainer und der andere (Faqir-yar) Kapitän war, gab es diese Fahrgemeinschaft noch. Die Zwei lagen schnell auf einer Wellenlänge – auch, weil sie einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben. Faqiryar ist gebürtiger Afghane, Nouri hat iranische Wurzeln. Sie sprachen gerne mal ein bisschen Farsi, Persisch beherrschen beide. „Uns hat viel verbunden“, sagt Faqiryar, „aus Kameradschaft ist Freundschaft entstanden.“ 

Und eine Idee: Die Gründung der „Mansur Faqiryar Stiftung“, die Kinder und Jugendliche in Afghanistan unterstützt. Die aber auch Integrationsarbeit in Bremen leistet. „Die Faszination, Magie und Kraft des Fußballs kann Barrieren, Vorurteile und Grenzen sprengen“, sagt Nouri. Das habe der Trainer von Werder Bremen nicht nur in seiner sportlichen Karriere erlebt, „sondern gerade in den Momenten der Zusammenkunft mit Menschen unterschiedlichster sozialer und ethnischer Herkunft“.

Nouri unterstützt jedes Projekt

Der 37-Jährige, Sohn einer Deutschen und eines Iraners, wurde in Buxtehude vor den Toren Hamburgs geboren. Er war Profi und ist inzwischen Chefcoach eines Bundesligisten. Durch sein Engagement in der Stiftung möchte er „einen Teil von dem zurückgeben, was mir der Fußball ermöglicht hat – insbesondere denen, die benachteiligt sind und Not leiden“.

Nouri ist Kurator der Stiftung, aber laut Faqiryar längst nicht nur ein Berater: „Dass er jetzt wegen der Trainertätigkeit bei Werder weniger Zeit hat, ist klar. Aber Alex ist nicht nur ein Gesicht der Stiftung. Er arbeitet operativ mit, unterstützt jedes Projekt, hat zum Beispiel Trainingseinheiten mit Geflüchteten geleitet.“ 

Nouri und Klaus Berster, Ehrenpräsident des VfB Oldenburg und Treuhänder der Foundation, „sind absolut positiv verrückt. Beide sind sehr engagierte Menschen“, lobt Faqiryar, der die Stiftung 2014 mit Nouri und Berster offiziell gegründet hat. „Ins Rollen kam das Ganze aber schon früher“, erinnert sich der 30-Jährige.

Faqiryar in Kattenturm aufgewachsen

Ihm war 2011 eine Einladung ins Haus geflattert. Der Torwart sollte für sein Heimatland spielen. Er, der ein Jahr alt war, als seine Familie aus dem kriegsgebeutelten Afghanistan geflohen war. Der seitdem nicht mehr in seiner Geburtsstadt Kabul war und in Bremen-Kattenturm aufwuchs. „Das kam sehr überraschend. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich so eine Tür öffnet“, staunt Faqiryar noch immer: „Mir war sofort klar, dass ich das machen möchte.“ 

2011 bestritt er sein erstes Spiel für Afghanistan, 2013 wurde er in den Kader für die Südasienmeisterschaft berufen. Er holte sich das Okay von seinem Vereinscoach Nouri, reiste in die Heimat – und wurde in Windeseile zu einem Volkshelden. Bei der Südasienmeisterschaft hielt er im Halbfinale gegen Gastgeber Nepal (1:0) zwei Elfmeter, überzeugte auch im Endspiel gegen Indien (2:0).

Mit Staatsmedaille ausgezeichnet

Besonderer Moment: Der damalige Präsident Hamid Karsai (rechts) zeichnet Mansur Faqiryar mit einer Verdienstmedaille aus.

Der Lohn: Faqiryar wurde zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt, bekam vom damaligen Präsidenten Hamid Karsai (bei dem er auch mal zum Essen eingeladen war) die mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz vergleichbare Mir-Masjidi-Khan-Medaille angesteckt. 

Der erste internationale Titel für Afghanistan (aktuell 147. der Fifa-Weltrangliste) löste geradezu eine Lawine aus. „Wie da gefeiert wurde, war der Wahnsinn“, sagt Faqiryar: „Hunderttausend Menschen auf der Straße in Kabul – und das in einer Stadt, die zu den gefährlichsten der Welt gehört und in der Massenansammlungen wegen der vielen Selbstmordattentate eigentlich vermieden werden sollen. Das waren atemberaubende, fantastische Momente“, schwärmt der 30-Jährige mit leuchtenden Augen und ergänzt: „Das vergisst man nie. Wenn ältere Menschen zu dir sagen: ,Du hast uns einen Moment geschenkt, den wir jahrzehntelang nicht erlebt haben’.“ 

Während der Feiertage im September 2013 wuchs in Faqiryar der Wunsch, seinen neuen Ruhm zu nutzen und in der Heimat „etwas zu bewegen. Ich fühle mich da in der Verantwortung.“ Zumal der Sport, dem er wie Nouri „eine große Kraft und Macht“ zuschreibt, in Afghanistan „fast gar nicht präsent“ sei.

Stiftung will Wir-Gefühl unter Kindern stärken

Seit der Südasienmeisterschaft 2013 kennt man ihn in Kabul, den afghanischen „Volkshelden“: Hier verteilt Mansur Faqiryar in seiner Geburtsstadt Autogrammkarten in einem Waisenhaus.

Er habe „mit Kids auf der Straße gekickt“ und bleibende Eindrücke gewonnen: „Die spielen barfuß, teilweise im tiefsten Winter. Diese Leidenschaft und pure Freude lässt sie alles vergessen. Das kann man gar nicht in Worte fassen.“ Er wünscht sich aber, dass alle Kinder und Jugendlichen Sport machen können und gerade durch die Mannschaftssportarten der Zusammenhalt gefördert wird. Dass wieder ein Wir-Gefühl entsteht. 

Die neue Generation in Afghanistan, wo laut Faqiryar etwa 70 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahre alt sind (Durchschnittsalter 18,2 Jahre), „braucht mehr Bewegung. Es geht darum, den Sport in den Alltag zu bringen.“ Deshalb engagiert er sich dort mit seiner Stiftung, die unter anderem vom Bremer Stiftungshaus unterstützt wird. 

Und vom auf Fußball spezialisierten Berliner Sozial- und Entwicklungshilfe-Unternehmen Streetfootballworld, das mit der Uefa und der Fifa zusammenarbeitet. „Wir haben in Afghanistan kleinere Projekte umgesetzt, etwa ein Fußballturnier in einem Waisenhaus“, erzählt Faqiryar: „Ich war in den Schulen unterwegs, habe Sportangebote geschaffen und an der Uni in Kabul Workshops für Sportstudenten angeboten.“

Neues Projekt: Sport-AGs in Schulen

Nun plane er mit seine Mitstreitern „das erste größere Projekt. Wir wollen Sport-AGs in Schulen installieren.“ Erst mal werde das Ganze an fünf Schulen in Kabul getestet, zur Klärung letzter Details fliegt Faqiryar – trotz der noch immer nicht sicheren Lage – Anfang Januar dorthin. „Ich werde dann regelmäßig da sein“, sagt er, „alle drei, vier Monate.“ 

Neben dem aktuellen Vorhaben gibt es da aber auch noch „eine Vision“, wie Nouri sagt: „Eine Schule für Mädchen und Jungen in Afghanistan mit einem starken Sport- und Fußballbezug.“ Für Faqiryar ist es „ein Traum, so ein Internat aufzubauen, um ein sicheres Umfeld zu schaffen. Damit auch Kinder, die nicht in Kabul leben, die Möglichkeit haben, dahin zu kommen. Ein Grundstück ist bereits definiert worden. Aber für dieses langfristige Projekt brauchen wir natürlich viel Unterstützung.“ 

Die Stiftung hat einige Sponsoren und Unterstützer, ist ansonsten aber auf Spenden angewiesen – auch, um in Bremen tätig sein zu können. Faqiryar, der in diesem Jahr sein Wirtschaftsingenieur-Studium an der Bremer Universität abgeschlossen und schon vorher seine eigene Karriere nach einer Hüft-OP (Knorpelbruch) auf Eis gelegt hat, ist momentan hauptberuflich Sportkoordinator im Flüchtlingsheim in Walle. Mitfinanziert haben diese Stelle – zumindest für ein Jahr – die Werder-Profis. Danach übernimmt die Stadt Bremen.

Erste Deutsche Meisterschaft für Geflüchtete

„Ich bin in Bremen aufgewachsen und möchte auch hier helfen“, sagt er. In der kommenden Woche veranstaltet die Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Bremer Landessportbund die erste Deutsche Meisterschaft für Geflüchtete. 

Auf den Indoorplätzen des „Soccerking“ treten am 28. Dezember von 9 bis 17 Uhr (am 27. gibt es ab 19 Uhr die Begrüßung und eine Kulturveranstaltung) acht Mannschaften gegenein-ander an. Zwei aus Bremen, die weiteren sechs aus anderen Städten. Vielleicht wird da ja dann ein neues Top-Talent entdeckt. 

Eines wie Ousman Manneh. Der 19-jährige Gambier, der im Flüchtlingsheim in Lesum wohnte, hat inzwischen für Werder in der Bundesliga gespielt. „Alle, die ihm geholfen haben, können sehr stolz sein – er natürlich am meisten, denn er hat sich das erarbeitet“, lobt Faqiryar: „Ousman ist ein super Vorbild für geflohene Menschen und für alle, die im Leben etwas erreichen wollen.“ 

Und der 30-Jährige kann sich durchaus vorstellen, dass in seiner Heimatstadt bald noch mehr Flüchtlinge im Fußball auf sich aufmerksam machen: „Gut möglich, dass es weitere Mannehs in Bremen gibt . . .“

www.mansurfoundation.com

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