Die Wahrheiten nach der Hinrunde

Der Werder-Thesen-TÜV

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Ein kleiner Überflieger: Felix Kroos hat sich in die erste Reihe gespielt. ·

Bremen - Die Hinrunde ist gespielt, die ersten Wahrheiten sind ans Licht gekommen. Und sie decken sich nicht immer mit den vor der Saison gemachten Einschätzungen und Prognosen – wie der Werder-Thesen-TÜV zeigt.

   „Wir sind kein

Abstiegskandidat.“

Aaron Hunt am 9. August als Antwort auf die Provokation von Franz Beckenbauer, Werder sei gemeinsam mit Braunschweig der Top-Anwärter auf den Abstieg.

Hat Hunt Recht behalten? Die Antwort kann nach der Hälfte der Saison nur ein „Jein“ mit leichter Tendenz zum Nein sein. Werder bewegt sich seit vielen Wochen im Dunstkreis der Gefahr, und bisher hat die Mannschaft den Nachweis noch nicht erbracht, dass sie zum sorgenfreien Teil der Liga gehören kann. Zu groß sind die Probleme in der Defensive, zu schwankend die Leistungen, zu selten die Ausschläge nach oben. Aber immerhin: Als Hinrunden-Elfter ist Werder so etwas wie der Spitzenreiter der gefährdeten Teams.

„Die Balance zwischen

Defensive und Offensive

fehlt noch. Ich glaube,

aber, dass wir das

schnell hinkriegen.“

Sportchef Thomas Eichin am 25. Juli in einer Bestandsaufnahme während der Saisonvorbereitung.

Falsch geglaubt, Herr Eichin. Werder hat die Balance zwischen dem Nach-vorne-laufen und dem Nach-hinten-rennen unter Thomas Schaaf nicht gefunden und findet sie auch im ersten halben Jahr unter Nachfolger Robin Dutt nicht. Erst verteidigt Werder gut, schießt aber kaum Tore. Dann schießt Werder Tore, kassiert aber auch massenhaft welche. 22:37 lautet die Tordifferenz – das sind exakt die gleichen Tor-Werte wie in der Rückrunde der Vorsaison. Ausbalanciert ist da gar nichts.

„Der Zusammenhalt im

Team ist gut. Wenn du

das Gefühl vermittelst,

dass alle wollen, hast

du auch die Leute

hinter dir.“

Thomas Eichin im Juli über den Wert des Teamgeistes und die Wirkung auf die Fans.

In diesem Fall volle Punktzahl für Eichin. Werder ist tatsächlich eine Einheit. Vielleicht ein Aha-Effekt, der noch aus der Endphase der Vorsaison herrührt. Vielleicht ein Verdienst von Robin Dutt, für den der Zusammenhalt der Truppe gerade in sportlich mageren Zeiten der wichtigste Erfolgsfaktor ist. Klar ist: Die Spieler halten zusammen, und die Fans folgen ihnen. Auch das historische 0:7-Heimdebakel gegen den FC Bayern schluckt die Anhängerschar, steht im nächsten Heimspiel wieder voll hinter dem Team. Ergebnis: 1:0-Sieg über Leverkusen.

„Sebastian Mielitz wird

eine überragende

Runde spielen.“

Torwarttrainer Marco Langner bewertet am 31. Juli die Entwicklungsmöglichkeiten von Torwart Sebastian Mielitz.

Diese These hat das Trainerteam nach dem 2:3 gegen Mainz 05 selbst aufgegeben. Weil Mielitz zweimal schlimm gepatzt hatte, wird für die restlichen vier Hinrundenpartien Raphael Wolf zwischen die Pfosten gestellt. Dabei hatte Mielitz bis zur Mainz-Partie einen besseren Eindruck gemacht als in der Vorsaison. Seine Gegentorquote hat er freilich nicht entscheidend verbessert. In der Vorsaison kassierte Mielitz 1,94 Treffer pro Partie, jetzt sind es 1,76 pro Spiel. Dennoch: Der plötzliche Vertrauens-entzug mutete dennoch seltsam an, weil Robin Dutt seinen Keeper in den Wochen zuvor wortreich gestützt hatte. So bekommt Wolf seine Chance, kassiert in den ersten drei Partien aber 14 Treffer (Schnitt: 3,5), gewinnt dann jedoch gegen Leverkusen mit 1:0. „Das tut mir natürlich gut. Wenn man als Torwart zu null spielt, sammelt man immer ein paar Pluspunkte“, sagt Wolf. In der Vorbereitung auf die Rückrunde muss er sich mit Mielitz um

die Position im Tor duellieren.

„Die Talente hier

sind nicht schlechter

als anderswo.“

Trainer Robin Dutt über die Spieler aus der U 23. Sein Auftrag ist es, vermehrt Talente aus dem eigenen Nachwuchs ins Bundesliga-Team zu integrieren.

Dutt wagt den Vergleich schon vor Dienstantritt. Vermutlich in der Hoffnung, dass sich im Werder-Nachwuchs Talente wie Max Meyer (Schalke/18), Maximilian Arnold (Wolfsburg/19), Timo Werner (Stuttgart/17), Niklas Süle (18/Hoffenheim) oder Jonatha Tah (17/Hamburg) verbergen. Sie alle werden in ihren Clubs im Laufe der Hinrunde zu Stammspielern. Werder hält mit Felix Kroos dagegen – doch der ist mit 22 Jahren fast schon eine Fußballer-Generation weiter. Die ganz Jungen treten bei Werder allerdings auch auf den Plan. Martin Kobylanski (19) und Davie Selke (18) kommen zu jeweils drei Bundesliga-Einsätzen (je einmal Startelf), Melvyn Lorenzen (19) darf zweimal für wenige Minuten ran. Das ist bis jetzt alles, was der ausgerufene Jugendkurs hervorgebracht hat. „Unsere Spieler sind noch nicht so weit. Wir werden sie sukzessive einbauen“, erklärt Sportchef Eichin. Dutts Zusatzthese, dass die großen Talente in Deutschland und damit auch bei Werder mittlerweile „auf den Bäumen wachsen“, ist – Stand jetzt – ebenfalls nicht belegt.

„Kroos oder Trybull –

einer von beiden

muss gehen.“

Überschrift in dieser Zeitung am 16. Juli.

Zugegeben: Es war daneben, in Felix Kroos einen Ausleihkandidaten zu sehen. Der Mittelfeldspieler hatte im Frühjahr gerade erst seinen Vertrag bis 2015 verlängert. In der Hinrunde startet der 22-Jährige dann voll durch, kommt „kroos“ raus. In neun von zwölf Einsätzen gehört er zur Startelf. Erst ein Innenbandriss im Knie stoppt ihn.

„Wir werden uns

jeden Punkt hart

erkämpfen müssen.“

Robin Dutt über die Ausgangslage für Werder.

Geschenkt wurde Werder tatsächlich nichts in dieser Hinrunde. Der höchste Sieg war das 2:0 im Nordderby beim HSV – und auch dieser Erfolg stand auf wackligen Beinen. Mit Ausnahme der ersten Halbzeit gegen den 1. FC Nürnberg (3:3 nach 2:0-Führung) hat Werder keinen Gegner spielerisch beherrscht. Es ging nur über den Kampf.

„Ich bin hier

kein Problem.“

Eljero Elia beim Trainingsstart am 28. Juni. Nach seiner Suspendierung in den letzten Wochen der Saison 2012/13 will er den Neuanfang unter Dutt schaffen.

Mal ehrlich: Geglaubt hat Elia doch kaum jemand, oder? Der Holländer steht nach seiner nächtlichen Tour mit Marko Arnautovic kilometerweit im Abseits. Doch Robin Dutt nimmt ihn mit offenen Armen auf, weil er auch gar nicht anders kann. Elias Vertrag läuft schließlich noch bis 2016, und veräußerbar ist er nach der Vorgeschichte gewiss nicht. Dutt macht aus der Not eine Tugend, päppelt Elia auf. Der ist folgsam, bleibt skandalfrei und schießt plötzlich sogar Tore. Gegen Nürnberg erzielt er seinen ersten Liga-Treffer im Werder-Trikot – nach 3 356 Minuten. Drei weitere Tore folgen noch. Und weil Elia mittlerweile sogar das Verteidigen als Teil seines Berufes akzeptiert, ist er wirklich kein Problem mehr. · csa

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