So hilft er dem SVW und Kohfeldt

Werder-Psychologe Marlovits im Interview: „Gefühl schlägt Vernunft“

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Sportpsychologe Andreas Marlovits erklärt im Interview, wie er Werder und Trainer Florian Kohfeldt hilft.

Berlin - Andreas Marlovits redet gerne – schon von Berufs wegen. Er ist Professor an der Business School Berlin, leitet den Studiengang Sportpsychologie. Interviews gibt der 52-Jährige trotzdem eher selten, auch das hängt mit seiner Arbeit zusammen. Denn Marlovits hat noch andere Jobs und unterliegt als Sportpsychologe nicht nur der Schweigepflicht, seine Auftraggeber pflegen in diesem Bereich oft auch eine gewisse Vorsicht im Umgang mit der Öffentlichkeit.

Der SV Werder hat nun aber grünes Licht für ein Gespräch gegeben – und Marlovits die DeichStube an seine private Hochschule in Berlin eingeladen. Im Interview beschreibt er, was sich seit seinem Einstieg beim Bundesligisten im Abstiegskampf 2016 verändert hat, was er in der Pause von Spielen macht und wie er sich selbst helfen lässt.

Herr Marlovits, Sie sitzen bei Werder-Spielen auf der Tribüne, was ist dabei Ihre Aufgabe?

Andreas Marlovits: Ich analysiere die Spiele psychologisch. In der Pause bespricht sich das Trainerteam. Wenn es notwendig ist oder sinnvoll erscheint, gebe ich dort eine psychologische Einschätzung ab.

Wie funktioniert Ihre psychologische Spielanalyse?

Marlovits: Das ist eine sehr komplexe Geschichte und lässt sich in ein paar Sätzen nicht gut erklären, ohne Missverständnisse zu erzeugen. Entscheidend ist, den Entwicklungsverlauf unseres Spiels nicht taktisch, sondern in seiner Wirkung zu verstehen. Warum trifft die Mannschaft trotz guter Chancen nicht? Wie kommen Tore oder Gegentore zustande? Wie arbeitet sich das Team aus einer Krise im Spiel? Warum lässt es überhaupt eine Krise zu? Wie geht es mit einem Vorsprung um? Das sind Fragen, die sich durch das Nachvollziehen der Wirkungen im Spielverlauf ergeben und die beantwortet werden müssen.

Aber sieht das nicht auch ein Trainer?

Marlovits: Natürlich sieht oder spürt so etwas auch ein Trainer. Worum es aber geht, ist einen zusätzlichen Blick auf das Geschehen am Platz zu werfen, um daraus zu verstehen, was im Spiel der Mannschaft gerade wirksam ist. Wir haben ja oft genug Situationen im Fußball, wo man sich die Augen reibt und meint, dass es das nicht geben dürfte oder eben nur im Fußball gibt. Dann kann eine solche zusätzliche Sichtweise sehr helfen. Man erkennt darüber Zusammenhänge, die für Trainer wirklich hilfreich sein können. So gab es auch mal einen Trainer bei Werder, der sich gefragt hat: Warum muss meine Mannschaft immer erst in Rückstand geraten, um gut zu spielen? Das wäre ein solcher Zusammenhang.

Kann man denn so etwas im Team verändern?

Marlovits: Das kann man. Wenn die Analyse etwa ergibt, dass die Mannschaft in den entscheidenden Momenten nicht den nötigen Zusammenhalt hat, also eine Führung nicht mit allem, was sie hat, festhalten kann, dann kann man etwas dagegen tun.

Wie?

Marlovits: In diesem Beispiel wäre eine einfache Maßnahme Rugby. Da muss ich etwas festhalten, auch wenn 15 andere auf mir liegen und versuchen, das Ei zu entwenden. Es gibt auch andere Übungen dafür, und natürlich helfen Gespräche.

Machen Sie das oder Trainer Florian Kohfeldt?

Marlovits: Das kommt auf das Verhältnis zum Trainer an. Bei Werder schlage ich solche Maßnahmen vor oder ich selbst führe sie immer wieder auch durch, weil mir Florian Kohfeldt dabei durchaus freie Hand lässt. Das ist gut, weil ich anders mit den Spielern arbeiten kann. Sie haben bei mir nicht im Hinterkopf, dass ein vielleicht weniger effektives Handeln negative Konsequenzen für die eigene Position hat. Man kann also als Psychologe an bestimmten Inhalten freier arbeiten und damit etwas bewirken, was als Cheftrainer vielleicht schwieriger zu erwirken ist. Am Ende muss der Cheftrainer ja immer entscheiden, wer im nächsten Spiel zum Zug kommt.

DeichStuben-Reporter Björn Knips im Gespräch mit Werder-Psychologe Andreas Marlovits.

Kohfeldt hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Sie künftig fest zum Funktionsteam gehören. So eng war die Verbindung noch nie – wie wichtig ist Ihnen das?

Marlovits: Extrem wichtig. Als Psychologe kommst du häufig in einer Krisensituation zu einem Verein. Mein Ziel ist es aber, dass sich die Zusammenarbeit normalisiert und zum Alltag gehört. Ich glaube, dass sich in den letzten Monaten auch klar ein solches Verständnis entwickeln konnte. Es soll keiner das Gefühl haben, er geht zum Psychologen auf die Couch, sondern es ist ein normaler Prozess, durch den ich mich in einer extrem auf Leistung ausgerichteten Welt weiterentwickeln kann.

Wie stark dürfen Sie sich einmischen?

Marlovits: Das richtige Maß zu finden, ist ganz wichtig. Wer will schon jeden Tag einen Psychologen an seiner Seite haben?

Ist das so?

Marlovits: Glauben Sie mir, das ist so. Der Psychologe steht dafür, dass er sich etwas genau ansieht, es analysiert und dann Veränderungen vorschlägt, sie teils anstößt und teils begleitet oder sogar maßgeblich vorantreibt. Das mache ich nicht ständig, weil Entwicklungen auch freie Räume zur Entfaltung benötigen. Deswegen sieht unser Konzept auch vor, dass ich nicht ständig vor Ort bin. Eine gesunde Mischung aus Präsenz und Abstinenz zu finden ist eines der Erfolgsrezepte für wirksame psychologische Arbeit im Spitzensport.

Wie viele Spieler lassen sich einzeln von Ihnen beraten?

Marlovits: Das variiert im Saisonverlauf und abhängig vom Erfolg. Mit einzelnen Spielern arbeite ich intensiv über viele Monate, andere suchen für kürzere Perioden den Austausch und einige halten ihn sehr begrenzt.

Was machen Sie mit Spielern, die keine Zusammenarbeit wollen?

Marlovits: Nichts. Man muss Menschen auch einfach lassen können. Grundsätzlich bekommt jeder Mensch sein Leben ja auch ohne Psychologen bewältigt. Aber in einem Leistungssport, wo ein Fehler verheerende Konsequenzen haben kann, kann es wichtig und ratsam sein, ein Stück mehr über mich und meinen Umgang mit Herausforderungen zu wissen. Ich kann dabei erfahren, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, mit bestimmten Situationen zurechtzukommen.

Wie sehr greift der Verein da ein?

Marlovits: Es kann schon passieren, dass Spieler mal zu mir geschickt werden oder ich sie speziell ansprechen soll. Daraus kann sich etwas entwickeln. Da muss man als Psychologe sehr flexibel sein. Es gibt nicht die klassische Situation wie in der Psychotherapie, wo man 50 Minuten lang in einem bestimmten Setting spricht. Ich habe mit Spielern aus der Situation heraus an den unmöglichsten Orten gesprochen, weil es dort in dem Moment der ungestörteste Ort war. Am wichtigsten ist es, dass die Spieler immer wissen, dass ich nichts von unseren Gesprächsinhalten an den Trainer weitergebe.

Aber der Trainer will doch gerade von Ihnen wissen, wie es seinen Spieler geht.

Marlovits: Natürlich. Wenn ich den Eindruck habe, der Trainer müsste dringend etwas erfahren, dann bespreche ich das mit dem Spieler. Und erst wenn er sein Einverständnis gibt, informiere ich den Trainer. Bekomme ich es nicht, erfährt der Trainer nichts. Dieser Grenzweg ist nicht immer einfach.

Wann speziell?

Marlovits: Ein Spieler wird nie einem Trainer sagen, dass er – aus welchen Gründen immer – nicht spielbereit ist. Aber mir gegenüber öffnet er sich vielleicht.

Und dann?

Marlovits: Arbeiten wir daran und schauen, ob er spielbereit wird. In der Regel bekommen wir das auch hin. Nehmen wir den Tod eines Angehörigen – die meisten Profis wollen dann trotzdem spielen. So einfach ist das aber gar nicht, weil Trauer eine Emotion ist, die einem aggressiven Kämpfen entgegensteht. Genauso kann es sein, wenn es große private Probleme gibt oder wenn man sich schwertragende Gedanken über die eigene berufliche Entwicklung macht.

Wird der Einfluss des Privatlebens auf die Leistung eines Profis von der Öffentlichkeit unterschätzt?

Marlovits: Darum geht es nicht. Wenn ich als Fan ein Ticket für ein Spiel kaufe, dann möchte ich da keinen Freizeitkick sehen, sondern Profis, die alles für ihr Spiel geben. Natürlich sind Spieler keine Maschinen, sondern Menschen mit Gefühlen. Und wenn ihnen etwas Negatives widerfährt, hat das Auswirkungen. Früher wurden sie damit allein gelassen und mussten selbst klar damit kommen. So was kann aber heute wichtige Zeit kosten. Da müssen wir ansetzen – nicht bei der Einschätzung der Öffentlichkeit.

Ist der Druck im Fußball trotzdem nicht zu groß geworden?

Marlovits: Es wird viel Geld mit Fußball verdient. Wenn Spieler vom Monetären und der hohen Zuwendung profitieren wollen, müssen sie mit diesem Druck umgehen können. Sollte mich dieser ständige Druck fertigmachen, dann muss ich die Entscheidung treffen, das nicht mehr zu tun oder auf eine andere Leistungsebene zu wechseln. Dabei kann natürlich auch ein Experte helfen. Denn lustig ist das nicht, so eine gravierende Änderung der Lebensplanung vorzunehmen.

Sie beraten nicht nur die Spieler, sondern auch den Trainer. Wie stellt sich das dar?

Marlovits: Wir sprechen viel über die Entwicklung des Teams und die Dynamiken, die sich in den Spielen selbst zeigen. Natürlich gebe ich ihm auch Rückmeldung über seine Wirkung als Trainer. Worte und die Sprache des Körpers des Trainers zum Beispiel sind ja entscheidende Einwirkgrößen im Coaching. Die Zusammenarbeit mit Florian ist auch deshalb intensiv, weil er für sich erkannt hat, dass Trainer weniger an ihrer methodischen Kompetenz scheitern, denn da sind sie alle Fachleute. Das Problem vieler Trainer ist, dass sie mit den dynamischen Wirkungen auf das Team, die durch die Spiele entstehen, Schwierigkeiten bekommen. Wie gehe ich mit dem Team um, wenn es plötzlich 40 Punkte erreicht hat? Wie gehe ich mit der Wirkung von zwei Niederlagen um oder mit der, dass das nächste Spiel ein Schlüsselspiel ist. Das sind Wirkungen, auf die Trainer selten vorbereitet sind.

Wie bekommt der Trainer das hin?

Marlovits: Florian ist ein sehr reflektierter und selbstkritischer Trainer, der es schafft, sich auch unangenehme Fragen zu stellen oder stellen zu lassen. Das hilft ungemein, auch unbequeme Themen offen anzusprechen.

Sie haben ihm empfohlen, nicht zu viel zu denken, sondern sich auch mal auf das Gefühl zu verlassen. Das hat Florian Kohfeldt selbst verraten. Wie meinen Sie das?

Marlovits: Die jüngere Trainer-Generation ist stark analytisch ausgebildet. Das heißt, sie haben viele Tools, Spiele analytisch, also auseinandersetzend zu verstehen. Das hat viele Vorteile aber auch den Nachteil, dass manchmal der Blick aufs Ganze verloren geht. Auch das kennt jeder aus dem Alltag. Man zählt dann hunderte Gründe auf, was alles für ein neues Jobangebot spricht. Dabei spürt man gleichzeitig, dass der angebotene Job einfach nicht passt und man ihn gar nicht machen möchte. Wir wissen aber schon lange in der Psychologie, dass Gefühl Vernunft schlägt. Das wollte ich Florian damit sagen. Die Analyse ist wichtiges Beiwerk, am Schluss sollte aber ein ganzheitliches Gefühl entscheiden.

Florian Kohfeldt versucht, der Mannschaft eine absolute Siegermentalität einzuimpfen. Damit ist er in der Bundesliga sicher nicht allein. Warum gelingt das so selten dauerhaft?

Marlovits: Weil die Siegermentalität kein statischer Moment, sondern ein Prozess ist. Der muss vom ganzen Verein gelebt werden, der muss sich immer wieder beweisen. Das hat Florian sehr gut verstanden, lebt es vor, arbeitet jede Woche daran – auch mit Blick auf den nächsten Gegner. Das Thema Siegermentalität muss anders behandelt werden, wenn du gegen die Bayern spielst oder eben im DFB-Pokal gegen einen Viertligisten. Und nach zwei Niederlagen verändert sich auch schon wieder etwas in den Köpfen. Du kannst eine Siegermentalität nicht einzementieren und dich dann darauf verlassen.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Marlovits: Als ich als Sportpsychologe angefangen habe, war die erste Reaktion aus dem Fußball oft: Ich bin nicht krank. Jetzt kommen viele Spieler auf mich zu und sagen: Ich möchte mich weiterentwickeln. Im psychischen Bereich ist für die Profis noch viel zu entdecken, was bei der Steigerung des eigenen Könnens helfen kann.

Sie beraten viele Menschen, lassen Sie sich selbst auch beraten?

Marlovits: Natürlich. Wir haben sogar die Verpflichtung, mit unseren Themen in eine Supervision zu gehen. Da legen wir uns quasi selbst auf die Couch. Wir sind ja nicht die Oberwuzzis, unsere Arbeit hinterlässt auch bei uns selbst Spuren – bei mir vor allem graue Haare.

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Quelle: DeichStube

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