Werder-Profi im Interview

Bargfrede: „Wir sind reif für den Derbysieg“

Philipp Bargfrede (re.) im Gespräch mit DeichStuben-Reporter Björn Knips.
+
Philipp Bargfrede (re.) im Gespräch mit DeichStuben-Reporter Björn Knips.

Bremen - Große Interviews hat Philipp Bargfrede in den vergangenen Wochen abgelehnt. Der Werder-Profi wollte erst wieder richtig und nicht nur als Einwechselspieler dabei sein, bevor er ausführlich Rede und Antwort steht. 

Bis zum vergangenen Wochenende musste der 28-Jährige warten, ehe ihn Trainer Alexander Nouri erstmals in die Startelf berief. Gerade noch rechtzeitig vor dem Nordderby am Samstagabend, das für Bargfrede als Mann aus der Mitte zwischen Bremen und Hamburg eine ganze besondere Partie ist. Der „DeichStube“ erzählt Bargfrede exklusiv, was er an Derbys  liebt, warum er sich über die Anstoßzeit um 18.30 Uhr besonders freut und wie er damit umgeht, nicht zum Mannschaftsrat zu gehören.

Herr Bargfrede, können Sie sich noch an Ihr erstes Nordderby erinnern?

Philipp Bargfrede (überlegt sehr lange): Nein, sorry, das weiß ich nicht.

Das war am 8. Mai 2010 – ein 1:1 im Weserstadion.

Bargfrede: Okay, ein 1:1 – ich erinnere mich nur an Siege (lacht). Außerdem habe ich schon so viele Nordderbys gespielt.

Sie stammen fast genau aus der Mitte zwischen Bremen und Hamburg – aus Heeslingen. Ist es für Sie damit noch „derbyscher“?

Bargfrede: Durchaus. Das Derby war dort für mich von kleinauf ein Thema. Entweder war man grün oder blau. Da gab es viele Sprüche. Für mich sind es die beiden besten Spiele im Jahr – mit einer tollen Atmosphäre im Stadion und viel Kampf auf dem Platz.

Wird im Nordderby unter den Profis mehr provoziert?

Bargfrede: Das kommt ein bisschen darauf an, wie das Spiel läuft. Aber wenn es sich aufheizt, dann gibt es schon mal richtig Theater.

Das Nordderby: Kuriose Fakten und spektakuläre Ereignisse

Symbolbild
Beim Nordderby im Jahr 1967 fand die erste Auswechslung der Bundesliga-Geschichte statt. Hamburgs Torhüter Arkoc Özcan hatte sich in der 18. Minute den kleinen Finger gebrochen – für ihn kam Ersatzkeeper Erhard Schwerin in den Kasten. Die Regel, die Auswechslungen ermöglichte, war erst kurz zuvor eingeführt worden. © imago sportfotodienst (Symbolbild)
Nordderby
Ende einer Serie: 36 Bundesligaspiele in Folge war der HSV zwischen den Jahren 1982 und 1983 ungeschlagen. Ausgerechnet Werder stoppte den Lauf des Rivalen. Die Grün-Weißen siegten 3:2. © imago sportfotodienst
Nordderby
Das Nordderby im Jahr 1972 wurde vor gerade einmal 8000 Zuschauern ausgetragen – Negativrekord. Weniger kamen davor und danach nie zum Duell der Nordrivalen. Ein Grund für das geringe Interesse: Kurz zuvor war der legendäre Bundesliga-Skandal aufgeflogen. © imago sportfotodienst
Nordderby
Ehrenrunde über dem Weserstadion: Nach Hamburgs Meisterschaft in der Saison 1982/1983 hatte Horst Hrubesch eine ganz besondere Idee. Auf dem Rückflug vom letzten Spieltag überredete der HSV-Profi den Piloten der Fokker-Maschine, eine Ehrenrunde über dem Weserstadion in Bremen zu drehen. © imago sportfotodienst
Nordderby
An diesen Tag erinnern sich die Bremer nur ungern. Am 27. November 1971 lässt Schiedsrichter-Legende Walter Eschweiler die Werder-Profis in der zweiten Halbzeit beim Auswärtsspiel in Hamburg mit HSV-Trikots auflaufen. Der Grund: Für Eschweiler waren sich Werder- und HSV-Trikots zu ähnlich – Verwechslungsgefahr! Weil Werder aber keine Ersatztrikots dabei hatte, mussten die Grün-Weißen die ungeliebte HSV-Raute auf der Brust tragen. © im ago/Future Image
Nordderby
Ailton ist eben doch ein Bremer! 2006 nagelte der Brasilianer im Trikot der Hamburger den Ball im Derby völlig freistehend aus acht Metern über das leere Tor. Der HSV unterlag 1:2. Durch die Pleite zog nicht Hamburg, sondern Bremen in die Königsklasse ein. Wenig später war Ailtons Zeit beim HSV beendet – er wurde verkauft. © imago images / Thorge Huter
Nordderby
Beim Derby 2008 versuchten die Hamburger im Kampf um die Champions-League-Plätze mit einem Psychotrick zu punkten: Beim Duell in Hamburg wurde die Gästekabine mit HSV-Flaggen ausstaffiert. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Die Bremer ließen sich nicht beeindrucken, gewannen und wurden am Ende Zweiter in der Tabelle – der HSV musste sich mit Rang vier begnügen. © imago images / HochZwei/Christians
Nordderby
Werders höchster Auswärtssieg in Hamburg gelang am 22. September 2001 mit einem 4:0. Bremens gefeierter Held: Marco Bode. Der Stürmer erzielte einen Treffer selbst und bereitete zwei weitere vor. Der höchste Heimsieg war in der Meistersaison 2004 sogar ein 6:0. © imago images / Kolvenbach
Nordderby
Das wohl berühmteste Tor der Nordderby-Geschichte: Frank Baumanns Kopfballtreffer bedeutet für Werder den Einzug ins UEFA-Cup-Finale 2009. Es sorgte auch für einen der drei Werder-Siege gegen den HSV in drei Wettbewerben binnen 19 Tagen. Kurios war aber auch die Entstehung der Ecke vor Baumanns Tor: Der Ball hoppelte über eine Papierkugel, die ein HSV-Fan auf den Rasen geworfen hatte. HSV-Abwehrmann Michael Graavgaard traf den Ball nicht richtig - es gab Ecke für Werder. © imago
Nordderby
Ausgerechnet ein Wahl-Hamburger ersteigerte die legendäre Papierkugel. Matthias Seidel, Gründer von „transfermarkt.de“, erwarb die Kugel, um sie später im Werder-Museum ausstellen zu lassen. © imago images / Philipp Szyza
Nordderby
Adrian Maleika. Der Name steht synonym für die größte Tragödie der Derby-Geschichte. Der Werder-Fan wurde vor dem Spiel am 16. Oktober 1982 auf dem Weg ins Volksparkstadion von Hamburger Hooligans brutal angegriffen. Bei einem Steinwurf erlitt der 16-jährige Lehrling einen Schädelbasisbruch und Gehirnblutungen. Einen Tag später starb er. Er gilt als erstes Todesopfer bei Hooligan-Übergriffen in Deutschland. © imago
Nordderby
Noch eine der ganz bitteren Geschichten des Nordderbys: Am 20. September 1989 spielte Ditmar Jakobs sein letztes Bundesliga-Spiel. Im Weserstadion rutschte der HSV-Verteidiger bei einer Rettungsaktion ins Tor. Dort bohrte sich ein defekter Karabinerhaken der Toraufhängung in seinem Rücken. Jakobs kam nicht mehr los, der Haken musste mit einem Skalpell herausgeschnitten werden. Dabei wurden seine Nerven so stark verletzt, dass an Profisport danach nicht mehr zu denken war. © imago
Nordderby
Niederlagen sind nie schön, die am 14. Mai 1988 gegen den HSV gilt aber als eine der schönsten Werder-Pleiten. Die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel ging zwar zu Hause mit 1:4 gegen die Hamburger baden. Aber das juckte keinen: Die Bremer hatten die zweite Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte schon perfekt gemacht - und durften nach dem Spiel die Schale vor den Augen des Rivalen in die Höhe recken. © imago
Nordderby
So unschön die Szene, so schnell wurde sie auch legendär: Werder-Keeper Tim Wiese verwechselte im Mai 2008 Fußball mit Kung Fu und senste beim Herauslaufen HSV-Stürmer Ivica Olic derart um, als wolle er ihm den Kopf abtreten. Ob Wiese da schon den Gedanken an eine Karriere im Wrestling entwickelt hat? Franz Beckenbauer sprach danach von Mordversuch, ein Unbekannter stellte sogar Strafanzeige wegen versuchten Totschlags. Der Schiedsrichter zeigte im Spiel jedenfalls nur Gelb. © imago
Nordderby
Klar ist: Werder Bremen gegen den Hamburger SV - es ist das ewige Duell der Bundesliga. Kein Spiel gab es häufiger. Zum 100. Nordderby präsentierten die Werder-Fans im Weserstadion eine beeindruckende Choreografie. „100 Spiele wie im Märchen“, schrieben die Fans und klappten das Geschichtsbuch auf. Am Ende stand: „Und die Moral von der Geschicht‘, Bremen ist geil, Hamburg nicht.“ © imago images / osnapix

Warum gewinnt Werder das Derby am Samstag?

Bargfrede: Weil es Zeit ist, den ersten Dreier in dieser Saison einzufahren – ganz einfach. Wir sind reif für den Derbysieg.

Warum?

Bargfrede: Wir hätten schon gegen Wolfsburg und Freiburg gewinnen können. So müssen wir weiterspielen, vielleicht noch mit ein bisschen mehr Mut.

Thomas Delaney hat nach dem 0:0 gegen Freiburg angemahnt, dass sich die Mannschaft zu sehr auf das Verhindern einer Niederlage konzentriert, als an den Sieg zu glauben. Wie denken Sie darüber?

Bargfrede: Ein Stück weit teile ich das. Aber wir wollten schon gewinnen. Mit Mut meine ich auch etwas anderes: Du musst dich von Beginn an trauen, im Spielaufbau mutig zu sein. Das zieht sich dann durch das ganze Spiel. Und letztlich müssen wir einfach auch mal unsere Torchancen nutzen. Wir würden jetzt ganz anderes reden, wenn uns das gegen Wolfsburg und Freiburg gelungen wäre.

Sie standen gegen Freiburg zum ersten Mal in dieser Saison in der Startelf. Wie hat sich das angefühlt?

Bargfrede: Sehr gut. Ich war schon froh – und es hat mir gut getan.

Nach knapp 70 Minuten war für Sie der Arbeitstag vorbei. Fehlte Ihnen nach den zuletzt kürzeren Einsätzen die Kraft für die volle Distanz?

Bargfrede: Das kann sein, ich habe es schon etwas gespürt. Von der Belastung her hat es gereicht.

Müssen Sie da immer noch aufpassen?

Bargfrede: Das ist doch normal und richtig nach meinen Verletzungen. Das wird mir zu Gute kommen. Ich fühle mich gut und habe keine Probleme mit dem Knie.

Früher galt immer: Wenn der Bargfrede fit ist, spielt er auch von Anfang an. Haben Sie diesen Status verloren?

Bargfrede: Das weiß ich nicht. Mir hat es sehr gut getan, die Belastung langsam zu steigern. Dabei war ich mit dem Trainerteam immer im engen Austausch. Das A und O für mich ist, richtig gesund zu sein – und zwar über einen längeren Zeitraum. Es war okay für mich, wie die letzten Wochen gelaufen sind.

Waren Sie nicht enttäuscht, beim Anpfiff auf der Bank zu sitzen?

Bargfrede: Natürlich ist das erstmal ein ungewohntes Gefühl, denn ich habe schon den Anspruch, immer zu spielen. Aber manchmal ist das eben so. Wie gesagt, wir verfolgen gemeinsam einen genauen Plan, damit ich der Mannschaft dauerhaft helfen kann.

Wie ist das, wenn einem ein junger Kollege wie Maximilian Eggestein den Stammplatz weggeschnappt hat?

Bargfrede: Ich gehe damit ganz professionell um und mache ganz sicher keinen Stunk. Ich versuche auch, Maxi zu helfen. Ich sehe mich da als Teamspieler. Das lebe ich nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb.

Philipp Bargfrede (li.) und sein Konkurrent um den Stammplatz, Maximilian Eggestein.

Wie helfen Sie Maximilian Eggestein?

Bargfrede: Wir haben ein ganz gutes Verhältnis. Wenn er etwas hat, kann er zu mir kommen, das weiß er. Ein bisschen mehr als er habe ich ja schon erlebt . . .

Haben Sie Ihren Stammplatz nun zurückerobert?

Bargfrede: Das wird man sehen.

Müssen Sie noch lernen, mit dieser Ungewissheit umzugehen?

Bargfrede: Klar, es ist eine andere Situation. Aber ich versuche, mir da nicht so viele Gedanken zu machen. Ich will bereit sein, wenn ich gefragt bin.

Wie bitter wäre es, ausgerechnet im Nordderby nur Zuschauer zu sein?

Bargfrede: Ich würde schon gerne spielen, das kann ich ganz klar sagen. Ich mag auch diese Anstoßzeit: 18.30 Uhr. Es ist einfach geiler, abends zu spielen. Der Rasen ist schön nass, es ist dunkel, eine tolle Atmosphäre. Das geht doch allen so – Profis und Amateuren, oder?

Bei den Amateuren könnte das auch mit der weiteren Abendgestaltung zu tun haben . . .

Bargfrede: (lacht) Das könnte natürlich sein.

Sie sind der dienstälteste Werder-Profi, aber weder Kapitän noch einer der Vize-Kapitäne, warum?

Bargfrede: Da müssen Sie den Trainer fragen, das kann ich nicht beantworten.

Kam das für Sie überraschend?

Bargfrede: Ja, schon. Früher habe ich oft dazu gehört. Aber vielleicht liegt es daran, dass ich in der Vergangenheit oft wegen Verletzungen gefehlt habe.

Sind Sie enttäuscht?

Bargfrede: Es freut sich jeder, wenn er in so einem Kreis dabei ist. Aber meine Einstellung ändert sich dadurch nicht. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann werde ich das tun. Es ist okay, so wie es ist.

Ihr Vertrag läuft im Sommer aus, gab es schon Gespräche mit Sportchef Frank Baumann?

Bargfrede: Nein, noch nicht.

Wann wollen Sie Klarheit haben?

Bargfrede. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich will erstmal eine gute Serie spielen.

Zurück zum Nordderby: Ist die Busfahrt am Spieltag vom Hotel zum Stadion anders als in anderen Städten?

Bargfrede: Da gibt es schon den einen oder anderen Mittelfinger mehr zu sehen. Aber das ist nix, was uns großartig stört.

Schauen Sie überhaupt noch raus?

Bargfrede: Wo soll ich sonst hinschauen?

Was denken Sie dann?

Bargfrede: Ich hoffe einfach, dass es im Rahmen bleibt. Es geht um viel, aber es ist nur Fußball. Es soll einfach ein Fest werden.

Was macht bei einem Derby am meisten Spaß?

Bargfrede: Das Gewinnen! Es ist herrlich, wenn der Schiedsrichter abpfeift, du gewonnen hast und weißt, dass du den Fans etwas Gutes schenken konntest.

Schon gelesen?

Früher Werder, heute HSV: Aaron Hunt im Interview vor dem Nordderby

Quelle: DeichStube

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Überforderung im Sport vermeiden

Überforderung im Sport vermeiden

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Fünf Spiele für Eltern und Kinder

Fünf Spiele für Eltern und Kinder

Das alte Smartphone im Netz zu Geld machen

Das alte Smartphone im Netz zu Geld machen

Meistgelesene Artikel

Historische Entscheidung: Olympische Spiele in Japan wegen des Coronavirus verschoben 

Historische Entscheidung: Olympische Spiele in Japan wegen des Coronavirus verschoben 

Ex-Werder-Keeper Reck verlängert Vertrag beim SSV Jeddeloh II

Ex-Werder-Keeper Reck verlängert Vertrag beim SSV Jeddeloh II

Abdelhak Nouri ist wieder zu Hause und macht Fortschritte

Abdelhak Nouri ist wieder zu Hause und macht Fortschritte

Ex-Werder-Star Naldo hilft den traurigen Brasilianern

Ex-Werder-Star Naldo hilft den traurigen Brasilianern

Kommentare