Werder-Präsident Fischer erklärt das Phänomen Skripnik

„Viktor ist keine Kopie, Viktor ist ein Original“

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Nach 18 Jahren bei Werder steht Viktor Skripnik nun als Chefcoach der Bundesliga-Mannschaft auf dem Trainingsplatz – sehr zur Freude von Vereinspräsident Klaus-Dieter Fischer (kleines Foto).

Bremen - Viktor Skripnik (44) ist in aller Munde. Nach nicht einmal zwei Wochen hat der neue Werder-Coach als Nachfolger von Robin Dutt die Stimmung in Bremen und umzu komplett verändert. Die Stadt, die ganze Region glaubt nach drei Pflichtspielsiegen in Folge wieder an den Klassenerhalt und an bessere Zeiten. Seit 1996 ist der Ukrainer schon beim SV Werder, erst acht Jahre als Spieler, danach als Trainer. Klaus-Dieter Fischer (73) war die ganze Zeit dabei. Der Werder-Präsident und Geschäftsführer blickt auf 18 Jahre Skripnik bei Werder zurück und erklärt, warum aus dem Profi einfach der Chefcoach werden musste.

„Die erste Aktion, mit der ich Viktor verbinde, war eine Gelbe Karte beim Freundschaftsspiel 1996 gegen Hansa Rostock“, erinnert sich Fischer an Skripniks Premiere im Werder-Trikot: „Auf der alten DDR-Deponie Schönberg hat er seinen Gegenspieler doch recht rüde attackiert, dass ich nur gedacht habe: ,Auweia, da haben wir aber eine schöne Kante dazubekommen.’ Aber das war auch notwendig, denn wir hatten keine gute Abwehr.“ Der Trainer hieß damals Dixie Dörner – „er hat Viktor zu uns geholt.“

Als 2004 der Vertrag von Viktor Skripnik auslief, strukturierte Werder gerade sein Nachwuchsleistungszentrum. „Viktor war einer mit großem Fußball-Sachverstand – und wir dachten uns: ,Er ist ein toller Typ, äußert trotz seiner ruhigen Art klar seine Meinung – also probieren wir es und geben ihm einen Jugendvertrag.’ So kam er dann wie zwölf Jahre zuvor Thomas Schaaf in meinen Verantwortungsbereich“, erzählt Fischer mit einem zufriedenen Lächeln und fügt noch an: „Ich habe Viktor damals klar gesagt: ,Du hast noch keine Mannschaft trainiert, du musst bei uns also von der Pike auf lernen. Du wirst nicht gleich vorne stehen, sondern erst mal Co-Trainer der U 15.’“ Skripnik willigte ein – und das als frischgebackener Double-Sieger, also als Fußball-Held. Mitverantwortlich dafür war auch seine Familie.

„Viktor ist ein unglaublicher Familienmensch“, hebt Fischer hervor: „Und seine Familie wollte unbedingt in Deutschland bleiben.“ Dabei war es nicht immer einfach für die Skripniks. Liana Skripnik kam als Ärztin nach Deutschland, doch ihre Abschlüsse wurden hier nicht anerkannt. Die beiden Kinder wurden in der Schule schon mal gehänselt, wenn der Papa nach bitteren Niederlagen in der Boulevardzeitung wie seine Teamkollegen mit roter Pappnase verhöhnt wurde. „Das hat Viktor gar nicht gefallen. Der Schutz der Familie ist ihm ganz wichtig – auch jetzt als Trainer“, betont Fischer und schwärmt: „Diese Familie ist echt klasse. Die Kinder haben schon auf ihren ersten Werder-Weihnachtsfeiern Gedichte vorgetragen – in perfektem Deutsch. Es ist gut, dass sie den Papa immer noch korrigieren...“

Ein spezielles Thema. „Ich bin seit langer Zeit mit ihm im Kampf um seine Sprache“, gesteht Fischer. Er habe ihm immer wieder gesagt: „Du musst dich verbessern.“ Doch Skripnik habe stets geantwortet: „Ich spreche die Fußballer-Sprache, jeder versteht mich.“ Damit habe der Ukrainer sicher Recht, er habe sich auch verbessert und im Moment käme sein eigenwilliges Deutsch in den Medien sehr gut an. Doch Fischer hofft, dass auch kritische Situationen überstanden werden, wenn er mal drei, vier Spiele am Stück verliert und er keine Überschrift lesen muss wie „Verstehen die Spieler den Trainer nicht mehr?“

Nach seiner ersten Station als Co-Trainer der U15 bekam Skripnik seine erste eigene Mannschaft: Werders Dritte in der Bremen-Liga. Reine Amateure, keine Talente mit Profi-Ambitionen. „Aber Viktor hat das klasse gemacht“, erinnert sich Fischer. Er gab ihm die U16, dann die U18 – und schließlich die U17, Skripniks bis dahin wichtigste Aufgabe. Denn dort spielen die richtig großen Talente. Doch 2010 geriet der Ex-Profi plötzlich ins Grübeln. „Im Trainigslager in Immenhausen saßen wir im schönen Garten unseres Hotels – und plötzlich sagt Viktor: ,Du, Vize, ich habe ein Problem. Ich habe ein Angebot von der U21 der Ukraine. Ich will weiterkommen als Trainer, ich will das machen.’“ Fischers Antwort ist eindeutig: „,Du weißt doch wie das bei Werder läuft – denk an Thomas Schaaf. Ich kann dir nichts versprechen. Aber wer weiß schon, was passiert? Und wenn deine Familie bleiben will, dann kannst du nichts Besseres tun.’“ Damit hatte sich das Thema erledigt.

2013 wurde die U23 an die Profi-Abteilung angedockt – und Trainer Thomas Wolter sportlicher Leiter des Werder-Leistungszentrums. „Für uns gab es null Diskussion, wer sein Nachfolger wird: Viktor Skripnik“, erinnert sich Fischer. Gründe für die Beförderung gab es viele, so Fischer: „Er hat einfach genau dieses Gleichgewicht, das man als Trainer braucht: Alle mögen ihn, aber er hat eben auch ein unglaubliches Durchsetzungsvermögen. Es wird das gemacht, was er will. Und wenn man das nicht macht, landet man ganz schnell auf der Tribüne.“ Deshalb sei Skripnik vor zwei Wochen auch die erste Wahl für die Dutt-Nachfolge gewesen: „Alles andere als diese Bremer Lösung hätte uns zurückgeworfen.“

Erst der Sieg im Pokalspiel in Chemnitz, dann der erste Bundesliga-Dreier in Mainz und dann auch noch der erste Heimsieg gegen Stuttgart – besser hätte es für Skripnik nicht laufen können. „Wir haben also alles richtig gemacht“, sagt Fischer zum Trainerwechsel und schmunzelt: „Da war auch Glück dabei. Und ich sage es noch einmal ganz deutlich: Die Entlassung von Robin Dutt hat sehr weh getan, weil man ihm eigentlich nichts vorwerfen kann.“ Andererseits hebt Fischer auch die Vorzüge von Nachfolger Skripnik hervor: „Die Mannschaft merkt, dass er Fußball lebt. Alles, was er macht, kommt aus dem Fußball-Leben. Die Spieler wissen, dass er als Profi hier alles erlebt hat – von unserem schwersten Abstiegskampf 1999 bis hin zum Double 2004. Das ist ein Riesenvorteil für einen Trainer. Und er hat es geschafft, die Mannschaft zu überzeugen, wie wichtig es für Bremen ist, dass Werder da unten rauskommt.“

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Da muss Fischer lachen. „Ganz ehrlich“, sagt er: „Ich glaube, dass Viktor fast mehr von seinem Nationaltrainer Waleri Lobanowski übernommen hat als von Schaaf – mit so großer Ehrfurcht spricht er von ihm.“ Natürlich sei auch Schaaf ein Vorbild für ihn, „aber jede Kopie kann nur schlechter als das Original sein. Viktor ist keine Kopie, Viktor ist ein Original.“

„Thomas Schaaf war hier zusammen mit Klaus Allofs auch Kult, aber man hat ja gesehen, wie schnell das trotzdem vorbei sein kann“, meint Fischer und ist sich sicher: „Viktor legt keinen Wert auf Kult. Er verhält sich in der Bundesliga an der Seitenlinie genauso wie er es als Jugendtrainer gemacht hat. Und er steht da immer noch in seinem Trainingsanzug.“

Fischer: „Wir werden sicher auch noch Rückschläge erleiden, aber ich bin sehr, sehr optimistisch, dass wir mit diesem Trainerteam im Mittelfeld der Bundesliga landen, wo wir von unseren Möglichkeiten her auch hingehören.“

kni

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