Die zwei Leidensgenossen

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Frust im Doppelpack: Werders Assani Lukimya (links) und Stuttgarts Daniel Didavi (rechts) befinden sich mit ihren Clubs schon wieder im Abstiegskampf.

Bremen - Vor ziemlich genau einem Jahr waren Werder und der VfB Stuttgart vereint im Leid. Nach 14 Bundesliga-Spielen standen die Bremer Anfang Dezember auf dem vorletzten Platz, die Schwaben waren sogar das Schlusslicht.

Für die aktuelle Saison hatten sich die Traditionsclubs mehr Ruhe erhofft. Und nun krabbeln sie schon wieder im Tabellenkeller herum. Vor dem direkten Duell am Sonntag (15.30 Uhr) ist Werder 15., der VfB 17. – beide haben Sorgen und Probleme, die teilweise sehr ähnlich sind.

Startschwierigkeiten

Mal früh in Führung gehen und damit Sicherheit für den weiteren Spielverlauf gewinnen – das kennen beide Mannschaften in dieser Bundesliga-Saison überhaupt nicht. Weder die Bremer noch die Stuttgarter haben in der Anfangsviertelstunde ein Tor erzielt. Schlimmer noch: Stattdessen kassierten sie reichlich Gegentreffer zu Beginn und liefen Rückständen hinterher. Bestes Beispiel: das vergangene Wochenende. Werder musste im Nordderby gegen den HSV (1:3) schon in der dritten Minute das 0:1 schlucken. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, erinnert sich Abwehrchef Jannik Vestergaard. Danach waren die Bremer noch verunsicherter. Der VfB geriet in Dortmund ebenfalls in der dritten Minute ins Hintertreffen, verlor am Ende mit 1:3. „Typisch, dass wir beim ersten Angriff wieder geschlafen haben“, klagte Offensivmann Daniel Didavi.

Vor dem HSV-Spiel hat Werder auch schon in Wolfsburg (11. Minute) und Berlin (6.) sowie gegen Dortmund (9.) frühe Nackenschläge bekommen. Die Stuttgarter sogar noch viel öfter. In den ersten 20 Minuten gab es satte elf Gegentore – gegen Dortmund (3./19.), Augsburg (11./17.), Bayern (11./18.), Gladbach (17./20.), Hannover (14.), Berlin (14.) und Frankfurt (11.).

Gegentorflut

Stuttgart ist Spitzenreiter bei den Gegentreffern (35), gleich dahinter folgt Werder (28). Beide Mannschaften hatten vor allem in den vergangenen Wochen „Tage der offenen Tore“. Werder-Keeper Felix Wiedwald musste in den letzten zwei Partien (Wolfsburg und Hamburg) neun Mal hinter sich greifen. „Das ist definitiv viel zu viel“, weiß Innenverteidiger Assani Lukimya und fordert: „Wir müssen wieder dahinkommen, als Team sehr gut zu verteidigen – so wie gegen Bayern.“ Da hatten die Bremer „nur“ mit 0:1 verloren. „Wir sollten einen Schwerpunkt darauf legen, die Defensive wieder in den Griff zu bekommen“, meint Lukimya. Stuttgart fing sich zuletzt drei Mal in Folge vier Tore ein (gegen Dortmund, Augsburg und Bayern) – insgesamt gab es schon acht Mal drei oder mehr Gegentreffer. Der neue Trainer Jürgen Kramny kündigte vor dem Werder-Spiel an: „Die Defensive wird ein Thema sein in der Trainingswoche.“

Sturmsorgen

Werders (fast) komplett neuer Angriff hat noch erhebliche „Lieferschwierigkeiten“. Die sechs Tore und zwei Vorlagen des aus Köln geholten Anthony Ujah sind in Ordnung. Aber der Nigerianer ist die einzig verlässliche Größe im Sturm. Der US-Isländer Aron Johannsson (von AZ Alkmaar) traf zwar zwei Mal, ist aber seit über zwei Monaten verletzt und wird nach einer Hüft-OP erst zur Rückrunde zurückerwartet. Bei Claudio Pizarro (vom FC Bayern) blitzt die spielerische Klasse bei seinen Einsätzen auf, der 37-jährige Peruaner kann das Niveau deutlich heben. Der Haken: Er ist nicht effektiv genug – erst ein Tor und ein Assist. Und Talent Melvyn Lorenzen war zuletzt völlig außen vor, spielte nur in der U 23. Der VfB leidet enorm unter dem Ausfall von Sturmtank Daniel Ginczek. Für den 24-Jährigen, der die Schwaben in der vergangenen Saison vor dem Abstieg rettete und in dieser Saison drei Mal getroffen hat, ist die Hinrunde wegen eines Bandscheibenvorfalls beendet. Gleiches gilt wohl für den Ex-Bremer Martin Harnik (Außenbandanriss im rechten Knie). Die Stuttgarter Hoffnungen ruhen nun vor allem auf dem jungen und extrem schnellen Timo Werner (19), der in Kramnys 4:2:3:1-System als Speerspitze agiert. „Auf ihn müssen wir aufpassen, aber nicht nur auf ihn. Auch auf Didavi“, sagt Lukimya: „Stuttgart hat eine sehr gute Offensive. Findet auch Coach Viktor Skripnik: „Vorne sind sie fast perfekt. Aber hinten haben sie nach wie vor Probleme – das wollen wir ausnutzen.“

Fan-Frust

Die Heimpleite im Nordderby hat die grün-weiße Anhängerschaft bis ins Mark getroffen. Es gab Pfiffe und den Vorwurf, Werder habe seine Unterstützer zum ersten Mal hängengelassen. „Die Fans haben das Recht zu pfeifen. Wenn sie pfeifen, haben wir es verdient“, sagt Skripnik, ergänzt jedoch: „Ich kenne unsere Fans seit über 20 Jahren. Es gab viel schlimmere Situationen.“ Wenn Werder aber so weitermacht und noch mehr Kredit verspielt, könnte auch die Stimmung bei den Fans kippen – und dann wird es ungemütlich. Das wollen die Profis verhindern. „Es tut mir leid für unsere Fans. Sie sind immer laut und helfen uns sehr viel“, betont Stürmer Anthony Ujah und fügt an: „Wir wollen etwas zurückgeben.“

Beim Gegner ist die Lage ebenfalls angespannt. Das letzte Heimspiel gegen Augsburg (nach dem 0:4 musste Coach Alexander Zorniger gehen) war der absolute Tiefpunkt. Der VfB lag nach 36 Minuten bereits mit 0:3 zurück – noch vor dem Halbzeitpfiff (!) verließen viele Fans mega-enttäuscht das Stadion. VfB-Präsident Bernd Wahler hat in dieser Partie sogar einen Riss zwischen Fans und Verein festgestellt – in der „Sport Bild“ forderte er deshalb: „Wir müssen alles tun, um das Vertrauen zurückzugewinnen.“ mr

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