Werder-Ikone Klaus-Dieter Fischer verabschiedet sich heute Nacht in den Ruhestand

„Das ist mein letztes Interview“

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Klaus-Dieter Fischer und sein SV Werder: „Wenn man mich braucht, werde ich mit Rat und Tat zur Verfügung stehen. Aber ich werde mich nicht aufdrängen.“

Bremen - Heute Nacht läuft auch sein Vertrag mit dem SV Werder aus, dann scheidet Klaus-Dieter Fischer als Geschäftsführer aus. Als Vereinspräsident war er schon vor einigen Wochen zurückgetreten. Seinen Rückzug hat der 74-Jährige schon vor Monaten angekündigt, nun ist es so weit. Wie Fischer damit nach 45 Jahren in den Führungsgremien des SV Werder umgeht, was er seinen Nachfolgern rät und warum er nicht beim Training vorbeischauen wird, erklärt die Werder-Ikone in seinem letzten Interview.

Herr Fischer, wie rutschen Sie ins neue Jahr?

Fischer: Ich werde erst einmal durchatmen, denn die letzten Wochen waren schon sehr spannend. Es hat mich beruhigt, dass die Mannschaft so spielen kann wie gegen Dortmund. Meine Frau und ich werden mit Freunden essen gehen und dann auf ein gutes Werder-Jahr 2015 anstoßen.

Wird es durch Ihren dann beginnenden Ruhestand ein anderer Jahreswechsel, einer mit mehr Emotionen?

Fischer: Ich denke nicht. Ich werde ja schon seit Monaten gefragt, was ich denn dann ohne Werder mache. Natürlich wird es nicht einfach, gerade jetzt. Denn schwierige Situationen haben mich immer besonders angespornt. Da kann man neue Ideen entwickeln und etwas bewegen. Das müssen jetzt andere machen.

Gibt es einen besonderen Wunsch für 2015?

Fischer: Na klar, ich hoffe, dass wir schnell in eine sichere Zone kommen und dann 2015/16 einen Saisonstart haben, der uns gleich ins gesicherte Mittelfeld führt. Zudem wünsche ich mir, dass die Themen Hochwasserschutz und Polizeikosten geklärt werden, und dass die Bremer Fußball-Fans mal wieder ein Länderspiel sehen können. Und privat: Ich habe jahrzehntelang ein Werder-Archiv geführt, dass ich in den letzten Jahren vernachlässigt habe. Ich habe Schränke voller Aufzeichnungen, Geschichten und Zeitungsausschnitte, die ich jetzt sortieren will. Das dauert bestimmt zwei Jahre. Vielleicht schreibe ich dann mein Buch.

Warum nicht schon jetzt?

Fischer: An Werder bin ich emotional noch zu nah dran. Aber über meine Kindheit habe ich schon zwei Kapitel geschrieben und vergleiche die gerade mit den Erinnerungen meiner zwei Jahre älteren Schwester.

Gibt es große Unterschiede?

Fischer: Durchaus. Nehmen wir die Flucht über die Ostsee. Ich bin Bremer. Als wir hier im Zweiten Weltkrieg ausgebombt wurden, sind wir nach Pommern und 1945 dann wieder zurück in den Westen in die Nähe von Lübeck geflohen. Ich sehe heute noch den Riesendampfer „Wilhelm Gustloff“ sinken. Aber ich weiß nicht, ob ich es als Fünfjähriger erlebt habe oder nur aus Erzählungen kenne.

Welche Erinnerungen hat Ihre Schwester?

Fischer: Auf diese Evakuierungsschiffe kamen damals nur Frauen mit Kindern. Meine Schwester wurde deshalb von einer anderen Frau geklaut. Meine Mutter hat sie dann gesucht. Wahrscheinlich haben wir deshalb die „Gustloff“ verpasst und sind auf ein anderes Schiff. Ob das wirklich stimmt, muss ich noch recherchieren. Die heutige Generation kann sich gar nicht vorstellen, was es heißt, zu fliehen. Und das ist gerade hochaktuell: Uns ist als Flüchtlingen sehr geholfen worden – obwohl wir die ,von Driiben‘ waren. Die Menschen sind damals zusammengerückt.

Ist das heute nicht mehr so?

Fischer: Mich ärgern diese Bewegungen, die sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen stellen. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt. Wir haben genügend Platz. Wir müssen nur die richtigen Wege finden. Bei Werder haben wir einen gefunden: Wir laden Flüchtlingskinder nicht nur ins Stadion ein, sondern bieten ihnen auf unseren Fußballfeldern, den so genannten Spielräumen, in Bremen die Möglichkeit, sich durch den Sport wohler zu fühlen.

Zurück in die Bundesliga: Was wünschen Sie dem FC Bayern?

Fischer: Die Bayern haben es durch eine phantastische Geschäftspolitik geschafft, so weit weg zu sein. Das muss man ohne Neid anerkennen. Bei Vereinen, die das Geld nicht selbst verdienen müssen, ist das etwas anderes. Und es werden immer mehr, die nur in die Portokasse ihrer Geldgeber greifen müssen – wenn man sieht, welche Clubs 2015 aufsteigen könnten. Das ist unfair und bereit mir Sorge. Das gilt in anderer Hinsicht auch für die Bayern. Sie kaufen Spieler und schwächen damit bewusst die nationale Konkurrenz. Das haben wir selbst erlebt, nun bekommt es Dortmund zu spüren.

Hat Werder eine Zukunft in der Bundesliga?

Fischer: Ja, wenn es uns neben einer guten Transferpolitik gelingt, strategische Partner zu bekommen. Und zwar langfristig – und auch keine Heuschrecken. Ich war eigentlich immer der Meinung, dass sich ein Bundesligist durch seine laufenden Einnahmen finanzieren muss. Aber das geht nicht mehr.

Das Thema ist nicht neu und alle warten auf so einen strategischen Partner – doch es passiert nichts. Gibt es überhaupt Interessenten?

Fischer: Es gibt Interessenten, aber das ist ein sehr langwieriger Prozess. Es ist bis auf Bayern und Dortmund bisher keinem gelungen. Das zeigt, wie schwer das ist. Aber daran wird intensivst gearbeitet. Und wir werden darüber nicht ständig reden. Über Zwischenstände zu berichten, schadet Werder und den potenziellen Partnern.

Passiert 2015 etwas?

Fischer: Es ist nicht so einfach, davon hängt schließlich die Zukunft des Vereins ab. Das darf ja keiner sein, der ein, zwei Jahre später die Anteile an irgendjemanden weiterverkauft. Das wäre eine Katastrophe.

Werden Sie Werder dabei helfen?

Fischer: Wenn man mich braucht, werde ich mit Rat und Tat zur Verfügung stehen. Aber ich werde mich nicht aufdrängen.

Werders großes soziales Engagement ist Ihr Steckenpferd. Haben Sie keine Angst, dass der Verein diesen Bereich nach Ihrem Rückzug langsam austrocknen lässt, um das Geld lieber für den Bundesliga-Erhalt zu nutzen?

Fischer: Eines ist klar: Das Kerngeschäft bleibt der Fußball. Wenn wir absteigen und über viele Jahre in der zweiten Liga spielen würden, dann würden sicher auch diese Bereiche berührt werden. Aber die Fans in Deutschland schauen mehr und mehr über den Fußball hinaus. Das ist es auch, was ich in den letzten zehn Jahren im Umgang mit den Ultras gelernt habe. Die stehen oft negativ im Fokus. Aber in Bremen gibt es viele Gruppierungen, bei denen es anders ist. Sie lieben die Mannschaft und kämpfen darüber hinaus gegen Rassismus, gegen Gewalt oder sammeln für die Flüchtlingshilfe. Der Fußball muss sich einfach seiner Macht bewusst sein, die weit über das Spiel hinaus geht.

Was werden Sie ab morgen am meisten vermissen?

Fischer: Meine offene Tür. Dadurch konnte ich in meinem Büro viele Gespräche führen. Deshalb kann ich so etwas nur empfehlen. Ich glaube, dass wir den einen oder anderen Jugendspieler verloren haben, weil einfach zu wenig mit ihnen gesprochen worden ist.

Was war Ihr schönstes Abschiedsgeschenk?

Fischer: Mir ist vor allem ein Lob besonders nahe gegangen – das von Bruno Labbadia. Er hat auf meiner Abschiedsfeier zu mir gesagt: „Als ich neu in Bremen war, haben Sie und Ihre Frau mich und meine Frau zum Essen mitgenommen, und wir konnten unser Herz ausschütten. Für uns war doch hier alles neu.‘ Dass sich Bruno 20 Jahre danach noch daran erinnert: Wow!

Was hat Sie noch beeindruckt?

Fischer: Vieles. Zum Beispiel meine Wahl zum Ehrenpräsidenten – und zwar meine einstimmige Wahl. Am Tag vorher habe ich noch zu meiner Frau gesagt: Eine Zwei-Drittel-Mehrheit brauchen die für ihren Beschluss. 70, 80 werden bestimmt dagegen sein, denn ich habe ja so einigen gegen das Schienbein getreten. Dass dann alle 368 anwesenden Mitglieder den Arm für mich heben, das war unglaublich.

Und es gibt jetzt eine Klaus-Dieter-Fischer-Halle.

Fischer: Das ist eine tolle Idee, weil es genau an der Stelle ist, wo ich als Kind Fußball gespielt habe. An meinem Knie kann man noch von diversen Stürzen schwarze Schlacke sehen.

Worüber freuen Sie sich, weil Sie es beruflich nicht mehr machen müssen?

Fischer: Ich bin wirklich immer gerne zur Arbeit gegangen. Aber vielleicht ist es jetzt manchmal ganz gut, dass man morgens, wenn der Wecker klingelt, sich noch mal umdrehen kann.

Otto Rehhagel hat behauptet, Sie könnten nicht vom Verein loslassen.

Fischer: Damit hat er Recht.

Wie soll sich das dann gestalten?

Fischer: Ganz einfach: Ich gehe einmal über die Straße und bin da (lacht).

Dann sehen wir uns ja beim Training…

Fischer: Um Gottes Willen – ich werde ganz sicher nicht zu den Rentnern gehören, die da fachsimpeln. Ich habe mir in meinen 45 Jahren, die ich im Präsidium bin, kein einziges Training angeschaut. Und zwar ganz bewusst. Entweder hat man Vertrauen zu seinem Trainer oder man hat es nicht. Außerdem haben wir in der Geschäftsführung jemanden, der für diesen Bereich zuständig ist.

Was wünschen Sie sich von Ihren Nachfolgern?

Fischer: Man darf – auch in Notsituationen – nicht anfangen, an falscher Stelle zu sparen. Wir haben einen unglaublich festen Stamm an Mitarbeitern. Wenn ich zum Beispiel an den Nachwuchbereich denke mit Björn Schierenbeck, Thomas Wolter und Mirko Votava – und alle die dazu gehören. Die Skripnik-Geschichte ist auch eine Wiederholung der Schaaf-Geschichte. Das honorieren unsere Fans. Das ist wieder der alte SV Werder, das ist wieder die Werder-Familie.

Würden Sie gerne eine Entscheidung rückgängig machen?

Fischer. Zwei. Wir haben Otto Rehhagel einmal einen Wunsch erfüllt und einmal nicht. Ich würde es gerne umdrehen. Wir hätten 1994 noch eine Schippe drauf legen und Stefan Effenberg holen müssen. Und wir hätten im Winter darauf Wynton Rufer nicht nach Japan gehen lassen dürfen. Dann wären wir 1995 Meister geworden. Aber Otto sagte, dass wir gerade Wynton diesen Wunsch nicht ausschlagen können.

Sie haben schon vor Wochen an dieser Stelle gesagt, dass Sie als Rentner nicht mehr öffentlich Ihre Meinung sagen werden. Ist das wirklich Ihr letztes Interview – oder werden Sie rückfällig?

Fischer: Das weiß man zwar nie, aber so, wie ich mich kenne, bin ich mir sicher: Das ist mein letztes Interview. Ich habe mich immer darüber geärgert, dass ehemalige Spieler und Funktionäre, Kritik geübt haben und alles besser wussten. Dann hätten sie es doch zu ihrer Zeit besser machen sollen. Nur reden hilft keinem.

Nur zur Sicherheit, bevor Sie schweigen: Gibt es eine Frage, die Sie in all der Zeit vermisst haben?

Fischer: Nein, es ist alles gesagt. Ich bin mit diesem Verein über alle Maße hinweg glücklich.

kni

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