Werder-Coach spricht die Sprache der Spieler / Frings als Heißmacher, Kohfeldt als Stratege

Das System Skripnik

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Arbeitsteilung: Die Co-Trainer Torsten Frings (links) und Florian Kohfeldt (rechts) machen gegen Hoffenheim ordentlich Alarm an der Werder-Bank, während ihr Chef Viktor Skripnik offenbar ganz entspannt zuschaut.

Bremen - Die Frage ist allgegenwärtig: Wie hat Viktor Skripnik das nur gemacht? Seit der Beförderung des Ukrainers zum Werder-Chefcoach am zehnten Spieltag haben nur vier Bundesligisten mehr Punkte gesammelt als die Bremer (siehe Tabelle). Aus dem Tabellenletzten (vier Punkte aus neun Spielen) wurde quasi ein Spitzenteam (19 aus zehn). Das hat Skripnik aber nicht allein geschafft. Es ist das System Skripnik, das gepaart mit einer guten Transferpolitik bestens funktioniert und Werder von besseren Zeiten träumen lässt.

Tabelle unter Skripnik

„Der Trainer findet einfach die richtigen Worte“, sagt Mittelfeldspieler Philipp Bargfrede: „Er weiß, was wir auf dem Platz denken und spricht die Dinge ganz klar an.“ So wie in der Halbzeit gegen Hoffenheim. „Er hat uns gesagt, dass wir vor nichts Angst haben müssen. Wir sollen einfach die Kugel wieder laufen lassen“, erinnert sich Innenverteidiger Jannik Vestergaard. Werder war gegen Hoffenheim nach starkem Beginn eingebrochen und mit dem 1:1 zur Pause bestens bedient gewesen. Ex-Profi Skripnik gab seinem jungen Team den Biss zurück. Aber nicht nur er. Für den Bereich Motivation gibt es noch einen Spezialisten: Torsten Frings, genannt „Lutscher“, Vize-Weltmeister von 2002, eine Werder-Ikone. „Er findet auch die richtigen Worte. Mit seiner Erfahrung weiß er einfach, wie wir uns wann fühlen“, erklärt Barg-frede und schwärmt: „,Lutscher’ macht uns heiß aufs Spiel.“ So auch gegen Hoffenheim.

Doch Mut allein hätte wahrscheinlich nicht gereicht. Es kam auch neues Personal: Felix Kroos für Levin Öztunali. Ein eher defensiver Spieler für einen offensiven. Das brachte Stabilität ins Mittelfeld. Und mit dieser Sicherheit spielte Werder plötzlich wieder groß auf und ging zum zweiten Mal in Führung. Es war nicht die einzige taktische Meisterleistung an diesem Abend, die zweite folgte in der 81. Minute: Um den Sieg über die Zeit zu retten, brachte Skripnik nicht einen weiteren Innenverteidiger, wie es üblich ist, sondern in Janek Sternberg einen weiteren Außenverteidiger. Aus der Mittelfeld-Raute wurde so eine flache Vier oder noch einfacher gesagt: eine Viererkette vor der Viererkette.

Gut möglich, dass dabei Florian Kohfeldt seine Finger im Spiel hatte. „Er ist unser Stratege“, sagt Skripnik über den ehemaligen Torwart, der nie höher als Bremen-Liga gespielt hat. Der 32-Jährige gilt als Taktikfuchs. „Er stellt uns mit seinen Analysen sehr gut aufs Spiel ein“, lobt Bargfrede den Co-Trainer, der parallel zu seinem Werder-Job mit Torsten Frings seinen DFB-Fußballlehrer macht.

Deshalb steht Skripnik in Bremen manchmal auch alleine auf dem Platz. Fast alleine. Denn Athletikcoach Reinhard Schnittker, der als einziger die Entlassungen von Thomas Schaaf und Robin Dutt überlebte, ist natürlich da. Genauso wie Torwarttrainer Christian Vander. Dessen Wort hat Gewicht. Die Wechsel auf den Positionen zwei und drei (Koen Casteels für Richard Strebinger und Michael Zetterer für Raif Husic) gehen auch auf sein Konto. Und das von Thomas Eichin.

Lange Zeit sah es so aus, als würden der Sportchef und Trainer Skripnik nicht miteinander, sondern nebeneinander arbeiten. Während Eichin nach der gescheiterten Verpflichtung von Frankfurts Keeper Felix Wiedwald verkündete, auf jeden Fall noch einen Torwart zu holen, meinte Skripnik: „Ich brauche keinen neuen Torwart.“ Was sich nach einer Meinungsverschiedenheit anhörte, war eigentlich nur unglücklich gelaufen. Skripnik wollte mit der Aussage seine aktuellen Keeper schützen, so wie es ein Trainer gerne tut. Doch damit fiel der 45-Jährige seinem Chef ungewollt in den Rücken. Auf der Bundesliga-Bühne, auf der jedes Wort Beachtung findet, sucht Skripnik mitunter noch seine perfekte Rolle.

Das öffentliche Zusammenspiel mit Eichin klappt inzwischen schon viel besser. Skripnik bedankte sich gleich mehrfach für die Verpflichtung von Vestergaard – und jeder kann sehen, warum. Der Ex-Hoffenheimer ist seit der ersten Sekunde eine absolute Verstärkung. Werder wirkt hinten viel stabiler, kann den Ausfall von Abwehrchef Sebastian Prödl besser verkraften. Die neue Sicherheit wirkt sich auch auf die Offensive aus. Es werden vermehrt spielerische Lösungen gesucht, die Bälle nur noch im Notfall nach vorne gedroschen. „Wir haben unter ihm fußballerisch eine Entwicklung genommen“, adelt Kapitän Clemens Fritz den Coach.

Nach drei Bundesliga-Siegen in Folge scheint plötzlich alles möglich – nicht nur der Klassenerhalt. „Wir haben Lust auf mehr“, sagt Vestergaard ganz forsch. Will das aber nicht als Überheblichkeit verstanden wissen, sondern so: „Wenn wir jetzt zufrieden wären, dann würden wir mit unseren 23 Punkten absteigen.“

Deshalb soll es am Sonntag gegen Leverkusen die nächsten Zähler geben. „Ein Team aus der oberen Etage“, sagt Skripnik. Aber man mag es kaum glauben: Seitdem an der Weser das System Skripnik greift, hat der Topclub aus dem Rheinland weniger Punkte gesammelt als Werder – eine unglaubliche Geschichte.

kni

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