Werder-Coach Robin Dutt spricht nicht mehr von Abstiegskampf, aber über die Red-Bull-Bedrohung

„Nicht kleiner machen als du bist“

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Der Einstieg von Investoren sei „nicht der Traumweg für Traditionsvereine“, sagt Werder-Coach Robin Dutt: „Aber irgendwann stellt sich leider die Frage, in welcher Liga du mit deiner Tradition spielen willst.“

Bremen - Von Björn Knips und Carsten Sander. Was erwartet Werder Bremen in der neuen Saison? Wieder Abstiegskampf? Wer das glaubt, mache den Club „zu klein“, sagt Robin Dutt. Er hat höhere Ziele – die allerdings nicht bis in die Europa League reichen: „Dann müsste wirklich alles passen.“ Der Trainer von Werder Bremen sieht sein Team sportlich im Bereich zwischen den Extremen angesiedelt. Im ersten Teil des großen Interviews mit dem 49-Jährigen spricht er auch über Traditionen, über den Einstieg von Investoren über die Gefahr von „zu vielen Red Bulls“ in der Liga. Und natürlich über den Auftakt der Pflichtspielsaison am Sonntag mit dem DFB-Pokalspiel beim Regionalligisten FV Illertissen.

Herr Dutt, acht Mal sind Sie mit Ihren Mannschaften in den DFB-Pokal gestartet, das beste Ergebnis war der Einzug 2008/09 ins Achtelfinale mit dem SC Freiburg. Mögen Sie den Pokal nicht?

Robin Dutt: Also die Stuttgarter Kickers und Freiburg in diese Bilanz mit reinzunehmen, das ist schon etwas unfair. Denn mit Freiburg war das zweimal als Zweitligist und den Kickers sogar als Drittligist. Also würde ich bei dieser Bilanz lieber das Positive herausstreichen: Mit dem Drittligisten Stuttgarter Kickers haben wir den Hamburger SV in der ersten Runde rausgehauen. Okay, es gab auch zwei richtige Ausfälle mit Leverkusen in Dresden und Werder in Saarbrücken.

Warum wird es am Sonntag in Ulm gegen Illertissen erfolgreicher laufen als vor einem Jahr in Saarbrücken?

Dutt: Weil wir es einfach wollen. Wir spielen gegen einen Viertligisten, und gegen den müssen wir es schaffen, Respekt und Selbstbewusstsein in eine gute Balance zu bringen. Du kannst heute nicht mehr sagen, die hauen wir mit der B-Truppe weg. Du musst dich aber auch nicht kleiner machen, als du bist.

Viele Erstligisten machen den Fehler, dieses Pokalspiel gegen einen unterklassigen Gegner noch als Vorbereitung einzustufen. Bei Werder wirkte das vergangenes Jahr auch so. Machen Sie es diesmal anders?

Dutt: Wir sind doch keine Leichtathleten, die punktgenau auf einen Wettbewerb hintrainieren können. Wir sind eine Mannschaft und können nicht sagen: An diesem Tag X machst du die Tür auf, und alle stehen zu 100 Prozent da. Es ist ein fließender Übergang von der Vorbereitung zu den ersten Pflichtspielen. Eigentlich muss man die ersten zehn Pflichtspiele abwarten, um zu sehen, was die Mannschaft wirklich kann.

Lange Zeit sah es nach der perfekten Vorbereitung aus, dann kamen die Verletzungen und die Niederlagen. Was ist schief gelaufen?

Dutt: Die Ergebnisse sind nicht entscheidend. Ärgerlich ist, dass sich nun die Verletzungen häufen. Aber da kann keiner etwas dafür, denn es sind keine Verletzungen, die in eine Kategorie gehören. Es wäre schön gewesen, mal ein Jahr lang davon verschont zu bleiben. Gerade wir sind darauf angewiesen.

Steht trotzdem noch Ihre Aussage, dass Werder gut gerüstet in die Saison geht?

Dutt: Natürlich.

Gilt das auch für den Sturm?

Dutt: Ja klar.

Aber vor gar nicht so langer Zeit haben Sie für den Sturm noch Verstärkungen gefordert. Es ist keiner gekommen, und es wird wohl auch keiner kommen.

Dutt: Das Wort Forderung gefällt mir nicht.

Sie haben aber gesagt, dass Sie, wenn es nach oben gehen soll, Verstärkungen brauchen.

Dutt: Es war so: Nach der vergangenen Saison gab es eine Analyse, wie wir Aaron Hunt ersetzen und was wir in Bezug auf die anderen Abgänge machen sollen. Da gehörte es zur Planung, dass wir im Offensivbereich noch jemanden holen. Das war keine Forderung. Parallel zur Planung gehört eine wirtschaftliche Seite. Und die stellt sich so dar, dass die Planung im Moment nicht umgesetzt werden kann. Das muss ich akzeptieren. Da bin ich keinem böse, ich kenne das Geschäft.

Aber „Planung“ bedeutet doch, dass Sie im Sturm einen Bedarf sehen.

Dutt: Man hat immer einen Bedarf. Nach jeder Saison plant doch jeder Verein bis zur Kreisliga herunter, wie man sich verbessern kann.

In sieben Testspielen gegen Erstligisten gab es neun Tore – nur drei davon wurden von Stürmern erzielt. Der Schnitt liegt bei 1,29 Toren pro Partie und ist damit fast identisch zu Werders Bundesliga-Schnitt in der Vorsaison (1,24). Wie können Sie da mit Ihrem Sturm zufrieden sein?

Dutt: Das ist mir zu pauschal. Ich bin mit der Entwicklung meiner Stürmer mehr als zufrieden. Franco Di Santo in der Vorrunde und Franco Di Santo in der Rückrunde – das sind ja Welten. Eljero Elia ist ein absoluter Topspieler, der sich noch einmal weiterentwickelt hat. Ich bin mehr als froh, einen Spieler wie Nils Petersen im Team zu haben. So einen Stürmertyp haben wir kein zweites Mal – und wir werden diesen Typ brauchen. Wenn Nils nach dieser Vorbereitung wieder ein bisschen frischer ist, dann geht der Ball gegen Hannover nicht an die Unterkante der Latte, sondern rein – und gegen Leicester haut er das Ding bei seinem Alleingang normalerweise auch rein. Dahinter haben wir noch Izet Hajrovic als Neuzugang und junge Spieler, die am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Ich bin zufrieden. Aber wer wäre ich denn zu sagen, ich will keine neuen Spieler mehr haben, weil wir auch so durchmarschieren und an Werders glorreiche Zeiten anknüpfen werden.

Interessiert Sie die schlechte Torquote gar nicht?

Dutt: Die Torquote hat doch gereicht, um den Klassenerhalt früher zu schaffen als im Jahr zuvor. Genau das war das Ziel. Das haben wir bravourös gemeistert. Ich sage nicht, wir haben guten Fußball gespielt und sind das Werder der alten Zeiten. Aber ich lasse auch nicht gelten, wenn gesagt wird, es lag an der schwachen Konkurrenz. Unser Problem waren eher die 66 Gegentore. Du kannst auch mit einer 1,0-Quote Deutscher Meister werden.

Wie gut ist die aktuelle Mannschaft?

Dutt: Wir haben die Qualität, um uns in unseren Gefilden zu behaupten. Aber natürlich können wir nicht behaupten, stark genug zu sein, um Topmannschaften wie Bayern München anzugreifen. Aber wir haben die Qualität, den nächsten Schritt zu machen.

Soll der in die Europa League führen?

Dutt: Das wäre eine große Überraschung. Dann müsste wirklich alles passen. Wir dürften kein Verletzungspech haben, die Entwicklung der Spieler müsste optimal verlaufen – und der eine oder andere Konkurrent sollte mit seinen nicht zu verachtenden Transfers falsch gelegen haben. Aber wenn die alle richtig gelegen haben – puuuh!

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie sehen, dass Hannover, Hertha, Freiburg und einige andere nach Millionen-Einnahmen nun auch Millionen wieder ausgeben können – und in Bremen der Geldfluss bei Transfers ausgetrocknet ist?

Dutt: Geld ist nicht alles im Leben, Geld ist auch nicht alles im Sport.

Wie halten Sie dagegen?

Dutt: Mit Arbeit. Wir geben Vollgas. Wir versuchen, das Maximale herauszuholen.

Kann man dagegen auf Dauer bestehen?

Dutt: Es kommt darauf an, welches Ziel man ausgibt.

An erster Stelle steht sicher immer der Klassenerhalt.

Dutt: Ich würde nie als Ziel den Klassenerhalt ausgeben. Da macht man sich zu klein als Werder Bremen. Ich glaube schon, dass wir mit den Möglichkeiten hier gut im Geschäft bleiben können. Es sollten allerdings nicht zu viele Red Bulls hochkommen in den nächsten Jahren.

Wie denken Sie über solche Modelle wie RB Leipzig, wo ein großes Unternehmen den Club bezahlt und lenkt?

Dutt: Einerseits finde ich es gut, dass jemand in den Sport und gerade in den Osten investiert. Der Osten wird von Leipzig profitieren. Das ist die romantische Sicht. Aber als Konkurrent sehe ich das kritischer. Wenn die Mannschaften unter uns schon höhere Transfers tätigen können als wir und dann noch solche Konkurrenten dazu kommen, dann wird es nicht einfacher für uns.

Bleibt also Traditionsvereinen wie Werder keine andere Wahl, als sich an Investoren zu verkaufen?

Dutt: Es ist sicher nicht der Weg, den wir alle als Traumweg für Traditionsvereine vorgesehen haben. Aber irgendwann stellt sich leider die Frage, in welcher Liga du mit deiner Tradition spielen willst. Ich sehe für die handelnden Personen einfach nicht den Ausweg, von innen heraus stärker zu sein als das Geld von außen. Wir haben jetzt schon 15-jährige Spieler bei uns, die in vier, fünf Jahren außergewöhnliche Spieler sein können. Aber die werden jetzt schon umworben. Wir müssten diese 15-Jährigen jetzt schon bezahlen wie einen Bundesliga-Profi. Das geht für Werder nicht.

Würden Sie den Einstieg eines Investors begrüßen?

Dutt: Es ist besser, wenn reiche Menschen ihr Geld in den Fußball investieren als irgendwelchen Unfug damit zu treiben. Aber wir können alle nicht so romantisch sein, dass einer vom Golfplatz kommt, uns 30 Millionen Euro gibt und wieder zurück auf den Golfplatz geht, und dann nach fünf Jahren schaut, was aus seinem Geld geworden ist. Es ist doch klar, dass er im Tagesgeschäft ein Stück weit mitreden will. Das kann dann problematisch werden. Mir wäre es schon lieber, wenn der Fußball sich allein durch Arbeit und Erfolg finanzieren würde, aber die Zeiten sind wohl vorbei.

Klingt wehmütig.

Dutt: Ich möchte nicht, dass ein Managerspiel daraus wird. Ich möchte schon noch den Eindruck haben, hier geht es um die Spieler, den Trainer und die Fans. Wenn nur noch die Mäzene gegeneinander spielen, dann ist es nicht mehr mein Ding.

kni/csa

Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie morgen: Dutt über geweckte Phantasien und Hoffnungen sowie über die Bremer Fitness, die auch vor ihm nicht Halt gemacht hat.

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