Werder-Coach im Interview 

Skripnik: „Ich bin etwas unruhiger“

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„Die positiven Ergebnisse geben uns Kraft“, sagt Viktor Skripnik. Aber nach einer Vorbereitung ohne Niederlage steigt für Werder jetzt in den Pflichtspielen deutlich der Druck.

Bremen - Die erste Sommervorbereitung als Werder-Chefcoach ist geschafft! Morgen (15.30 Uhr) startet Viktor Skripnik mit seinem Team in die neue Saison. Vor dem DFB-Pokalspiel bei Drittligist Würzburger Kickers nahm sich der 45-jährige Ukrainer noch Zeit für ein ausführliches Interview. Darin erklärt er, was er sich vom neuen Bremer Sturm erhofft. Und er verrät, dass er heilfroh war, dass der Club ihn damals nicht als direkten Schaaf-Nachfolger wollte.

Herr Skripnik, wie oft sind Sie im Kopf schon das erste Pflichtspiel am Samstag im Pokal gegen Würzburg durchgegangen?

Viktor Skripnik: Fast jeden Tag, seit feststeht, dass wir gegen Würzburg spielen.

Wie oft hat Werder dabei gewonnen?

Skripnik: Jeden Tag (lacht). Nein, das ist eine ganz schwierige Aufgabe, weil du als Bundesligist klarer Favorit bist. Das ist gefährlich.

Die Vorzeichen mit zehn Siegen und keiner Niederlage in elf Testspielen sind doch bestens.

Skripnik: Die positiven Ergebnisse geben uns Kraft, sie machen uns noch mutiger. Aber glauben Sie mir: Ich hätte lieber elf Mal verloren, um dann elf Mal in der Bundesliga nicht zu verlieren. Wir müssen abwarten, wie gerade unsere jungen Leute mit dem Ergebnisdruck umgehen werden.

Die Spieler haben in der Vorbereitung das eine oder andere Mal ganz schön gestöhnt – wie anstrengend war diese Zeit für Sie?

Skripnik: Klar, das ist meine erste Vorbereitung als Chefcoach in der Bundesliga. Fußball ist zwar Fußball – aber hier darf ich echt starke Leute trainieren. Sie haben sich toll gequält. Ich bin aber froh, dass diese Phase jetzt vorbei ist.

Müssen Bundesliga-Spieler anders angepackt werden als Spieler in der U 23?

Skripnik: Das nicht unbedingt. Aber ich muss nicht mehr so viel erklären. Die Profis sind im Kopf weiter, denen kann man eine taktische Veränderung per Flipchart zeigen, dann läuft das. Sonst brauchte ich dafür eine Videoanalyse, ein Training oder ein Testspiel. Da warst du als Trainer auch fast alleine, jetzt habe ich zwei Co-Trainer, einen Torwarttrainer und einen Fitnesscoach – das weiß ich sehr zu schätzen, muss aber auch so sein.

Könnte aber auch bedeuten, dass Sie selbst weniger arbeiten müssen.

Skripnik: Im Gegenteil. Es geht so sehr ums Detail. Außerdem haben wir 30 Profis, jeder hat seine Qualität. Nehmen wir Marnon Busch, Luca Zander und Theodor Gebre Selassie – das sind drei Topspieler für die rechte Verteidigung. Ich muss entscheiden, dass einer nicht mit ins Trainingslager darf. Das ist ganz schwer, das ist ganz viel Arbeit.

Sind Sie Franco Di Santo noch böse?

Skripnik: Ich war nicht sauer, sondern nachdenklich. Wir hatten uns auf ein Spiel mit diesen zwei Topstürmern (Di Santo und Ujah, die Redaktion) fokussiert. Da bringt so ein später Wechsel natürlich Unruhe. Di Santos Wechsel war absolut legitim, leider nur sehr spät.

Ärgert es Sie nicht, dass Di Santo dem Trainerstab kurz vor seinem Wechsel versichert hat, dass er bleibt.

Skripnik: Ich fühle mich nicht hintergangen. Es ist schade für die Mannschaft, denn wir waren schon weiter als jetzt. Wir haben gute junge Leute. Aber Konstanz bekommst du nur von etablierten Bundesliga-Spielern wie Di Santo. Mit ihm hatte ich eine gewisse Ruhe, ohne ihn bin ich etwas unruhiger.

Deshalb wollten Sie einen in der Bundesliga schon etablierten Stürmer holen, warum hat das nicht geklappt?

Skripnik: Es gab Angebote, aber wir haben uns für einen Spieler entschieden, der sich noch entwickeln kann. Aron Johannsson ist genau der Typ, den wir gesucht haben.

Haben sie keine Sorgen, dass Johannsson zu sehr und zu früh mit Di Santo verglichen wird?

Skripnik: Ich mache mir keine Sorgen. Man darf auch Francos Leistungen nicht überhöhen. Er hat vergangene Saison 13 Tore gemacht, in der Saison davor war er oft verletzt. Ja, er hatte gute Phasen, aber nicht nur er, sondern die ganze Mannschaft. Wir waren dabei von Franco nicht abhängig. Klar, er war ein wichtiger Spieler, der Gegner hat sich auf ihn fokussiert. Davon haben Davie Selke und Fin Bartels profitiert. Wenn Franco in Form war und Lust hatte, dann war er klasse. Aber wir haben ihn auch schwach spielen sehen.

Ohne Di Santo, dafür mit Johannsson – ist Werder schlechter oder besser als vergangene Saison?

Skripnik: In einem Monat wissen wir vielleicht mehr. Mit der Ujah-Verpflichtung haben wir alles richtig gemacht, der bringt seit dem ersten Tag, was wir brauchen. Wenn das jetzt auch mit dem zweiten Stürmer so klappt, dann bin ich überglücklich. Aber ich habe auch Verständnis, wenn es etwas dauert.

Di Santo und Selke haben zusammen 22 Tore gemacht, können Ujah und Johannsson das auch?

Skripnik: Ich hoffe das, vielleicht sogar 23 (lacht). Schauen wir doch mal zurück: Wäre Nils Petersen hier geblieben, hätte sich Davie Selke vielleicht nicht so entwickeln können. Ohne das Geld für Selke wäre Ujah vielleicht nicht hier. Das ist eine Kette. Wir müssen uns manchmal eben entscheiden.

Bei Eljero Elia haben Sie den Daumen schon früh gesenkt.

Skripnik: Auch so ein Beispiel: Eljero Elia ist ein Mann, der braucht den Ball in den Fuß gespielt. Das können wir bei Werder im Moment nicht leisten – vielleicht einmal im Spiel. Wenn ich dann immer ein Tor von ihm kriege, würde ich ihn behalten. Das ist alles nicht so einfach – auch nicht bei Levent Aycicek.

Warum?

Skripnik: Viele sagen, er sei wie ein Sohn für mich, weil ich ihn schon so lange trainiere. Und dann fragen sie: Warum lässt du deinen Sohn nicht spielen? Weil ich sehe, dass er hier und dort noch Defizite hat. Daran arbeiten wir, dafür schicke ich ihn zur U 23. Das gilt ja nicht nur für ihn. In der dritten Liga kann man sich eine breite Brust holen. So wie es Oliver Hüsing bei seiner Ausleihe in Rostock gemacht hat, er kann bei uns eine wichtige Rolle spielen.

Sie haben zu Beginn vom Ergebnisdruck gesprochen. Schränkt der Sie ein, Experimente mit Talenten zu wagen?

Skripnik: Ja, du hast nur die Vorbereitungszeit, in der du variieren kannst. Es gibt in der Bundesliga keinen Gegner, wo ich einem Spieler 90 Minuten schenken kann. Bei uns müssen immer die momentan Besten spielen. Das macht es für die jungen Spieler nicht einfacher. Sie müssen jeden Tag ans Limit gehen, um mithalten zu können. Wenn sie mal nur 70 Prozent geben können, dann werden sie von einem Lukimya oder Vestergaard förmlich aufgefressen. In der U 23 hätten sie kein Problem. Aber jedes Mal ans Limit gehen zu müssen, ist anstrengend – für Körper und Kopf. Da brauchen die jungen Spieler auch mal eine Pause.

Bedeutet das ein ständiges Wechselspiel der Talente – gerade auch auf der Position des Spielmachers, die bislang der erst 18-jährige Maximilian Eggestein eingenommen hat?

Skripnik: Maximilian kann eine gute Rolle spielen, aber nur wenn er frisch ist. Konstant gut zu trainieren und zu spielen, das ist für junge Spieler ganz schwierig. Das ist wie eine Welle, du musst schauen, wer ist gerade gut drauf. Wir haben keine 15 Topspieler, bei denen man sich keine Sorgen machen muss.

In der Bundesliga wird im Mittelfeld wieder vermehrt auf die Raute gesetzt. Fühlen Sie sich als Fan der Raute bestätigt?

Skripnik: Ich wünsche allen Trainer-Kollegen viel Glück damit, aber nicht gegen Werder. Ich mag die Raute, das ist meine Philosophie. Damit haben wir unter Thomas Schaaf damals viel geleistet.

Es heißt: Wenn Raute auf Raute trifft, dann entscheidet die individuelle Klasse der Spieler. Hat Werder diese Klasse?

Skripnik: Es gewinnt der mit den aktiveren Außenverteidigern.

Warum?

Skripnik: Jeder hat einen Gegenspieler – nur bei den Außenverteidigern ist der ganz weit weg auf der anderen Seite. Diesen Raum musst du nutzen, mutig sein, um Überzahl im Mittelfeld und im Angriff zu schaffen.

Können das Ihre Außenverteidiger – wie zum Beispiel Ulisses Garcia?

Skripnik: Ich bin überrascht, wie schnell das bei ihm geht. Er hat schon gute Spiele gezeigt. Ob das konstant so weitergeht, müssen wir abwarten. Wir haben auf der linken Abwehrseite in Santiago und Ulisses Garcia sowie Janek Sternberg genauso drei wunderbare Spieler wie auf der rechten Seite.

Welche Rolle spielt der neue Keeper Felix Wiedwald?

Skripnik: Er hat großes Selbstvertrauen. Natürlich wird er jetzt die Nummer eins sein, denn Raphael Wolf war verletzt. Felix hat gut gespielt, er führt die Abwehr sehr gut.

In der Rückrunde wurde in Bremen von Europa geträumt – sorgen Sie sich, dass die Erwartungshaltung zu groß sein könnte?

Skripnik: Nein, das ist doch gut so. Aber ich habe immer gesagt, wir müssen uns erst stabilisieren, dann geht es weiter. Sofort alles zu erreichen und in die Qualifikation zur Europa League zu kommen, das wäre nicht gut gewesen. So konnten wir uns in diesem Sommer in Ruhe und ganz konzentriert vorbereiten.

Das sind Viktor Skripnik und Torsten Frings

Sie umgibt in Bremen seit Dienstantritt eine Aura des Aufbruchs – macht Viktor Skripnik bei Werder wieder alles gut?

Skripnik: Ach was, ich habe auch viel Kritik gelesen. Wir und meine Kollegen sind nichts Besonderes. Wir haben ein Herz für Werder. Wir sind ehrlich zu den Spielern. Wir lachen vielleicht mehr mit den Spielern als früher. Und wir haben Entscheidungen getroffen, haben uns bewusst von Petersen, Elia und Obraniak getrennt, die nicht so gut in unser Spiel passten.

Mussten Sie da Widerstände brechen? Ihr Vorgänger Robin Dutt hat versucht, diese Spieler im Auftrag des Clubs stark zu reden, damit sie vielleicht noch Geld bringen.

Skripnik: Ich weiß nicht, ob das so gewesen ist. Ich glaube es nicht. Über uns kann ich sagen: Wir hatten einen Bonus, weil es um den Klassenerhalt ging. Wir sollten schließlich frischen Wind bringen. Ich bin echt froh, dass ich nicht direkt nach Thomas Schaaf gekommen bin. Das wäre nach so einer erfolgreichen Ära verdammt schwierig geworden. Zum Glück bin ich damals nicht gefragt worden.

kni/csa

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