Absichtliche Gelbe wird zum Politikum

Fußball-Deutschland diskutiert über den Fall Junuzovic

Der Bremer Fußballprofi Zlatko Junuzovic wird mehrere Wochen pausieren. Foto: C. Jaspersen/Archiv
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Der DFB ermittelt, Fußball-Deutschland diskutiert. Zlatko Junuzovic Ehrlichkeit sorgt für Diskussionsstoff.

Frankfurt/Hamburg - Das Schummler-Gelb wird zum Politikum: Zlatko Junuzovic droht nach seiner absichtlichen gelben Karte und der damit provozierten Sperre eine nachträgliche Strafe. Während der DFB-Kontrollausschuss dem “Verdacht des unsportlichen Verhaltens“ nachgeht, diskutiert Fußball-Deutschland über die Konsequenzen des Falles.

Über allem steht die Frage: Sollte Junuzovic für seine Ehrlichkeit bestraft werden? DFB-Interimspräsident Rainer Koch forderte angesichts der grassierenden Gelbsucht in den Bundesliga-Stadien mehr Fair Play von den Clubs beim absichtlichen Kassieren Gelber Karten. “Die Frage ist, ob derartige Dinge, die offenbar beginnen einzureißen, überhaupt mit dem Mittel des Kontrollausschusses in den Griff zu bekommen sind“, sagte Koch bei Sky90: “Ich appelliere an die Verantwortlichen der Clubs, dass sie mit den Spieler sprechen, das zu unterlassen.“

Ex-Nationalspieler Michael Ballack nahm Junuzovic hingegen in Schutz. “Es ist legitim, mal ein Spiel herzuschenken, wenn man weiß, dass man ein wichtiges Heimspiel bevorsteht“, sagte der langjährige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Das Besondere am Fall Junuzovic: Im Gegensatz zu seinem Teamkollegen Clemens Fritz, gegen den nach seiner zehnten Verwarnung wegen Haltens ebenfalls ermittelt wird, gab er die Schummelei nach der Partie zu. “Es ist besser, ich mache es so, als wenn ich jemandem absichtlich weh tue“, äußerte der Österreicher. Seine fünfte Gelbe Karte, sich er in der Partie gegen Hannover 96 (4:1) durch mehrfaches Anlaufen vor einem Freistoß in der 85. Minute abgeholt hatte, sei abgesprochen gewesen.

Werder-Noten zum Hannover-Spiel

Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Felix Wiedwald: Wieder nicht zu null – und das, obwohl ihn Hannover kaum vor ernsthafte Prüfungen gestellt hatte. Das Gegentor ging klar auf die Kappe seiner Vorderleute. Note 3 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Theodor Gebre Selassie: Welch ein Tag für den Tschechen! Phantastisch, wie er den Ball aus halbrechter Position ins lange Eck jagte. So entschlossen erlebt man ihn nur selten. Ob es sein schönstes Tor für Werder war? „Ja – und ein ganz wichtiges dazu“, sagte der Rechtsverteidiger. Es war das 3:1 für Werder. Wenig später legte „Theo“ noch das 4:1 auf. Note 2 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Jannik Vestergaard: Dass er als Innenverteidiger in 90 Minuten nur acht Zweikämpfe führen musste (und sechs gewann), sagt viel über die Harmlosigkeit der Hannoveraner aus. Vestergaard spielte gut, ohne ans eigene Limit gehen zu müssen. Note 2,5 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Papy Djilobodji: Mit einem starken Pass auf die linke Seite zu Santiago Garcia war Djilobodji so etwas wie der Geburtshelfer des 1:0. Aber dann: Unsicherheiten, Nachlässigkeiten, Konzentrationsfehler. Den Mut, nach vorne zu gehen, verlor er dennoch nie. Note 3,5 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Santiago Garcia (bis 86.): Er leitete den Führungstreffer ein, auch wenn die Vorlage für Bartels letztlich nicht von ihm, sondern vom grätschenden Sakai kam. Phasenweise auf der linken Seite sehr agil, aber auch mit Pausen. Note 3 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Florian Grillitsch: Wie in Leverkusen agierte er als einziger „Sechser“ und machte seine Sache sehr ordentlich. Rückte nach der Fritz-Auswechslung vor ins Vierer-Mittelfeld. Grillitsch hätte noch das 5:1 machen müssen, zielte aber knapp daneben (82.). Note 2,5 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Levin Öztunali (bis 82.): Ob aus ihm noch mal ein Torjäger wird? Öztunali vergab seine erste Chance (7.) und scheute in einer ähnlichen Szene den Abschluss. Das muss besser werden. Der 19-Jährige mit dem großen Talent begann sehr auffällig, tauchte dann aber im Mittelmaß ab. Note 3,5 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Clemens Fritz (bis 72.): Ungewöhnlich für den Kapitän: Er gewann – laut Match-Statistik – nur jeden dritten Zweikampf. Gefühlt war er aber wieder einer der Fleißigsten im Team. Note 3 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Zlatko Junuzovic: Umtriebig war er. Hier ein Freistoß, dort eine Ecke, das gekonnte Direktspiel vor dem 1:0 und als Krönung der Treffer zum 4:1. Es war sein erstes Tor seit seinem Doppelpack am vierten Spieltag in Hoffenheim. Note 2 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Fin Bartels: Schütze des 1:0 in Leverkusen, Schütze des 1:0 auch gegen Hannover – so kann es weitergehen für Bartels. Note 2,5 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Claudio Pizarro: Was soll man noch sagen über das Pizarro-Phänomen? Er kann auf dem Platz noch alles und zeigt es auch. Ein Tor – sein 100. für Werder – und eine Vorlage gingen auf sein Konto. Note 2 © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Milos Veljkovic (ab 72.): Besetzte die Position im defensiven Mittelfeld und ließ sich nichts zu Schulden kommen. Note - © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Melvyn Lorenzen (ab 82.): Erster Rückrundeneinsatz für den Stürmer. Note - © nordphoto
Werder Bremen Einzelkritik, Hannover
Ulisses Garcia (ab 86.): Bundesliga-Comeback nach Knieproblemen. Note - © nordphoto

Doch seine Ehrlichkeit könnte Junuzovic nun zum Nachteil gereichen: Den neben der einkalkulierten Zwangspause im Auswärtsspiel bei Bayern München droht ihm wie Fritz eine Sperre seitens des DFB für ein weiteres Spiel. “Ob man den, der das zugibt, gegenüber den anderen bestrafen sollte, ist sicherlich sehr schwierig“, sagte Hannovers Trainer Thomas Schaaf im NDR Sportclub. Ex-Meister-Coach Felix Magath schrieb in seiner Express-Kolumne: “Der Spieler darf nun nicht bestraft werden, weil er naiv und ehrlich ist, indem er sein Motiv dummerweise vor der Kamera ausplaudert. Aber regelkonform ist es halt. Eher sollte man einem Schiedsrichter die Möglichkeit geben, solche gewollten Verwarnungen nicht aussprechen zu müssen.“ Zur Erinnerung: Vor wenigen Wochen hatten fünf Darmstädter Spieler vor dem Spiel gegen die Bayern ebenfalls einen plötzlichen Anfall von Gelbsucht - ermittelt wurde nicht, eine nachträgliche Strafe war nie ein Thema. Leidtragende waren ausgerechnet die Bremer, die eine Woche später gegen die Darmstädter Bestbesetzung antreten mussten.

Die Thematik Junuzovic erinnert an den legendären Fall von Frank Ordenewitz 1991. Köln damaliger Trainer Erich Rutemöller forderte seinen Stürmer im Halbfinale des DFB-Pokals mit den Worten “Mach' et, Otze!“ dazu auf, eine Rote Karte zu kassieren. Seinen Platzverweis, so Rutemöllers kühner Plan, hätte Ordenewitz nach damaligem Recht in der Liga absitzen können, im Finale wäre er trotz eigentlicher Gelb-Sperre wieder spielberechtigt gewesen. Doch die Rutemöllers vermeintliche List ging nach hinten los: “Otze“ wurde nachträglich auch für das Endspiel gesperrt, der Coach musste eine Geldstrafe zahlen. Ob es auch im Falle von Junuzovic zu einer nachträglichen Bestrafung kommt, ist nicht abzusehen. Zunächst hat der Mittelfeldspieler wie auch Fritz bis Dienstag die Möglichkeit, sich zum Sachverhalt zu äußern.

sid

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