Ungewöhnliches 2:0 gegen Darmstadt

Werder Bremens Plan vom Glück

+
Felix Wiedwald bedankte sich nach dem 2:0-Sieg gegen Darmstadt bei den Fans, die in der Halbzeitpause lautstark gepfiffen haben.

Bremen - Von Björn Knips. Werder lieferte beim 2:0-Sieg gegen Darmstadt 98 eine desaströse erste Halbzeit ab. Vom Publikum gab es dafür ordentlich was auf die Ohren.

Drei Siege in Folge – das gab es bei Werder zuletzt vor zwei Jahren. Kein Wunder, dass sich die Fans im Weserstadion nach dem 2:0-Erfolg gegen Darmstadt voller Erleichterung im Abstiegskampf die Finger wund klatschten. Eine Stunde zuvor hatten sich viele von ihnen noch die Seele aus dem Leib gepfiffen. „Ich kann mich nicht daran erinnern, wann es das letzte Mal so ein Konzert gab“, meinte Werder-Keeper Felix Wiedwald. Das hatte ihn genauso überrascht wie die katastrophale erste Halbzeit. Wie schon eine Woche zuvor in Wolfsburg (2:1) gab es einen Dusel-Sieg – und Wiedwald mahnte: „Es muss jedem klar sein, dass wir mit dieser Leistung nicht immer weiter punkten werden. Da muss mehr kommen!“

Vor der Pause lief bei Werder nichts, gar nichts – nicht mal jeder einzelne Spieler. Und das im Abstiegskampf in einem so wichtigen Spiel gegen einen Tabellenletzten. Zur Pause hielt Trainer Alexander Nouri seinen Spieler eine mangelhafte Laufbereitschaft vor. „Er hat uns gesagt, dass die Darmstädter fast zehn Kilometer mehr gelaufen sind als wir“, berichtete Robert Bauer. Die genaue Zahl wollte Nouri nicht bestätigen, fällte aber ein eindeutiges Urteil: „Wir haben nicht genug investiert, wir haben nicht die Wege gemacht.“ Es diente gleichzeitig auch als Erklärung für den nicht erkennbaren Matchplan. „Dir hilft die beste Taktik nicht, wenn du nicht den nötigen Aufwand betreibst“, wehrte sich Nouri gegen jegliche Kritik.

„Wir hatten einen klaren Plan“

Seinen Plan wollte er zunächst nicht preisgeben. Die Spieler berichteten etwas von einem Wechselspiel zwischen Angriff und Rückzug. Dumm nur, dass auf dem Feld keine Einigkeit herrschte, welche Taktik gerade angesagt war. Immer wieder wedelten die Stürmer Max Kruse und Claudio Pizarro hilfesuchend mit den Armen. „Das Mittelfeld ist nicht nachgerückt“, haderte Pizarro. Der Peruaner und Kruse waren aber auch nicht energisch genug draufgegangen, dass sich ein Nachrücken wirklich gelohnt hätte.

„Wir hatten einen klaren Plan“, hob Nouri dann doch nach mehrfachem Nachfragen hervor: „Wir wollten den Gegner früher zu seinen langen Bällen zwingen, damit die nicht in unserem Strafraum landen. Wir wollten aber auch eine gute Absicherung, weil sie schnelle Außen haben.“ Auf dem Platz sah das dann nach einer Soll-und-darf-nicht-Taktik aus. Die Bremer wirkten ängstlich. Als hätte ihnen jemand das mühsam, durch zwei Auswärtssiege mit sehr viel Glück zurückgewonnene Selbstbewusstsein weggenommen. Und das ausgerechnet vor einem Spiel gegen ein Schlusslicht.

„Vielleicht hat die Erwartungshaltung die Beine schwer gemacht“, suchte Nouri nach einer anderen Erklärung. Als Motivator funktionierte der Coach erst in der Pause, in Sachen Taktik half ihm auch der Zufall. Zlatko Junuzovic und Clemens Fritz mussten verletzungsbedingt früh runter. Es ist allseits bekannt, dass die beiden erfahrenen Spieler gemeinsam als Doppelsechs nicht funktionieren. Mit Maximilian Eggestein und Florian Grillitsch gab es mehr Ordnung im Zentrum. Und mit einem etwas zurückgezogener agierenden Kruse mehr Kreativität – und dadurch auch Torchancen. Völlig unverdient ist der Sieg nach dem Kruse-Doppelpack (75. Foulelfmeter/90.+2) daher nicht. „Da haben wir ein anderes Gesicht gezeigt“, freute sich Nouri, während Bauer monierte, „warum wir immer nur eine Halbzeit gut spielen können“.

Wobei Werder auch nach der Pause vom Prädikat „gut“ noch einiges entfernt war. Ja, es lief besser gegen einen immer schwächer, weil müde werdenden Gast – mehr aber auch nicht. Vielleicht hilft es, dass Werder nun wieder auswärts ran darf. Am Freitag in Leverkusen, wo gerade Trainer Roger Schmidt gefeuert wurde. Da droht auch kein Pfeifkonzert vom eigenen Anhang, da reisen nur die Treuen mit, die Wiedwald explizit hervorhob: „Die richtigen Fans hinterm Tor, die haben uns in der Pause trotzdem bejubelt.“

Dass der Rest gepfiffen habe, gehöre zwar dazu, „aber in unserer Situation tut das nicht gut“. Doch der Keeper ist clever genug, es sich nicht mit den Fans verderben, und merkte noch an: „Vielleicht hat es bei dem einen oder anderen noch ein paar Prozente mehr rausgeholt. Und am Ende haben sie ja wieder alle gejubelt.“ Es sollte sich nur keiner zu früh freuen . . .

Einzelkritik: Mit Glück und Kruse zum dritten Sieg in Folge 

Felix Wiedwald
Felix Wiedwald: Der Keeper wird immer wertvoller. Was für ein Reflex bei Sulus Kopfball aus kürzester Distanz (3.)! Seine wahrscheinlich beste Parade im Werder-Trikot. Auch ansonsten absolut sicher. Note 1 © nordphoto
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Ihm war die Angst vor Fehlern deutlich anzumerken, spielte nur Alibi-Pässe. Große Probleme mit dem schnellen Heller, das wurde erst später besser. Seinen Kopfball kurz nach der Pause muss er versenken und nicht so verschenken. Note 4,5 © nordphoto
Lamine Sanè
Lamine Sane: Nach seinem 100-Prozent-Spiel in Wolfsburg, diesmal die Doppel-80 – also 80 Prozent gewonnene Zweikämpfe und angekommene Pässe. Trotzdem wirkte der Abwehrchef nicht sicher, war oft zu weit weg vom Gegner. Note 4 © nordphoto
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Viel schlechtere Zweikampfquote als Nebenmann Sane (nur 58 Prozent), aber souveräner. Löste die wichtigsten Aufgaben und behielt meistens die nötige Ruhe. Note 3,5 © nordphoto (Archivbild)
Robert Bauer
Robert Bauer: Das Kampfschwein! Er hatte es nicht leicht, weil es Darmstadt immer wieder über seine Seite probierte und er zu wenig Unterstützung von Vordermann Gnabry bekam. An seinen Einwürfen kann Bauer noch arbeiten, seine Flanke für Gebre Selassies Torchance war dagegen top. Note 3,5 © nor dphoto
Clemens Fritz
Clemens Fritz (bis 39.): Der Kapitän erlebte nach abgebrummter Gelbsperre einen ziemlich gebrauchten Tag, fand überhaupt nicht ins Spiel, konnte das Zentrum nicht dicht machen. Wegen einer Sprunggelenksverletzung früh raus. Note 5 © nordphoto
Fin Bartels
Fin Bartels: Eigentlich ein Totalausfall, wenn da nicht diese Vorarbeit zum 2:0 von Kruse gewesen wäre. Das rettet ihm noch die Note 5 © nordphoto
Serge Gnabry
Serge Gnabry: Mehr Schatten als Licht, wenngleich seine Klasse immer wieder aufblitzte – und er zum Beispiel die Aktion zum Elfmeter geschickt einleitete. Note 4 © nordphoto
Max Kruse
Max Kruse: Er wollte wirklich, auch schon in der ersten Halbzeit. Doch da ging der Stürmer mit unter. Nach dem Wechsel ließ er sich tief fallen, holte sich die Bälle, bereitete Pizarros Riesenchance per Flanke gut vor (47.). Sicherer Elfmeterschütze zum 1:0 (75.), eiskalter Vollstrecker zum 2:0 (90.+2). Note 2,5 © nordphoto
Claudio Pizarro
Claudio Pizarro (bis 78.): In der Verfassung ist der 38-Jährige keine Hilfe mehr für Werder. Vor allem, wenn er dann noch seine einzige echte Chance so kläglich vergibt (47.). Immerhin sorgte Pizarro für den spielentscheidenden Elfmeter. Allerdings mit ganz viel Dusel. Er hatte über den Ball getreten, die Chance eigentlich vergeben, doch Sulu senste ihn noch um. Note 5 © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein (ab 32.): Brachte etwas mehr Ordnung und Ballsicherheit (fast jeder Pass kam an) ins Spiel, ohne dabei zu glänzen. Note 3,5 © nordphoto
Florian Grillitsch
Florian Grillitsch (ab 39.): Begann ziemlich schläfrig und hatte auch später immer wieder kurze Aussetzer. Insgesamt aber besser als Fritz, den er ersetzen sollte. Note 4 © nordphoto
Florian Kainz
Florian Kainz (ab 78.): Konnte sich durch einige gute Szenen durchaus für weitere Aufgaben empfehlen. Note - © nordphoto (Archivbild)
Zlatko Junuzovic
Zlatko Junuzovic (bis 32.): Schwarzer Tag für den Österreicher. Der Sechser verletzte sich bei einem Abschlussversuch selbst - und das schon ziemlich früh. Möglicherweise spielte er auch deshalb ziemlich schlecht. Note 5 © nordphoto

Das könnte Sie auch interessieren

Fotostrecke: Tim Wiese in der DeichStube

Fotostrecke: Tim Wiese in der DeichStube

Schüler in Florida demonstrieren für schärferes Waffenrecht

Schüler in Florida demonstrieren für schärferes Waffenrecht

Mailänder Modewoche: Gucci ist im Posthumanismus

Mailänder Modewoche: Gucci ist im Posthumanismus

Deutschland schafft Eishockey-Wunder - Gold durch Jamanka

Deutschland schafft Eishockey-Wunder - Gold durch Jamanka

Meistgelesene Artikel

Hässlich, hart und kompliziert

Hässlich, hart und kompliziert

Urteil: DFL muss sich an den Polizeikosten beteiligen

Urteil: DFL muss sich an den Polizeikosten beteiligen

Junuzovic läuft, Johannsson pausiert

Junuzovic läuft, Johannsson pausiert

Fix: Orlando City vermeldet Verpflichtung von Lamine Sane

Fix: Orlando City vermeldet Verpflichtung von Lamine Sane

Kommentare