Wider die Vernunft

Oliver Zapel riskierte viel für ein Leben als Trainer

Er ist ein Mann der außergewöhnlichen Geschichten: Wie Oliver Zapel an den Job des U23-Trainers bei Werder Bremen kam, ist eine davon.
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Er ist ein Mann der außergewöhnlichen Geschichten: Wie Oliver Zapel an den Job des U23-Trainers bei Werder Bremen kam, ist eine davon.

Bremen - 2006 war er Hamburgs Fußballer des Jahres. Vor sechs Jahren hat er seine Jobs als Diplom-Kommunikationswirt geschmissen, um Trainer zu werden. Nun profitiert er davon, dass ausgerechnet ein guter Kumpel entlassen wurde.

Und sein Sohn hat in der Nähe von Hamburg schon das HSV-Trikot gegen eines von Werder eingetauscht. Oliver Zapel ist reich an außergewöhnlichen Geschichten. Da passt es irgendwie, dass der 49-Jährige erst mal nur bis Jahresende neuer Coach der U23 des SV Werder Bremen ist. Zapels Zukunft hängt davon ab, ob Florian Kohfeldt bei den Profis bleiben darf oder zu seiner U23 zurückkehrt. „Das ist sicher nicht ganz alltäglich“, gesteht Zapel: „Aber das Thema wird sich bald von alleine erledigen.“

Zapel glaubt natürlich daran, dass Kohfeldt das Bundesliga-Team wieder auf Kurs bringt. Genauso ist er davon überzeugt, mit seiner U23 den Klassenerhalt zu schaffen. Am Sonntag soll nach 13 sieglosen Spielen in Serie – die jüngsten zwei unter seiner Regie – endlich mal wieder ein Dreier her. Die Bühne dafür könnte kaum größer sein: Weil der VfL Osnabrück mit vielen Fans anrückt, geht es zur Sicherheit ins Weserstadion. „Das ist auch für mich etwas Besonderes“, gesteht Zapel. Er ist – zumindest vom Umfeld her – dort angekommen, wo er hinwill.

Zukunft als Feierabendtrainer kam nicht infrage

Zapel war in Hamburg eine lokale Fußballgröße, er ist Rekordspieler (716 Einsätze) und Rekordtorschütze (399 Tore) der Oberliga Nord. Alles nachzulesen auf seiner Internetseite (oliver-zapel.com). Der Mann ist schließlich vom Fach, hat sich früh mit dem Internet beschäftigt, davor auch schon eine Werbeagentur gegründet. „Seit ich 18 Jahre alt bin, war ich eigentlich immer selbstständig. Ich war bei vielen Online-Startups dabei. Das war eine heiße Zeit. In der Spitze hatten wir 50 Mitarbeiter.“

Dazu kam der Fußball. „Mein erster Traum war es, so lange Fußball zu spielen, wie es die Beine hergeben. Den habe ich mir erfüllt, indem ich bis 40 auf hohem Niveau spielen konnte.“ Das war 2008 bei Concordia Hamburg. Zapel wollte sich vom Fußball verabschieden, doch seine Frau stimmte ihn um. „Die Gefahr, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, war einfach da“, sagt er. Eine Zukunft als Feierabendtrainer kam jedoch nicht infrage. „Wir haben das zum Projekt gemacht“, sagt Zapel und meint mit wir seine Frau und sich: „Wir haben einen Cut gemacht. Haben den Weg der Vernunft verlassen, sind der Passion gefolgt und damit voll ins Risiko gegangen.“ Das Risiko hieß Fußball. „Und es hätte absolut in die Hose gehen können“, meint Zapel.

Kumpel Nouri machte Platz für Zapel

Zum Beispiel bei der Zulassung zum Fußball-Lehrer-Lehrgang. Als ehemaliger Amateurkicker war das gar nicht so einfach, er selbst nennt es „Belohnung“ für sein Risiko. Und er kam in den Kurs „mit den Verrückten“ , wie Zapel die Gruppe um die heutigen Bundesliga-Trainer Julian Nagelsmann (Hoffenheim) und Domenico Tedesco (Schalke) nennt. Dazu gehörte auch ein gewisser Alexander Nouri. Den Kumpel aus dem Lehrgang hat Zapel im Sommer in Bremen besucht, um sich auszutauschen und gemeinsam ein Spiel der U23 anzuschauen. „Es ist schon schizophren, dass ausgerechnet Alex weichen muss, damit ich hier lande – einerseits furchtbar, andererseits ist das die Gesetzmäßigkeit des Jobs.“ Nouri wurde entlassen, Kohfeldt rückte auf – und Zapel wurde für die U23 verpflichtet.

In Bremen wird bereits geunkt, das Zapel Werders nächster Bundesliga-Coach wird. Schließlich ist schon zum dritten Mal in Folge der Coach der ältesten Nachwuchsmannschaft befördert worden. „In den Vereinsstatuten steht das ganz sicher nicht“, sagt Zapel und lächelt. Natürlich sei die Bundesliga irgendwann mal ein Ziel, gesteht er, „aber ich bin nicht so vermessen zu glauben, dass das auch wirklich klappt.“ Deshalb hat er sich ein anderes Ziel gesteckt: „Ich möchte Erstliga-Trainer werden – und das muss nicht in Deutschland sein. Der Reiz des Trainerjobs ist für mich auch immer, andere Länder und Kulturen kennenzulernen.“ Weltenbummler Zapel? Wieso nicht? „Diese Geschichten von deutschen Trainern im Ausland faszinieren mich“, sagt er.

Feuert seine Mannschaft an: Werders U23-Trainer Oliver Zapel.

Aber da ist noch ein Antrieb. „Ich muss keine Millionen auf dem Konto haben, sondern ich will für mich der beste Trainer werden, der ich sein kann.“ Daran arbeitet er jeden Tag – und das ziemlich intensiv. „Ich muss für mich immer das Gefühl haben, alle Hebel in Bewegung gesetzt zu haben.“ Die Vorbereitung auf den Gegner bezeichnet er dabei als „exzessiv“. „Ich versetze mich in den anderen Trainer hinein, um das Gefühl für dessen Mannschaft zu bekommen. Ich habe dann fast schon zwei Mannschaften auf dem Platz.“ Einfach ist Zapel dabei nicht: „Alle, die mit mir arbeiten, schlagen irgendwann die Hände über dem Kopf zusammen und sagen: Jetzt ist aber mal Feierabend, Kollege. Aber davon lasse ich mich nicht abbringen.“

Der Erfolg gibt ihm Recht. Mit dem SV Eichede stieg er einst in die Regionalliga auf. Mit der SG Sonnenhof Großaspach sorgte er in der Dritten Liga für Furore. Weil der kleine Club aber nicht wirklich in die Zweite Liga will, ging Zapel. Da ist er konsequent. Er braucht eine Perspektive. Wie jetzt bei Werder, wenngleich es nur um die U23 geht. Die spielt immerhin auch in der Dritten Liga. „Das ist kein Rückschritt für mich, das ist ein Schritt nach vorne“, betont Zapel: „Ich habe noch nie mit einer so jungen Mannschaft auf einem so hohen Niveau gearbeitet. Und ich habe noch nie unter so einem Vereinswappen gearbeitet und durfte noch nie die professionellen Bedingungen eines Bundesligisten mitnutzen.“

Zapel mit ganzem Herzen dabei

Über seinen neuen Arbeitgeber gerät er regelrecht ins Schwärmen. „Vom ersten Tag an hat man mir eine unglaubliche Wärme entgegengebracht. Hier gibt es kein Konkurrenzdenken wie oft in anderen Clubs, worunter die Atmosphäre leidet.“ Bei Werder sei jeder bereit, sein Knowhow weiterzugeben.“ Es gäbe eine ganz besondere Diskussionskultur. Deswegen sei auch sein Verhältnis zu Kohfeldt bestens: „Wir tauschen uns intensiv aus, er bezieht mich mit ein und fragt auch nach meiner Meinung. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist ein vertrauensvolles Arbeiten. Florian ist dabei sehr authentisch.“

Zapel auch. Er ist mit ganzem Herzen dabei – und seine Frau und seine zwei Kinder sind schon voll infiziert. Beim Bundesliga-Heimspiel gegen Hannover (4:0) saßen sie gemeinsam auf der Tribüne, „und wir lagen uns bei jedem Tor in den Armen. Da sind wir Fans.“ Der neunjährige Sohnemann geht inzwischen sogar im Werder-Trikot in die Schule.

Eine mutige Geschichte in Reinbek, nicht weit entfernt von Hamburg, wo die Familie lebt. „Er ist da sehr selbstbewusst. Der Drops mit dem HSV ist jedenfalls gelutscht“, sagt Papa Zapel und lacht. Am Sonntag will er den Kleinen dafür belohnen und ihn gleichzeitig beschenken: „Er hat Geburtstag, verzichtet aber auf die Party mit seinen Kumpels, weil er Werder sehen will. Da wäre natürlich ein Sieg von uns gegen Osnabrück nicht schlecht.“

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