Mühsame Kaderplanung für die Saison 2020/21

Werder Bremen und der Hindernislauf auf dem Transfermarkt

Der Sportchef des SV Werder Bremen, Frank Baumann und Chefcoach Florian Kohfeldt wissen, wie mühsam die Kaderplanung für die kommende Bundesliga-Saison wird.
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Der Sportchef des SV Werder Bremen, Frank Baumann und Chefcoach Florian Kohfeldt wissen, wie mühsam die Kaderplanung für die kommende Bundesliga-Saison wird.

Bremen – Der Wunsch steht offen im Raum, und das schon seit beinahe zwei Wochen. Daran, dass er auch in diesem Jahr wieder nicht in Erfüllung gehen wird, ändert sich allerdings nichts. „Jeder Coach dieser Welt hätte am liebsten am ersten Trainingstag seinen Kader zusammen“, hatte Florian Kohfeldt, der Cheftrainer des SV Werder Bremen, Anfang Juli gesagt – wohlwissend, dass er deutlich mehr Geduld aufbringen muss, ehe seine Mannschaft für die Saison 2020/21 endgültig steht.

Klar ist: Wenn Werder Bremen Anfang August in die Vorbereitung startet, werden viele Neuzugänge noch (und womöglich sogar lange) auf sich warten lassen, dafür aber andere Profis Runden über den Platz drehen, die den Verein noch verlassen sollen. Das hat in Bremen (notgedrungen) seit vielen Jahren Tradition – im Sommer 2020 ist Werder aus unterschiedlichen Gründen jedoch mehr denn je zum Warten gezwungen. Gleich mehrere Hürden stehen den eigenen Planungen auf dem Transfermarkt im Weg.

1. Der Verkauf von Milot Rashica

Die Faustregel ist bekannt, weil sowohl von Sportchef Frank Baumann als auch von Geschäftsführer Klaus Filbry öffentlich erklärt: Erst wenn Spieler gehen – und das für eine möglichst hohe Ablöse – können neue dazukommen. Den klammen Bremern fehlt ohne Verkäufe von Leitungsträgern schlicht der Handlungsspielraum.

Da Milot Rashica aktuell die mit Abstand heißeste Werder-Aktie auf dem Markt ist, blockiert sein angestrebter Verkauf derzeit die weiteren Schritte. Werder Bremen hätte den Flügelstürmer zwar schon längst transferieren können, doch die 15 Millionen Euro Ablöse plus Nachzahlungen in Höhe von drei Millionen Euro, die RB Leipzig geboten haben soll, waren dem Verein viel zu wenig. Baumann hofft vielmehr auf satte Einnahmen in Höhe von 25 Millionen Euro, die Vorstellungen liegen also sehr weit auseinander. Bei Werder rechnet deshalb niemand damit, dass der Deal schnell zustande kommt.

Milot Rashica ist das Tafelsilber von Werder Bremen.

Vielmehr hoffen sie darauf, dass die Interessenten aus dem Ausland (allen voran der AC Mailand) endlich ernstmachen und den Preis nach oben treiben. „Wir müssen keinen Spieler unter Wert verkaufen“, hatte Baumann kürzlich gesagt. Beim Thema Leipzig ist die Haltung des Clubs deshalb stur. Aktuell ist sogar zu hören, dass es durchaus passieren könne, dass Rashica sich seinen Wechselwunsch zu RB in diesem Sommer nicht erfüllen kann. Steigen jedoch keine weiteren Clubs ernsthaft in den Poker ein, dürften Werder Bremen irgendwann die Hände gebunden sein.

Weil der Rashica-Verkauf fest eingeplant ist, um in den eigenen Kader investieren zu können, besteht die Gefahr, dass Baumann am Ende womöglich ein RB-Angebot annehmen muss, das die Bremer weniger glücklich macht.

2. Die Not zu zocken

Mal angenommen, Werder Bremen hätte bereits etwas Geld eingenommen und wäre auch willens, es wieder auszugeben – das Warten auf neue Spieler wäre damit keinesfalls vorbei. Es lässt sich nicht einmal sagen, ob es verkürzt werden würde. Schon seit Jahren macht Sportchef Frank Baumann Schlagzeilen mit Last-Minute-Transfers am Deadline-Day (Belfodil, Gnabry, Rashica, Langkamp, Sahin, Bittencourt, Selke). Und zwar nicht, weil er so gerne zockt, sondern, weil er dazu gezwungen ist. Trainer Florian Kohfeldt erklärte in der vergangenen Winterpause: „Wir haben bei verfügbaren Spielern meistens nicht den Erstzugriff, weil die finanziellen Aspekte natürlich eine Rolle spielen.“ Heißt: Werder Bremen bekommt ab einer bestimmten Preisstufe nur Spieler, die andere übrig lassen. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, erfordert aber viel Geduld.

3. Das Zögern der Profis

Wir haben Ende Juli, die Saison startet erst im September – und das Transferfenster ist sogar bis zum 5. Oktober geöffnet. Da ist es nur logisch, dass sich viele Profis bei der Zukunftsplanung noch Zeit lassen und zunächst in Ruhe den Markt sondieren wollen. Warum sich schon im Hochsommer festlegen, wenn im Spätsommer vielleicht ein viel besseres Angebot kommt?

Werder Bremen hat außerdem das Problem, dass sie im Verein ja selbst noch nicht wissen, wie die neue Mannschaft aussehen wird und wer vorher noch alles geht. Gut, Rashica. Aber auch Pavlenka? Oder Klaassen? Oder Maximilian Eggestein? Oder sie alle? Potenziellen Neuzugängen die Mannschaft schmackhaft zu machen, ist vor diesem Hintergrund schwer.

4. Definition des Bedarfs

Was auch dazugehört: Werder Bremen muss vor dem Kaufen zunächst die offenen Planstellen definieren. Das ist derzeit eine Herausforderung. Denn erst mit einem Verkauf von Ludwig Augustinsson würde die Linksverteidigerposition zur Baustelle. Nur wenn Pavlenka gehen sollte, gäbe es im Tor Handlungsbedarf.

Da hatte es der Verein im vergangenen Sommer deutlich leichter. Frühzeitig kristallisierte sich damals heraus, dass bis auf Kapitän Max Kruse – über dessen Rückkehr aktuell spekuliert wird – alle Stammspieler bleiben würden. Vor einigen Tagen haben Trainer Kohfeldt und Sportchef Baumann zusammengesessen und über den Kader gesprochen. „Wir haben mit Sicherheit Ideen, wie wir ihn gestalten wollen“, sagte Kohfeldt, „aber es gibt sehr viele Unwägbarkeiten in diesem Jahr.“ Bisher ist nur klar, dass Werder nach den Abgängen von Kevin Vogt (zurück nach Hoffenheim), Nuri Sahin (Ziel unbekannt) und eventuell auch Philipp Bargfrede (Vertrag ausgelaufen) im defensiven Mittelfeld nachrüsten muss. Kein Wunder also, dass in Patrick Erras vom 1. FC Nürnberg und Angelo Stiller aus Bayern Münchens U23 für diese Position erste Namen gehandelt werden. Dass Werder im Vorjahr für den Posten vor der Abwehr noch Marco Grujic und später Nabil Bentaleb verpflichten wollte, zeigt, wie sehr sich die Möglichkeiten geändert haben.

5. Die Top-Ligen

So fix wie die Bundesliga war keine andere europäische Top-Liga: Weder in England, Spanien, Frankreich noch in Italien wurde nach der Corona-Pause so schnell wieder gespielt – und deshalb läuft die Meisterschaft in diesen Ländern zum Teil noch. Was Auswirkungen auf den Transfermarkt hat. Bevor die Saison nicht beendet ist, die Fragen nach Klassenerhalt oder Qualifikation fürs internationale Geschäft nicht beantwort sind, halten sich viele Clubs mit der Kaderplanung zurück. Der europäische Transfermarkt wird also erst in den kommenden Wochen Fahrt aufnehmen. (dco)

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