Werders Co-Trainer ist doppelt gefordert

Borowski im DeichStube-Interview: „Ich schlafe schlechter“

Tim Borowski, Co-Trainer des SV Werder Bremen, stellte sich im Interview den Fragen von DeichStube-Reporter Carsten Sander.
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Tim Borowski, Co-Trainer des SV Werder Bremen, stellte sich im Interview den Fragen von DeichStube-Reporter Carsten Sander.

Palma – Mit dem Abstiegskampf musste sich Tim Borowski als Fußball-Profi nie beschäftigen, als Co-Trainer des SV Werder Bremen nun aber schon. Und das wirkt sich durchaus auf sein Leben aus.

„Ich schlafe tatsächlich schlechter“, gesteht Tim Borowski im Interview mit der DeichStube im Trainingslager auf Mallorca. Der 39-Jährige spricht im Mannschaftshotel „Castillo Son Vida“ auch über seine Doppelbelastung, die er als angehender DFB-Fußballlehrer in dieser Saison zu bewältigen hat, und sein spezielles Verhältnis zu den Spielern.

Fünf Tage auf Mallorca – ist Ihnen die Insel mittlerweile als Arbeitsort schon lieber als als Urlaubsort?

Auf jeden Fall ist sie für uns als Arbeitsort ideal. Super Hotel, bestes Trainingswetter und die Platzbedingungen sind auch sehr gut. Aus meiner Sicht sind es beste Arbeitsbedingungen.

Am Ende des Trainingslagers wird die Mannschaft sieben Mal auf diesen Plätzen trainiert haben und das eine Testspiel gegen den AC Monza absolviert haben. Sieht nicht nach übermäßig viel aus. Ist das schon eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass in der Hinrunde Regeneration gefehlt hat?

Nein, wir haben einen sehr gut aufgebauten Trainingsplan bis zum ersten Spiel gegen Fortuna Düsseldorf, inhaltlich sehr professionell. Zudem sollte man die Regenerationseinheit nach dem Spiel und das Training am Samstag in Bremen nicht vergessen. Es ist aber nicht immer die Anzahl der Trainingseinheiten entscheidend, sondern deren Qualität.

Wie intensiv ist ein Trainingslager für Sie als Co-Trainer?

Es sind extrem lange Tage – und zwar für den ganzen Staff. Vorbereiten, nachbereiten, analysieren und die Einzelgespräche mit den Spielern, da zieht sich ein Arbeitstag schon mal bis spät in den Abend oder in die Nacht.

Bleibt wenigstens mal Zeit für ein Tennis-Match gegen den Chef? Florian Kohfeldt und Sie spielen gemeinsam für Schwarz-Weiß Bremen.

Hier ist dafür keine Zeit, und auch die Spiele für Schwarz-Weiß müssen warten, bis die Saison durch ist.

Werder Bremen: Tim Borowski berät bei Transfers

Kein Hobby – hat das auch etwas mit dem Abstiegskampf zu tun? Verändert diese Situation Job und Leben dermaßen?

Man macht sich immer Gedanken über die Situation – egal, ob es gut oder schlecht läuft. Die Intensität ist eigentlich immer gleich, aber klar: Wenn es gut läuft, ist es angenehmer.

Florian Kohfeldt hat mal gesagt, dass er nach Niederlagen auch an freien Tagen den Drang verspürt, ins Büro fahren zu müssen, weil er immer glaubt, noch etwas vergessen oder übersehen zu haben. Geht es Ihnen genauso?

Natürlich. Im Fußball-Business gibt es ja keine Endstufe, gibt es nicht den Punkt, an dem man sagen kann: Jetzt ist Schluss, mehr geht nicht! Du kannst immer noch mal etwas anschauen, analysieren oder dir neuen Input holen.

Arbeit ohne Ende?

Irgendwann ist an einem Tag ja automatisch Ende. Man muss ja auch mal schlafen. Oder man stellt fest: Die eigene Aufnahmefähigkeit ist aufgebraucht, dann wird der Laptop zugeklappt.

Zusätzlich zur Aufgabe bei Werder haben Sie aktuell auch noch den Lehrgang zum Fußball-Lehrer zu bewältigen. Im April stehen die Abschlussprüfungen an. Wie geht das zusammen?

Alles eine Frage der Organisation. Es ist natürlich eine intensive Zeit, eine mit sehr viel Input. Aber der Verein hilft mir. Ich bekomme das deshalb recht gut unter einen Hut und bin auch relativ stressresistent. Ich wache jedenfalls nicht jeden Morgen auf und sage mir: ,Oh, mein Gott, was ich heute wieder alles vor mir habe.‘

Was fordert der Lehrgang derzeit von Ihnen?

Im Moment läuft die Praktikumsphase. Viele meiner Kurskollegen sind gerade in Europa verstreut und schauen sich bei anderen Clubs um. Ende Januar ist dann das nächste Treffen. Die ersten Modultests stehen an.

Ihr Praktikum läuft demnach bei Werder?

Genau, und ich finde, ein besseres Praktikum gibt es nicht (lacht).

Es heißt, Sie würden bei Transfers mitentscheiden.

Die Entscheidungen treffen natürlich Florian Kohfeldt und Frank Baumann, aber ich bin in den Prozess ebenfalls involviert, das stimmt.

Inwiefern involviert?

Auf der Grundlage der Ausarbeitungen unserer Scoutingabteilung geht es um die Fragen: Welche Spieler sind interessant? Welche Verpflichtung kann nachhaltig für uns sein? Da versuche ich, meine Erfahrung als Profi einzubringen und zu unterstützen.

Immer nah dran an der Mannschaft: Co-Trainer Tim Borowski macht sich viele Gedanken, wie Werder Bremen wieder in die Erfolgsspur finden kann.

Werder Bremen: Tim Borowski denkt nicht an Cheftrainer-Posten

Co-Trainer haben häufig die Aufgabe, auch ein bisschen Kumpel zu sein für die Spieler. Wie hoch ist der Kumpelfaktor bei Ihnen?

Für mich als Spieler war es sehr wichtig, jemanden im Trainerstab zu haben, zu dem man gehen konnte, um mal über alles reden zu können. Weil ich es selbst erlebt habe, ist es heute nicht schwer für mich, das auch zu geben. Das verlangt vom Co-Trainer aber auch eine gewisse Loyalität. Wichtig ist immer, zu verstehen, dass Fußball nicht von 22 Maschinen gespielt wird, sondern dass es auch um zwischenmenschliche Themen geht. Nicht jedes Gespräch hat auch mit Fußball zu tun. Ich möchte dabei einfach ein guter Co-Trainer und Ansprechpartner für die Jungs sein.

Im April legen Sie die Prüfungen zum Fußball-Lehrer ab. Mit dem Diplom dürfen Sie bei jedem Profi-Club als Chefcoach arbeiten. Haben Sie die Ambition, zeitnah einen Cheftrainerposten zu übernehmen?

Da habe ich eine ganz klare Meinung. Die Position, die ich gerade bekleide, macht mir unheimlich viel Spaß. Und ich bin in einem Verein, der es mir ermöglicht, in Ruhe arbeiten zu können. Ich habe hier viele gute Kollegen, mit denen ich sehr gerne zusammenarbeite. Ich bin sehr zufrieden mit dem, wie es jetzt ist.

Kein Drang, in die erste Reihe zu treten?

Ich kann mit voller Überzeugung sagen: Ich habe dahingehend keine Gedanken.

Im Abstiegskampf steigt der Druck auf das Trainerteam um ein Vielfaches. Wie erleben Sie das?

Natürlich spürt man die Unzufriedenheit der Fans und liest, was die Presse schreibt. Dass der Druck zunimmt, ist völlig klar. Für mich ist das aber nichts Neues. Ich kann das ganz gut einordnen und kann ganz gut damit umgehen.

Auch unter diesem Druck, hat sich das Trainerteam entschieden, die Linie des spielerischen Fußballs beizubehalten.

Ja, weil wir aus Überzeugung handeln. Was aber nicht heißt, dass wir uns keine Gedanken machen, was wir verändern und verbessern können. Aber wir sind einfach extrem überzeugt von diesem Weg. Wir sehen darin das meiste Potenzial, und – was man nicht vergessen darf – wir sind damals auch mit dieser Art des Fußballs gestartet. Der Fußball am Ende der Hinrunde hat uns alle enttäuscht. Unser Ziel ist es jetzt, wieder dorthin zu kommen, wo wir schon einmal waren: zu dem Fußball, der uns schon mal stark gemacht hat.

Einen richtigen Abstiegskampf haben Sie als Aktiver nie erlebt. Lernen Sie den Fußball jetzt gerade von einer ganz anderen Seite kennen?

Es ist jetzt etwas anderes, aber ich hatte als Spieler mit Werder auch schwierige Phasen – wenngleich es nie so bedrohlich war wie jetzt.

Tim Borowski: Dominanter Spieler braucht Attitüde und Strahlkraft

Kommen da Ängste auf? Schlafen Sie manchmal schlecht?

Ängste habe ich nicht, aber ich schlafe tatsächlich schlechter.

War es als Spieler auch so?

Der Druck war anders. Häufig war es positiver Druck, man konnte etwas Positives erreichen.

Eigentlich jeder Ex-Profi wundert sich beim Einstieg ins Trainergeschäft darüber, wie anders das Leben wird. Sie auch?

Ich glaube, 95 Prozent geht es so. Aber ich gehöre zu den fünf Prozent (lacht).

Tatsächlich?

Mir war als Spieler schon bewusst, welche Vorarbeit zu jeder Trainingseinheit gehört. Doch klar: Wenn man für die Umsetzung verantwortlich ist, ist es etwas anderes. Aber es gibt bislang nichts, was mich abschreckt.

Sportchef Frank Baumann hat unlängst erklärt, Werder suche nach einem dominanten Spieler. Wobei nicht ganz klar ist, wo der feine Unterschied zwischen einem dominanten und einem Führungsspieler ist. Können Sie das eindeutig definieren?

Für mich braucht ein dominanter Spieler Führungsqualitäten, konstant gute Leistungen, einen Status auf dem Platz. Das muss nicht immer der feinste Techniker oder die größte Kante sein, aber das Paket muss stimmen. Und er braucht die Attitüde, erfolgsbesessen zu sein. Plus eine gewisse Strahlkraft.

Wird Werder einen solchen Spieler in dieser Transferperiode noch finden?

Das wäre natürlich schön.

Quelle: DeichStube

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