Werder-Profi über Rolle, Verletzungen und Abschied

Theo Gebre Selassie im DeichStube-Interview: „Ich bin kein Adrenalin-Junkie“

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Theodor Gebre Selassie spielt bereits seine achte Saison beim SV Werder Bremen – und kann sich gut vorstellen, auch noch eine neunte dranzuhängen.

Bremen – Als rechter Außenverteidiger ist Theodor Gebre Selassie bei Werder Bremen seit Jahren „Mister Zuverlässig“, spielt praktisch immer – muss aktuell aber in ungewohnter Rolle aushelfen: in der Abwehrmitte.

Im Gespräch mit der DeichStube hat Theodor Gebre Selassie (32) erklärt, warum ihm diese Aufgabe nicht allzu viel Spaß bereitet, warum er im Gegensatz zu vielen Kollegen praktisch nie länger verletzt ist – und weshalb er sich eine Zeitlang regelmäßig mittags im Weserstadion schlafen gelegt hat. Auch seine Zukunftspläne hat der Tscheche verraten.

Herr Gebre Selassie, zu Beginn gleich die wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen?

Mir geht es sehr gut. Wir hatten ja am letzten Wochenende frei, da habe ich mich gut erholt. Ich war mit der Familie im Kurzurlaub, etwas Sonne tanken. Das war sehr angenehm. Jetzt kann es weitergehen, körperlich bin ich topfit.

Das können derzeit längst nicht alle Ihrer Teamkollegen von sich behaupten. Gleich acht Spieler fallen verletzt aus. Haben Sie so etwas in Ihrer Laufbahn schon einmal erlebt?

Nein, das ist auch für mich total neu, dass es zeitgleich so viele Verletzte gibt. Unser Kader ist aber breit genug, wir müssen einfach damit umgehen. Die Jungs, die sonst in der zweiten Reihe standen, haben jetzt eben die Möglichkeit, zu zeigen, wie wichtig sie für die Mannschaft sein können.

Lässt sich die Misere denn irgendwie erklären?

Oh, glauben Sie mir, wir suchen alle nach einer Erklärung dafür. Es ist schwer zu sagen. Pech ist aber auf jeden Fall auch dabei.

Theodor Gebre Selassie von Werder Bremen ist ein vorsichtiger Mensch

Sie selbst sind relativ glimpflich durch Ihre bisherige Karriere gekommen, längere Ausfallzeiten gab es bei Ihnen fast nie. Was ist Ihr Geheimnis?

Eigentlich gibt es da gar keins. Ich bin allgemein ein ziemlich vorsichtiger Mensch und achte viel auf meinen Körper. Mir ist es zum Beispiel wichtig, mich regelmäßig behandeln zu lassen, also gehe ich auch privat zur Massage. Das tut mir gut.

Ein vorsichtiger Mensch – wie äußert sich das abseits des Fußballs?

Na ja, ich mag zum Beispiel kein Glücksspiel und fahre auch nicht gerne mit der Achterbahn. Solche Sachen sind einfach nichts für mich. Ich bin kein Adrenalin-Junkie. Nur mit meinen Söhnen muss ich ab und zu mal ins Karussell. Zum Glück fahren sie noch in den kleineren, etwas langsameren. Das kann ich gerade noch mitmachen (lacht).

Wie sieht denn ein freier Tag bei Theodor Gebre Selassie aus? Lesen Sie viel? Schauen Sie Serien? Gehören die Tage ausschließlich der Familie?

Also wenn ich komplett alleine bin, und das ist eigentlich nur am Abend, wenn alle im Bett liegen, dann schaue ich gerne Serien oder auch Filme. Mit meinen Jungs mache ich sonst sehr viel Sport. Ich bin zwar vorsichtig, aber trotzdem immer aktiv (lacht). Wir spielen dann natürlich Fußball, klar. Mein älterer Sohn geht mit meiner Frau aber auch Tennis spielen.

Theodor Gebre Selassie: Werder Bremen hat sich beim Thema „Verletzungen“ verbessert

Wie diszipliniert sind Sie an freien Tagen? Darf es mit den Kindern auch schon mal ein Stück Pizza sein, oder verbietet sich das als Profi?

(lacht) Ich habe am Wochenende erst ein paar Stücke Pizza gegessen, aber wirklich nur ein paar Stücke und auch nicht jeden Tag. Ich bin ein Typ, der ganz normales Essen essen kann. Wenn ich Salat und Fleisch habe, bin ich glücklich.

Sie sind inzwischen seit sieben Jahren bei Werder. Wie hat sich der Umgang mit dem Thema „Verletzungen“ im Verein seitdem verändert?

Es hat sich im Vergleich zu meinem ersten Jahr sehr viel verbessert. Jetzt sind wir auf Top-Niveau. Wir Profis haben einfach alles, was wir brauchen, um unsere besten Leistungen zeigen zu können. Das reicht vom Thema Essen bis hin zum Thema Physiotherapie. Da gab es eine große Entwicklung.

Sogar das persönliche Schlafverhalten können Sie und Ihre Kollegen vom Verein analysieren und gegebenenfalls verbessern lassen. Nutzen Sie dieses Angebot?

Damit habe ich gerade erst angefangen. Ich meine, ich habe zwei kleine Kinder. Da war es klar, dass mein Schlaf am Anfang nicht so gut war (lacht). Was hätte ich also eintragen sollen? Jetzt ist es besser, also nutze ich das Angebot gerne.

Werder Bremen: Theodor Gebre Selassie lobt Konkurrent Michael Lang

Kleine Kinder, wenig Schlaf, das kennen wohl alle jungen Eltern. Wie konnten Sie trotzdem sportliche Höchstleistungen bringen?

In der Nacht vor dem Spiel schlafen wir ja im Hotel. Das war immer sehr praktisch für mich, die beste Nacht der Woche (lacht). Nein, Spaß beiseite. Am Anfang war es schon schwierig, vor allem aber für meine Frau. Sie ist fast immer aufgestanden und hat mir den Rücken freigehalten. Wenn die Nächte zu kurz waren, habe ich eine Zeitlang auch die Mittagspause bei Werder genutzt und habe in den Ruheräumen im Stadion ein bisschen geschlafen. Die Zeiten sind aber vorbei. Jetzt komme ich ausgeschlafen zur Arbeit (lacht).

Das ist sicher nicht die schlechteste Voraussetzung, um mit Ihrer neuen Rolle umgehen zu können: Seit der Verletztenmisere müssen Sie in der Innenverteidigung aushelfen. Gefällt Ihnen das?

Die Situation ist so, dass ich dort momentan gebraucht werde. In Zukunft, wenn ich noch etwas älter bin, könnte das auch eine Position für mich sein, weil ich dann nicht mehr die Außenbahn rauf- und runterrennen muss. Ich kann im Moment aber noch nicht sagen, dass es mir Riesenspaß macht.

Was fehlt Ihnen denn in der Mitte?

Das Offensivspiel, die Vorstöße bis an die Grundlinie. Das fehlt mir richtig.

Während Sie in der Mitte aushelfen, spielt Neuzugang Michael Lang als Rechtsverteidiger. Irgendwann kommen aber die etablierten Innenverteidiger zurück, und Lang hat sich womöglich festgespielt. Riskieren Sie gerade Ihren Stammplatz?

Keine Ahnung. Das ist eine Frage für Flo (Trainer Florian Kohfeldt, Anm. d. Red.). Ich mache mir darüber momentan keine Gedanken.

Was denken Sie denn über Lang? Ein harter Konkurrent für Sie?

Ja, denn er ist ein super Fußballer. Als Typ ist er sehr angenehm. Er ist noch nicht lange bei uns, war auf dem Platz aber sofort da.

Theodor Gebre Selassie muss bei Werder Bremen zurzeit als Innenverteidiger aushelfen.

Theodor Gebre Selassie kann sich weitere Vertragsverlängerung vorstellen

In der Vergangenheit gab es auf der Position des Rechtsverteidigers eine einfache Formel: Werder holt einen Herausforderer, aber am Ende spielt Gebre Selassie. Warum passen Sie so gut zum Verein?

Mir gefällt der Verein, mit gefällt die Stadt und mir gefallen die Leute in Bremen. Und wenn mir in meinem Leben etwas gefällt, dann tausche ich das nicht so einfach ein. Wie gesagt: Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Wenn alles okay ist, warum sollte ich etwas verändern? Gerade jetzt, wo ich Frau und Kinder habe. Bevor ich das letzte Mal meinen Vertrag verlängert habe, habe ich mir die Frage gestellt, was mir ein Wechsel bringen würde. Klar hätte ich woanders vielleicht mehr verdienen können, aber zu welchem Preis? In Bremen haben wir doch schon alles, was wir brauchen. Das weiß ich sehr zu schätzen.

Klingt, als seien Sie schon zum Norddeutschen geworden...

(lacht) Ja, auf jeden Fall. Eines Tages wollen wir als Familie nach Tschechien zurückkehren. Das Thema kommt bei uns zu Hause gerade immer öfter. Der Abschied wird uns nicht leicht fallen. Es wird eine schwierige Umstellung, plötzlich nicht mehr in Bremen zu sein.

Haben Sie Angst vor dem Tag, an dem Sie Ihre Koffer packen?

Nein, Angst nicht. Aber es wird ein Abenteuer, eine Veränderung. Für mich als Typ ist so etwas immer eine Herausforderung.

Ihr Vertrag bei Werder läuft im Sommer 2020 aus. Sie haben bereits durchblicken lassen, dass Sie sich eine abermalige Verlängerung vorstellen können. Wie ist der aktuelle Stand?

Ich kann mir auf jeden Fall nicht vorstellen, irgendwo anders in Deutschland zu spielen. Ich hoffe, dass ich noch einige Zeit in Bremen bleiben kann. Es geht aber nicht nur darum, was ich will. Wenn der Verein mit mir weiterarbeiten möchte, müssen wir die gleiche Sprache finden. Wenn das gelingt, wäre ich glücklich.

Theodor Gebre Selassie: Gesundheit entscheidet über Karriereende

Also lautet Ihr Plan: Entweder weiter für Werder, oder im Sommer zurück in die Heimat?

Ja, genau. Mein älterer Sohn wird im Juni sechs Jahre alt. Wir würden ihn ein Jahr später in die Schule schicken, wenn ich hierbleiben sollte, weil er in Tschechien eingeschult werden soll.

Das bedeutet: Spätestens 2021 sagen Sie Tschüss in Bremen. Soll dann eigentlich komplett Schluss sein mit Fußball?

Das ist eine Frage der Gesundheit. Ich möchte nicht erst mit Fußball aufhören, wenn mein Körper kaputt ist. Ich habe zwei Jungs, mit denen ich auch in Zukunft noch viel Sport treiben möchte.

Wie sehr hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie Vater sind?

Sehr. Die Kinder geben mir Balance. Ich bewerte gute und schlechte Situationen nicht mehr über. Früher habe ich mir über viele Dinge zu viele Gedanken gemacht, zwei, drei Tage lang. Jetzt ist es nur noch ein Tag, weil ich als Vater keine Zeit mehr habe (lacht).

Sind Sie denn der Lieblingsspieler Ihrer Jungs?

Der Ältere hat mich erst vor ein paar Wochen überrascht, weil er plötzlich wusste, wer Milot Rashica ist. Er ist richtig begeistert von ihm. Das kommt aus dem Kindergarten. Da gibt es für die Jungs gerade nur einen: Rashica! Rashica!

Im Moment ist er nur leider auch verletzt. Er wird am Samstag gegen Union Berlin wohl nicht spielen können und die Alte Försterei im Gegensatz zu Ihnen verpassen. Freuen Sie sich auf dieses Stadion mit drei Stehplatztribünen?

Ja, klar! Ich habe dort noch nie gespielt und freue mich auf die Atmosphäre. Es wird kein leichtes Spiel, das hat ja gerade erst Unions 3:1 gegen Dortmund gezeigt. Es ist gut, dass wir gegen Augsburg gewonnen haben. Jetzt können wir mit Selbstvertrauen und positiver Stimmung nach Berlin fahren. 

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