Taktische Analyse zu Werders Sieg in Leverkusen

Bayer-Blocker zwischen den Reihen

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Werder-Profi Jannik Vestergaard gewinnt das Kopfballduell.

Bremen – Von Michael Baltes. Werder Bremen sorgt im DFB-Pokal weiter für Furore. Durch den 3:1-Sieg bei Bayer Leverkusen haben die Grün-Weißen zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder das Halbfinale erreicht. Ausschlaggebend für den Erfolg: Eine starke Mannschaftsleistung gepaart mit einer perfekten taktischen Ausrichtung. Eine Analyse.

„Das ist Wahnsinn für uns“, brachte es Werders Chefcoach Viktor Skripnik auf der Pressekonferenz nach dem Sieg in Leverkusen auf den Punkt, um anzufügen: „Wir können Fußball spielen, es muss aber alles passen – heute hat alles gepasst.“ In der Tat hatte an diesem Dienstagabend aus Bremer Sicht alles gestimmt. Mit einer geschlossen starken Mannschaftsleistung wurde der Favorit aus Leverkusen niedergerungen. Skripnik hatte dabei mit einem flexiblen 4:1:4:1-Sytem das perfekte taktische Mittel gegen einen spielerisch überlegenen Gegner gefunden. Bayer (4:4:2-System) gelang es so gut wie gar nicht, sein gefährliches Kombinationsspiel aufzuziehen.

Besonders überrascht hatte Skripnik mit dem Schachzug, Jannik Vestergaard aus der Innenverteidigung zu nehmen und den Dänen zwischen die beiden Viererketten zu stellen. Ein Schachzug, der wohl aus der Not heraus geboren wurde. Denn mit Philipp Bargfrede, Zlatko Junuzovic und Sambou Yatabare fehlten Skripnik gleich drei mögliche Sechser. Vestergaard hat die Position bisher nur einige Male bei Hoffenheim gespielt – bei Werder allerdings noch nie. Zunächst war dem 23-Jährigen die ungewohnte Rolle deutlich anzumerken. Mit zunehmender Spieldauer wurde er aber immer sicherer und so zu einem wichtigen Baustein des Bremer Erfolgs. Gerade in der Arbeit gegen den Ball.

„Ich war praktisch ein Extra-Verteidiger. So wollen wir die Mitte dicht halten. Es ist gut gelungen“, erklärte Vestergaard nach dem Spiel. Der Däne agierte dabei äußerst flexibel und war nicht nur zwischen den Ketten zu finden. Mal ließ er sich in die Abwehrreihe um Santiago Garcia, Papy Djilobodji, Alejandro Galvez und Theodor Gebre Selassie fallen, was zu einem Bremer 5:4:1-System gegen den Ball führte. Mal rückte er in die Mittelfeldkette vor, um die Position von Florian Grillitsch einzunehmen, während dieser offensiv neben Claudio Pizarro gegen Leverkusens Aufbauspiel presste. Werder verteidigte entsprechend variabel im 5:4:1-, im 4:1:4:1- oder sehr hoch im 4:4:2-System.

Die Noten: Der Vestergaard-Trick hat funktioniert

Zwischen den beiden Ketten ließen die Grün-Weißen in der Regel nicht viel mehr als zehn Meter Raum. Dieses kompakte Auftreten ermöglichte dem Skripnik-Team Bayers Kurzpasskombinationsspiel die Gefahr zu nehmen. Die Passwege der Gastgeber wurden geschickt zugestellt und in Ballnähe Überzahlsituationen geschaffen. Auch das Umschalten nach Ballverlust funktionierte gut – innerhalb weniger Sekunden fanden die Grün-Weißen in ihre defensive Grundordnung. Einzig vor dem Elfmeter zum 1:0 wurden die Bremer in einer Umschaltphase kalt erwischt. Einen Fehlpass von Levin Öztunali im Aufbauspiel nutzten die Leverkusener, um mit einem einzigen Pass in den freien Raum die gesamte Abwehr auszuhebeln. Die Lücke, in die Stefan Kießling stieß, war entstanden, weil sich Gebre Selassie im Moment von Öztunalis Fehlpass in der Vorwärtsbewegung befand und so seine rechte Abwehrseite öffnete.

In der zweiten Halbzeit versuchte es Bayer vermehrt, mit langen Ballverlagerungen die Ketten der Bremer auszuhebeln. Ein schwieriges Unterfangen, zumal die Leverkusener nach der Roten Karte gegen Wendell in Unterzahl agierten. Die langen Ballverlagerungen brachten Werder aber auch nicht in Verlegenheit. Die Grün-Weißen verteidigten robust und setzten zwischen den Ketten kleinere taktische Fouls – allerdings meist in ausreichender Distanz zum Tor, so dass Bayers Freistoßspezialisten nicht zum Zug kamen (Ausnahme Hakan Calhanoglu in der Nachspielzeit).

Pizarro im Bremer Angriffsspiel ungemein wichtig

Lediglich über Bremens linke Abwehrseite konnte Leverkusen aus dem Spiel heraus für etwas Gefahr sorgen. Garcia hatte dabei einige Male das Nachsehen gegen den schnellen Karim Bellarabi, der von Kevin Kampl gut eingesetzt wurde. Auch Leon Guwara, der den gelb-rot gefährdeten Garcia ab der 74. Minute ersetzte, hatte auf dieser Position so seine Mühe. Bayers einzige Chance auf den möglichen 2:2-Ausgleich entstand eben genau über diese Seite. Guwara war in der 80. Minute weit herausgerückt, Bellarabi erkannte die Situation, passte auf Kießling, der den Ball zu Kampl weiterleitete. Kampl kam im Strafraum aus spitzem Winkel frei zum Abschluss, scheiterte aber am gut reagierenden Werder-Keeper Felix Wiedwald.

Neben einer starken Leistung in der Defensive, konnte Werder in Leverkusen auch in der Offensive überzeugen. Auch hier hatte Skripnik überrascht. Statt Anthony Ujah (möglicherweise noch angeschlagen) spielte Pizarro von Beginn an als einzige Spitze. Der Peruaner ist zwar nicht mehr der schnellste, technisch aber wohl Werders stärkster Profi – und damit im Angriffsspiel ungemein wichtig. Mit geschickten Pässen auf die Flügel eröffnete der 37-Jährige neue Spielsituationen, glänzte als Ballbehaupter und im Torabschluss. Auch im Gegenpressing hatte Pizarro starke Szenen. Vor dem Elfmeter zum 2:1, den er selbst verwandelte, hatte der Stürmer nach einem Ballverlust von Fin Bartels den Ball auf dem linken Flügel im Zweikampf mit Bayers Jonathan Tah direkt zurückgewonnen gegen drei Leverkusener verteidigt und damit den entscheidenden Spielzug eingeleitet.

Garcia, Pizarro und Grillitsch lassen Werder jubeln

Ein Spielzug, der kaum hätte schöner sein können. Grillitsch legte den Ball auf Öztunali, der das Spielgerät perfekt in den gegnerischen Strafraum in den Lauf von Bartels weiterleitete. Wendell wusste sich nur noch mit einer Notbremse zu helfen. Der Rest ist bekannt. Die Bremer präsentierten sich im Angriffsspiel variabel und kombinationsfreudig – auch bei Standards. So resultierte der Treffer zum 1:1-Ausgleich aus einer offensichtlich einstudierten Variante, die Garcia sehenswert vollendete. Die größte Gefahr aus dem Spiel heraus erzeugten die Gäste aber über die beiden schnellen Außenspieler Bartels und Öztunali. In der zweiten Halbzeit wurden vielversprechende Kontermöglichkeiten über die Flügel allerdings leichtfertig vergeben, bevor kurz vor Schluss letztlich doch ein Konter bis zum Ende ausgespielt und mit dem 3:1 gekrönt wurde – wenn auch aus Abseitsposition.

Insgesamt gesehen, hat es Werder geschafft, Bayer an diesem Abend fast komplett aus dem Spiel zu nehmen und den Gastgebern die Spielfreude zu rauben. Bei den Leverkusenern waren schon Mitte der zweiten Halbzeit deutliche Anzeichen von Resignation zu erkennen. Ömer Toprak winkte frustriert ab, Calhanoglu ließ sich zu einem üblen Frustfoul an Fritz hinreißen und auch Chicharito wirkte mit zunehmender Spieldauer immer genervter.

Warum Werder die gezeigte Leistung nicht auch regelmäßig in der Bundesliga abrufen kann – das bleibt die große Frage. "In Leverkusen hat man nichts zu verlieren, das ist anders als im Abstiegskampf, das ist ein positiver Druck, den man hat", versucht Werders Sportchef Thomas Eichin die Diskrepanz zu erklären.

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