Taktikanalyse zum Spiel in Mönchengladbach

Vom Bremer Potenzial und seiner Verschwendung

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Konfuse Aufstellung, konfuse Leistung: Werder spielte in Gladbach lange desolat und unterlag am Ende verdient mit 1:4.

Bremen - Von Cedric Voigt. Das vierte Pflichtspiel, die vierte Niederlage. Und was für eine: In der ersten Halbzeit nimmt Mönchengladbach die viel zu optimistische Bremer Manndeckung nach allen Regeln der Kunst auseinander. Den zweiten Durchgang entscheidet Werder dank eines Traumtores von Serge Gnabry für sich – unterm Strich bleiben von der Reise ins Rheinland jedoch null Punkte und die Trennung von Viktor Skripnik.

Mit Borussia Mönchengladbach wartete ein für deutsche Verhältnisse unorthodoxer Gegner auf die Elf von Viktor Skripnik: Die „Fohlen“ unter André Schubert gehören zu den raren Ausnahmen, die in der Regel mit einer Dreierkette agieren - so auch gegen Bremen. Davor patrouillierten am Samstag der vielseitige, oft auch aufrückende Christoph Kramer und Andreas Christensen, ein gelernter Innenverteidiger. Diese fünf Defensivspezialisten bildeten die stabile Basis des Gladbacher Spiels. 

Bei eigenem Ballbesitz positionierten sich die Mittelfeldspieler so, dass sich etliche Passdreiecke zwischen ihnen und den durchweg aufbaustarken Verteidigern ergaben, die sich den Ball so lange zuspielen konnten, bis sich einer des beweglichen Offensivtrios - bestehend aus Raffael, Lars Stindl oder Thorgan Hazard - freigelaufen hatte. Von diesen technisch starken Akteuren oder auch direkt mit einem langem Ball auf die Seiten wurden die schnellen Flügelspieler Ibrahima Traore und Fabian Johnson eingesetzt, die mit Sprints in die Tiefe versuchten, in den Rücken der Bremer Abwehr zu gelangen.

Diese Spielidee der Gladbacher war zuletzt zweimal ausgehebelt worden: Einmal vom SC Freiburg in der Bundesliga, einmal von Manchester City in der Champions League. Beide Male konnten die Gladbacher von einem starken kollektiven Pressing früh eingeschränkt und ihre bevorzugte Spieleröffnung zunichte gemacht werden. Einen ähnlichen Plan wird sich auch Viktor Skripnik überlegt haben, als er eine Mannschaft auf das Feld schickte, die in dieser Form wohl nie wieder zusammen spielen wird: Pressingmotor Zlatko Junuzovic wurde aus dem offensiven Mittelfeld in die Sturmspitze versetzt, Florian Grillitsch rückte ins offensive Mittelfeld auf. Seinen Platz im defensiven Mittelfeld übernahm wiederum Neuzugang Robert Bauer, während sich mit Ulisses Garcia der vierte Linksverteidiger im vierten Pflichtspiel in der Startelf wiederfand. Sambou Yatabaré kehrte für Fin Bartels zurück auf die rechte Angriffsseite, Fallou Diagne vertrat den verletzten Luca Caldirola und Jaroslav Drobny hütete überraschend für Felix Wiedwald den Kasten der Bremer.

Hazard und Raffael schocken Werder

Nach fünf dominanten Anfangsminuten der Gladbacher begann der SV Werder zusehends, mehr Risiko zu gehen und seinen Matchplan in die Tat umzusetzen: Unterstützt von den beiden Flügelstürmern bemühte sich Junuzovic in der höchsten Pressinglinie, die Gladbacher Dreierkette früh zu Fehlern zu zwingen. Die gesamte Bremer Mannschaft verteidigte hoch und mutig – wobei die Grenze zwischen Mut und Torheit wohl fließend ist, wenn die Umsetzung eines solchen Planes nicht gelingt. Im Fall der Bremer war sie nah an der Katastrophe: Dem Team war deutlich anzumerken, dass es mit dieser Spielweise nicht vertraut ist. Grillitsch und Fritz rückten aus dem offensiven Mittelfeld zu inkonsequent nach, die Intensität des Bremer Pressings war bestenfalls mittelmäßig und nach Überspielen der ersten Pressinglinie fanden die Gladbacher enorme offene Räume vor, die sie gerade in der ersten halben Stunde zu einer Vielzahl hochkarätiger Chancen nutzen.

Vollends ins offene Messer liefen die Bremer allerdings vor allem mit der Entscheidung, das hohe Verteidigen mit einer strikten Manndeckung zu kombinieren. Die Gladbacher Offensivspieler sind teils für ihr enormes Tempo, teils für ihre ausweichenden Läufe auf die Flügel und ihre Beweglichkeit bekannt. Solche Spielertypen erfolgreich mannorientiert zu verteidigen ist eine Herkulesaufgabe, der die Bremer zu keinem Zeitpunkt in der ersten Hälfte gewachsen waren. Exemplarisch hierfür steht das 2:0: Nach einem langen Ball von Ex-Bremer Jannik Vestergaard tief aus der eigenen Hälfte über den Kopf von Fallou Diagne kann Thorgan Hazard alleine auf Drobny zulaufen und kann in Ruhe einschieben. Natürlich war das ein grober Patzer des Senegalesen – schon 50 Meter vor dem eigenen Tor den Raum nicht mehr abzusichern und den Gladbachern ein 1-gegen-1-Laufduell zu ermöglichen ist letztlich jedoch auch ein Resultat unpassender Taktik.

Im 4-1-4-1 zeigte sich Werder deutlich verbessert

Etliche weitere Kombinationen individueller Aussetzer und einer unpassenden mannschaftlichen Ausrichtung führten dazu, dass Werder mit einem satten 0:4 in die Pause ging. Während Gladbach nach dem Wiederanpfiff Kräfte und Spieler schonte, konnten die Bremer zumindest leichten Mut schöpfen: Skripniks letzte taktische Anpassung für Werder war eine Rückkehr zum 4-1-4-1 der vergangenen Rückrunde mit Aron Johannsson als echtem Stürmer. In dieser Ausrichtung zeigte sich die Bremer Raumaufteilung einmal mehr deutlich verbessert. Der eingewechselte Niklas Moisander konnte zudem endlich nachweisen, dass sein Aufbauspiel das Bremer Mittelfeld langfristig entlasten könnte und auch Florian Grillitsch konnte als Solosechser in der zweiten Hälfte ein Stück weit an die guten Leistungen der Vorsaison anknüpfen.

Am vielversprechendsten zeigte sich derweil erneut das Zusammenspiel von Aron Johannsson als zurückfallendem und ausweichendem Stürmer und Serge Gnabry als einrückendem Flügelspieler. Nicht von ungefähr entstand der einzige Bremer Treffer dadurch, dass Gnabry einen technisch anspruchsvollen, gelupften Pass von Johannsson in den Rücken der Gladbacher Abwehr per Volley ins Netz donnerte. Eine schöne Szene ohne großen Wert für die Partie – dennoch zeigt sie exemplarisch, dass in diesem Bremer Kader Potenzial steckt, gerade im Spiel nach vorne. Der Nachfolger von Viktor Skripnik wird sich allerdings vor allem der Aufgabe stellen müssen, dem Team ein funktionierendes defensives Konzept zu vermitteln.

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