Taktikanalyse zum Spiel gegen RB Leipzig

Leipziger Pressing-Maschine beendet Werders kleine Serie

Die Taktik von Werder-Trainer Alexander Nouri ging gegen RB Leipzig nicht auf.
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Die Taktik von Werder-Trainer Alexander Nouri ging gegen RB Leipzig nicht auf.

Bremen - Von Cedric Voigt. Was gegen Leverkusen klappte, ging gegen Leipzig schief. Die Taktikanalyse schlüsselt auf, warum Werder verlor. Die Stichworte heißen Pressing und Gegenpressing.

Murmeltiertag für den SV Werder Bremen: Nach dem Heimspiel gegen Leverkusen folgte mit der Auswärtspartie gegen RB Leipzig eine weitere Begegnung gegen ein Team, dessen spielerischer Fingerabdruck eng mit dem aggressiven 4-2-2-2-Pressing aus der Red-Bull-Schmiede verknüpft ist. Während Roger Schmidt den eigenwilligen Spielstil vor gut zwei Jahren aus Salzburg mit nach Leverkusen brachte und mittlerweile in abgewandelter, moderater Form spielen lässt, setzt Ralph Hasenhüttel in Leipzig auf das radikalere Original. Aggressives Pressing und kompromissloses Gegenpressing setzten dem Team von Alexander Nouri massiv zu und führten anders als noch in der Vorwoche zu einer verdienten Niederlage nach zuvor drei ungeschlagenen Spielen.

Werder startete mit der selben Aufstellung wie noch gegen Bayer. Ousman Manneh sollte den Leipziger Aufbau als fleißiger Störenfried abwürgen, Serge Gnabry und Izet Hajrovic nach Ballgewinnen über die Flügel ihr Tempo ausspielen. Was gegen Leverkusen noch gelang, war diesmal deutlich weniger effektiv. Zunächst war da der Leipziger Aufbau: Mit kurzen Pässen in hoher Frequenz und viel Bewegung aus dem Mittelfeld konnte die höchste Bremer Pressinglinie schnell überspielt werden, die ballsicheren Naby Keita und Diego Demme im Zentrum die Kontrolle übernehmen und die aufrückenden Leipziger Außenverteidiger die Bremer Flügelstürmer mitziehen und defensiv tief in der eigenen Hälfte binden. So wurde aus dem 4-2-3-1 der Bremer gegen den Ball schnell ein 5-4-1 oder gar ein 6-3-1, wenn beide Außenstürmer die Viererkette in der Breite verstärkten.

Daraus ergaben sich diverse Wechselwirkungen: Einerseits konnte Werder so die komplette Spielfeldbreite ordentlich verteidigen und geriet auch während der gern genutzten Leipziger Überladungsangriffe, in denen die Offensivspieler kollektiv den linken oder rechten Halbraum besetzten, um mit schnellen Kombinationen durch die Abwehr zu kommen, nicht in Unterzahl. Die hohe Bremer Präsenz sorgte für eine grundsätzlich hohe Stabilität. Andererseits nahm die defensive Ausrichtung dem Bremer Konterspiel die Tiefe, nach Ballgewinnen fehlten meist die Anspielstationen in geeigneter Position. Das aggressive Leipziger Gegenpressing tat sein Übriges, frei nach der Devise „entweder Ballgewinn oder taktisches Foul“ wurden offensive Umschaltmomente der Bremer im Keim erstickt.

Starker Sane, schwacher Theo

Felix Wiedwald
Felix Wiedwald: Es begann so gut für den Keeper mit einer starken Parade gegen Poulsen. Am Ende waren es dann doch noch drei Gegentore. Zumindest beim 0:1 gibt es Gesprächsbedarf, da lässt er sich vielleicht etwas zu leicht vom allerdings sehr flinken Keita umkurven. Note 3,5 © nordphoto
Santiago Garcia
Santiago Garcia: Dieses Spiel wird der Linksverteidiger in schmerzhafter Erinnerung behalten. Bekam einige Leipziger Tritte ab, zwei sogar gegen den Kopf. Das lag allerdings auch an seiner eigenen wilden Spielweise. Hinten war das manchmal gefährlich, vorne meistens ungefährlich – für den Gegner. Note 3,5 © nordphoto
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Nicht so auffällig wie Sane, aber insgesamt ein zuverlässiger Innenverteidiger. Note 3 © dpa
Lamine Sane
Lamine Sane: Blieb im Leipziger Angriffswirbel fast immer ganz cool und gewann 79 Prozent seiner direkten Duelle. So spielt ein guter Abwehrchef. Note 2,5 © dpa
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Ging bei Keitas Solo zur Leipziger Führung viel zu früh runter. Gewann nur jeden dritten Zweikampf, das ist für einen Außenverteidiger eigentlich inakzeptabel. Eine gute Hereingabe, die gerade noch entschärft wurde, kann ihn da auch nicht mehr retten vor der Note 5. © dpa
Florian Grillitsch
Florian Grillitsch (bis 78.): Der Sechser klemmte sich immer wieder in die Viererkette oder gab im Spielaufbau sogar den Libero. Verlor zu viele wichtige Zweikämpfe in der gefährlichen Zone – wie vor den beiden ersten Gegentoren. Verletzte sich direkt vor dem 0:2 und musste deshalb runter. Note 5 © nordphoto
Serge Gnabry
Serge Gnabry: Sein großes Können blitzte diesmal zu selten auf – und dabei war er auch nicht gerade vom Glück verfolgt. So rutschte der linke Mittelfeldspieler bei einem vielversprechenden Konter aus. Immerhin drückte er die Kugel sicher zum Anschlusstreffer über die Linie. Note 3 © nordphoto
Zlatko Junuzovic
Zlatko Junuzovic: Erst war er gar nicht zu sehen, dann ein gemeiner Tunnel von Keita an ihm nicht zu übersehen. Rannte so viel wie kein anderer Bremer (fast zwölf Kilometer). Das war für die Defensive wichtig, für die Offensive brachte es fast nichts. Note 4 © nordphoto
Clemens Fritz
Clemens Fritz (bis 70.): Guter Beginn mit einigen Balleroberungen. Der Kapitän war sichtlich bemüht, das Werder-Spiel nach vorne zu bringen. Doch das gelang ihm einfach nicht, er baute mehr und mehr ab. Note 4 © dpa
Izet Hajrovic
Izet Hajrovic (bis 62.): Ein toller Pass auf Gebre Selassie, der zu einer Großchance führte – das war es aber auch fast schon vom rechten Mittelfeldspieler. Immerhin etwas zweikampfstärker als sonst. Note 4,5 © nordphoto
Ousman Manneh
Ousman Manneh: Das war nicht sein Spiel. Der 19-Jährige offenbarte einige technische Schwächen. Die konnte er diesmal auch nicht durch seinen großen Fleiß vergessen machen. Immerhin: Sein Pass nach gutem Durchsetzungsvermögen leitete den Anschlusstreffer ein. Note 4,5 © nordphoto
Aron Johannsson
Aron Johannsson (ab 70.): Kam als zweite Spitze, holte sich aber viele Bälle lieber selbst aus dem Mittelfeld, um vorne nicht zu verhungern. Gebracht hat es ihm und der Mannschaft allerdings nichts. Note - © nordphoto
Fin Bartels
Fin Bartels (ab 62.): Gleich zweimal Tor-Vorbereiter – leider auf beiden Seiten. Sein Pass auf Grillitsch war vor dem Strafraum alles andere als ideal und brachte den Kollegen gehörig in die Bredouille. Diesen Fehler machte Bartels aber sofort mit der feinen Vorlage zum Gnabry-Tor wieder wett. Ansonsten ging auch für ihn nicht viel nach vorne. Note - © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic (ab 78.): Nach zwei Spielen auf der Bank wurde der Serbe diesmal als Sechser für den verletzten Grillitsch gebraucht. Blieb unauffällig. Note - © Mediengruppe Kreiszeitung / nordphoto

Entlastung gab es nur vereinzelt und unvollendet, bevorzugt über Serge Gnabry, der mit Tempo und Dribbling-Fähigkeiten auch ohne Anspielstationen bisweilen ein paar Leipziger überspielen konnte. Beeindruckender fiel jedoch noch das Dribbling Naby Keitas in der 42. Minute aus: Das vielseitig begabte Talent aus Guinea hatte gegen Ende der ersten Halbzeit entdeckt, dass das Bremer Mittelfeldzentrum aus Zlatko Junuzovic, Clemens Fritz und Florian Grillitsch nur sehr zaghaft den Zugriff auf die zentralen Mittelfeldspieler der Leipziger suchte. Nachdem der erste Versuch wenige Minuten zuvor noch rechtzeitig unterbunden wurde, konnte Keita fast vom Mittelkreis aus startend mit Tempo, Technik und etwas Glück eine Reihe Bremer düpieren, um - statt auf die doppelt gesicherten Außen zu spielen - zentral durchzubrechen und an Felix Wiedwald vorbei zum 1:0 ins Netz zu schieben.

Zur Pause schien Alexander Nouri einige Details neu zu justieren. Zwar änderte sich personell zunächst nichts, allerdings baute Werder zu Beginn der zweiten Hälfte ähnlich wie nach dem Seitenwechsel gegen Darmstadt stärker aus einer Dreierkette auf, in die sich Florian Grillitsch halblinks oder zentral als zusätzliche Anspielstation einreihte. Die Leipziger reagierten darauf mit einem Pressing aus dem 4-3-3 heraus, zu dem sich das nominelle 4-2-2-2 verschob. Dabei rückte in der Regel Emil Forsberg auf eine Höhe mit Yussuf Poulsen und Timo Werner, um sich an der Bremer Aufbaureihe zu orientieren, die Passwege ins Zentrum zuzustellen und situativ auf den Ballführenden zu pressen. Oft blieb nur der Rückpass zu Felix Wiedwald und der lange Ball nach vorne.

Unterm Strich eine hochverdiente Niederlage

Damit fanden die Leipziger grundsätzlich ein gutes Mittel gegen diese Aufbauvariante, das leicht erhöhte Bremer Risiko beim Aufrücken im Ballbesitz und beim Herausrücken der Achter Fritz und Junuzovic im Pressing führte in Halbzeit zwei dennoch zu einer offeneren Partie, in der auch Werder vereinzelt zu Tormöglichkeiten kam. Tonangebend blieben jedoch die Hausherren. Noch hektischer wurde der Spielrhythmus nach der Herausnahme von Kapitän Clemens Fritz für Aron Johannsson: Mit dem US-Nationalspieler auf dem Feld agierte Werder nun mehr in einem 4-1-3-2 und büßte etwas Stabilität im defensiven Mittelfeld ein. Fast postwendend fiel das zweite Leipziger Tor nach einem Ballgewinn im Gegenpressing. Quasi im Gegenzug konnte Serge Gnabry auf 1:2 aus Bremer Sicht verkürzen, nachdem Ousman Manneh im Zuge eines unverhofften Gegenstoßes Fin Bartels freispielen und dieser Gnabry mustergültig bedienen konnte. 

Der Auftakt zu einer Schlussoffensive war dieser Anschlusstreffer jedoch nicht, weiterhin beherrschte Leipzig den Ball und verlagerte das Spiel oft in die Bremer Hälfte, während den Gegenangriffen der Bremer meist die Präzision im Passspiel abging und zu sehr auf individuelle Aktionen statt herausgespielte Angriffe gesetzt wurde - und ob des starken Spiels der Gastgeber gegen den Ball womöglich auch gesetzt werden musste. Das 3:1 durch Ex-Bremer Davie Selke fiel dann schließlich in ein leeres Bremer Tor, nachdem der sonst gute Felix Wiedwald in der Nachspielzeit in einem nicht ganz durchdachten Akt der Verzweiflung für einen Freistoß mit aufgerückt war.

Unterm Strich eine hochverdiente Niederlage gegen den neuen Tabellenzweiten - allerdings keine, die das Selbstvertrauen der Bremer vor der kommenden Partie gegen den SC Freiburg angreifen sollte. Wenige Mannschaften in der Bundesliga verfügen derzeit über eine ähnliche Kombination aus Talent und taktischer Klarheit wie der neureiche Aufsteiger aus Leipzig. Gerade offensiv dürfte sich das Team von Alexander Nouri für den kommenden Samstag mehr Aktionen ausrechnen.

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