Taktikanalyse zu Werders 1:2 gegen Augsburg

Defensive Organisation und Standards schlagen Bremer Stückwerk

+
Frustrierte Bremer nach dem Abpfiff - Werder bleibt auch nach dem dritten Saisonspiel sieglos.

Bremen - Von Cedric Voigt. Es sollte eigentlich ein zweiter Saisonstart werden: Vor heimischer Kulisse wollte Werder mit einem Erfolg gegen den FC Augsburg neues Selbstvertrauen tanken und die Zweifel vieler enttäuschter Fans zerstreuen. Das ist gründlich misslungen: Trotz vereinzelter Ansätze machten die Bremer die Gäste mit Fehlern besonders in der Zentrale stark, zwei Standards führten letztlich zur verdienten Niederlage.

16 Tage nach dem 0:6-Debakel bei den Bayern und mit einiger personeller Rotation ging der SV Werder Bremen gegen den bis dahin ebenfalls noch punkt- und torlosen FC Augsburg in die Partei. Viktor Skripnik vertraute dabei auf eine offensive 4-2-3-1-Grundordung, in der Neuzugang Serge Gnabry als neuer offensiver Hoffnungsträger im linken Mittelfeld debütierte. Hinter ihm sicherte mit Robert Bauer der zweite Bremer Olympiateilnehmer die linke Abwehrseite, seinen Platz im Mittelfeld nahm der wiedergenesene Zlatko Junuzovic ein, der trotz einzelner 4-1-4-1-Staffelungen in der Regel der am höchsten postierte Mittelfeldspieler und nominelle „Zehner“ war.

Die muntere Startelfrochade komplettierten Luca Caldirola, für Fallou Diagne in die Innenverteidigung gerückt, und Fin Bartels, der den rechten Flügel von Sambou Yatabare übernahm. Skripnik entschied sich also im Zweifel für die offensivstärkeren Alternativen bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf die Stärken der Vorsaison: Umschaltstarke Zentrumsspieler, schnelle Außen und ein ausweichender Stürmer sollten gegen den FCA für Durchschlagskraft sorgen. Ein Problem dabei: Dieses Rezept war im Vorjahr besonders gegen Mannschaften erfolgreich gewesen, die selbst das Spiel machen wollten – gegen risikolos aufbauende und aufrückende, defensiv kompakte Gegner fehlte oft das Überraschungsmoment, dazu die Ballsicherheit und Kreativität aus dem Zentrum. Augsburgs Neu-Trainer Dirk Schuster fällt mit seiner Mannschaft unter diese Kategorie Gegner.

Auch, wenn Werder in der Anfangsviertelstunde das Mittelfeld spielerisch noch recht ordentlich mit einfachen Kombinationen über die Flügel überbrücken konnte, kam man im Angriffsdrittel dann zu selten dazu, die Angriffe zu Ende zu spielen. Am gefährlichsten wurden die Bremer in der Regel, wenn Aron Johannsson sich als zusätzliche Anspielstation auf den Flügel begab, wobei besonders der umtriebige und motivierte Gnabry von den geschaffenen Räumen profitieren und seine Dribblings anbringen konnte. Die gefährlichste daraus entstandene Chance vergab Bartels wenige Minuten vor der zwischenzeitlichen Bremer Führung.

Bei Gnabry blitzt Klasse auf – beim Rest nicht

Das Bremer Zentrum war derweil kein Gefahrenherd. Florian Grillitsch wurde im Aufbau gut zugestellt, wirkte noch nicht in Topform und beschränkte sich sonst meist auf seine defensiven Aufgaben, Konterspezialist Junuzovic tat sich gegen die defensiv gut gestaffelten Augsburger schwer und Kapitän Clemens Fritz traf am Ball zu häufig die falschen Entscheidungen, woraus einige leichte Ballverluste resultierten. Umgekehrt störte das im 4-4-2 ausgeführte Pressing der Bremer, in dem Johannsson wechselnd von den höher postierten Mittelfeldspielern unterstützt wurde, die Augsburger recht wenig: Sowohl das sich oft gut freilaufende Mittelfeldhirn Daniel Baier als auch die Innenverteidiger wussten im Zweifel oft den großgewachsenen Caiuby auf dem linken Flügel einzusetzen, der teils etwas zentraler einrückte und den Ball oft entweder direkt zu Stürmer Alfred Finnbogason oder zum Koreaner Ja-cheol Koo weiterleitete.

Bremens Spielaufbau zu fehlerbehaftet

Letzterer bewegte sich gut zwischen der Bremer Mittelfeld- und Abwehrkette und konnte für Gefahr sorgen, wenn er den Ball in dieser gefährlichen Zone erhielt. So leitete der FCA auch in der 29. Minute die Großchance des diagonal einstartenden Finnbogason ein, nachdem die Bremer den Augsburger Spielaufbau zuvor zu passiv begleitet hatten. Allerdings spielten auch die Gäste im Angriff oft ohne die letzte Präzision, sodass zwingende Chancen auf beiden Seiten Mangelware blieben. Passenderweise besorgte ein überflüssiger Strafstoß und nicht etwa eine herausgespielte Chance die Bremer Pausenführung.

Die Geschichte der zweiten Halbzeit ist derweil schnell erzählt: Schuster ersetzte Rechtsaußen Raul Bobadilla durch den technisch beschlageneren, weniger ausrechenbaren Ji Dong-won, ließ sein Team nach dem Rückstand mutiger aufrücken und Werder früher unter Druck setzen. So schaffte es Schuster, dass die Augsburger im Angriffsdrittel präsenter wurden. Noch immer hatte das Spiel der Gäste etwas von Hauruck-Fußball, herausgespielte Chancen blieben rar, doch Werder gelang es nicht, sich aus dem Augsburger Druck spielerisch zu befreien und verlor vermehrt den Kampf um die zweiten Bälle. Zwei Standardsituationen drehten schließlich das Spiel zugunsten der Augsburger.

Ein bitteres, aber passendes Ende einer Partie, in der ein anfangs leicht verbessertes Werder gegen Ende immer weniger mithielt: Schuster machte schon Darmstadt zu einer Mannschaft mit überragenden Qualitäten nach ruhenden Bällen, während auch die Bremer Probleme nach gegnerischen Standards nicht neu sind. Skripniks Umstellungen gegen Ende der Partie kamen schließlich kaum noch zum Tragen, zu fehlerbehaftet war Werders Spielaufbau, in dem auch die Innenverteidiger trotz defensiv solider Leistung noch nicht an die Qualität und Selbstsicherheit des abgewanderten Jannik Vestergaard heranreichten. Die späte Umstellung auf eine Dreierkette schien die Bremer Verteidiger diesbezüglich nur noch mehr zu verunsichern.

Gouweleeuw und Stafylidis schocken Bremen

Lesen Sie auch

Skripnik: „Wir haben alles unter Kontrolle“

Ohne Power und Punkte – aber weiter mit Skripnik

Kommentar: Schnell die Treue prüfen

Mehr zum Thema:

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Verden: Tanz macht Schule 

Verden: Tanz macht Schule 

Meistgelesene Artikel

Die Aufstellung: So könnte Werder gegen Hertha BSC spielen

Die Aufstellung: So könnte Werder gegen Hertha BSC spielen

Claudio Pizarro: Erstes Saison-Tor beim Debüt-Gegner?

Claudio Pizarro: Erstes Saison-Tor beim Debüt-Gegner?

Werder taucht bei "Football Leaks" auf: Zahlung ins Steuerparadies

Werder taucht bei "Football Leaks" auf: Zahlung ins Steuerparadies

Süßes vom Nikolaus auch für große Werder-Kicker

Süßes vom Nikolaus auch für große Werder-Kicker

Kommentare