Taktikanalyse

Mainzer Kraft und Tempo ruinieren Nouris Premiere

+
Werders Interimscoach Alexander Nouri

Bremen - Von Cedric Voigt. Eine gute halbe Startelf gesperrt oder verletzt, Tabellenletzter nach drei Spieltagen und nur zwei Tage Zeit, aus einer verunsicherten Mannschaft eine Siegertruppe zu machen: Die Aufgabe, der sich Interimscoach Alexander Nouri vor der Partie gegen den FSV Mainz 05 stellen musste, wirkte fast schon unfair.

Für ein komplett neues, ausgeklügeltes System fehlte die Zeit, für eine dominante Vorstellung vor heimischer Kulisse die Qualität, gerade mit der B-Elf. Eine mutige Mischung aus unkonventionellen Personalentscheidungen und einem der Mannschaft vertrauten taktischen Gerüst sollte den ersten Dreier der Saison bringen – gegen die Wucht und Geschwindigkeit weitestgehend unkreativer Mainzer brach der Widerstand dann kurz vor Schluss.

Dabei hatte alles so gut angefangen: In der Anfangsviertelstunde spielten die Bremer fast wie entfesselt. Alexander Nouri hatte das vertraute 4-2-3-1/4-1-4-1-Mischsystem aufgeboten, dessen interessanteste Personalien zentral im Sturm und auf der Rechtsaußenposition zu finden waren: Als Mittelstürmer feierte der großgewachsene Ousman Manneh sein Bundesligadebüt, rechts stand der unter Skripnik wenig geschätzte Izet Hajrovic in der Startelf. Während Manneh viel unterwegs war, allerdings noch Defizite im Zusammenspiel und der Ballbehandlung offenbarte, gelang Hajrovic, der wie Serge Gnabry auf dem gegenüberliegenden Flügel bevorzugt von der Seite in die Mitte zieht und mit seinem starken Fuß abschließt, auf ebendiese Weise mit einem sehenswerten Distanzschuss die frühe Führung für Werder. Bis dahin waren die Bremer zudem die überlegene Mannschaft gewesen.

Während die tief in der Mainzer Hälfte stattfindende Ballzirkulation über die Innenverteidiger und den stark involvierten Fabian Frei seitens der Bremer noch geduldet wurde, formierte sich eine aufmerksame und reaktionsschnelle Fünferkette vor den vier Offensivspielern der Gäste, die keine großen Lücken ließ und die Mainzer Zuspiele zuverlässig abfing. Nach dem Ballverlust ging es dann schnell nach vorne, die zentralen Mittelfeldspieler Fritz, Junuzovic und Grillitsch unterstützten die Angriffe ihrer Mannschaft immer wieder, indem sie sich den Halbräumen zwischen Zentrum und Flügel mit anboten und im Falle eines Ballverlustes schnell ins Gegenpressing umschalteten. So konnte Werder dem Spiel in der Anfangsphase einen für die Mainzer Verteidiger sehr unangenehmen Rhythmus aufdrücken, ehe man sich nach der Führung durch Hajrovics Einzelaktion tiefer zurückfallen ließ und weniger Risiko ging.

Starker Moisander patzt plötzlich

Dabei tauschten bisweilen Linksaußen Gnabry und Manneh die Positionen, sodass Ex-Bremer Levin Öztunali auf der rechten Mainzer Außenbahn bei hohen Zuspielen einen größer gewachsenen Gegenspieler und Gnabry als durchsetzungsstärkster Bremer Angreifer einen kürzeren Weg zum Tor hatte. Insgesamt schaffte man es auch in der Regel, stabil zu stehen. Das Mainzer 4-2-3-1 ist zwar als gutes Pressingsystem mit einzelnen spielstarken und kreativen Akteuren bekannt, grundsätzlich mangelt es dem Team von Martin Schmidt allerdings bisweilen an einem Passgeber aus dem zentralen Mittelfeld, der das Offensivquartett richtig einsetzt. Frei bleibt im Aufbau oft eher tief, sein Nebenmann Daniel Brosinski ist eher laufstark als kreativ veranlagt. So konnten sich die Mainzer zwar im Laufe der ersten Hälfte eine Ballbesitzdominanz erspielen, die sie im zweiten Abschnitt festigten, allerdings kamen sie kaum zu Abschlüssen aus dem Spiel heraus, da der Initiator fehlte, der den Ball in die gefährlichen Zonen brachte.

Dazu zeigte sich die Bremer Raumaufteilung deutlich verbessert, was allerdings auch dem geringen Risiko nach der Führung zu verdanken war. Statt zu Chancen kamen die Mainzer, wenn sie sich schon auf den Flügeln festspielten, zu einer Vielzahl von Ecken. Diese konnten sie nicht produktiv nutzen, angesichts der jüngsten Bremer Unsicherheiten im Verteidigen von Standards war dies jedoch ein Spiel mit dem Feuer. Die größte Chance, selbst auf 2:0 zu stellen, ergab sich für Werder nach einer guten Stunde durch Torschütze Izet Hajrovic – der Bosnier vergab seine Konterchance jedoch ebenso wie zuvor der Mainzer John Cordoba sein 1-gegen-1 gegen Jaroslav Drobny nach erlaufenem Rückpass.

Malli und De Blasis schocken Werder

Bis zum Schluss wurde die Feldüberlegenheit der Gäste immer deutlicher, Chancen spielten sie sich jedoch weiterhin kaum heraus. Die Wechsel der Trainer – auf Seiten von Alexander Nouri mit Defensivspielern für Offensivspieler, bei Martin Schmidt das Gegenteil – festigten diese Pattsituation um den Bremer Strafraum. Erst fünf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit konnten die Mainzer ihre ineffiziente Dominanz in Tore ummünzen: Zielstürmer Jhon Cordoba konnte einen langen Ball gegen den bis dahin starken, aber für einen Innenverteidiger eher schmächtigen Niklas Moisander behaupten und auf Yunus Malli ablegen, der aus kurzer Distanz keine Probleme hatte, den Ausgleich zu erzielen.

Auch der Mainzer Siegtreffer in der Nachspielzeit fiel aus einem physischen Vorteil heraus: Der ohnehin pfeilschnelle und frisch eingewechselte Gerrit Holtmann konnte Gebre Selassie auf der rechten Bremer Abwehrseite einfach überlaufen. Dass der ebenfalls eingewechselte Pablo De Blasis in der Mitte am reaktionsschnellsten war und den Ball per Kopf über die Linie drückte, war dann nach 15 Minuten gutem Fußball und 75 Minuten ordentlicher Defensivarbeit auch Pech. Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass es den Grün-Weißen zum Schluss vor allem an Entlastung fehlte – am Ende gingen die Punkte an die Mannschaft, die mehr nachzulegen hatte.

Lesen Sie auch

Werder-K.o. in der Nachspielzeit

Nouri – am Ende tut’s gleich doppelt weh

Mehr zum Thema:

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Verden: Tanz macht Schule 

Verden: Tanz macht Schule 

Meistgelesene Artikel

Ein Bremer pfeift Werder

Ein Bremer pfeift Werder

Nouri kontert Petsos-Kritik

Nouri kontert Petsos-Kritik

„Das war die Wende“

„Das war die Wende“

Hertha BSC im Schnellcheck

Hertha BSC im Schnellcheck

Kommentare