Taktik-Analyse

Keine Tiefe, keine Torgefahr: Kohfeldts Taktik funktioniert nur in eine Richtung

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Werder-Coach Florian Kohfeldts Taktik ging gegen Bayer Leverkusens nicht auf.

Florian Kohfeldts taktischer Plan war unorthodox. Leider warf ein frühes Gegentor den gesamten Plan um. Leverkusen deckte in der Folge die offensiven Schwächen von Werder auf, wie unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher zeigt.

Manchmal sagt eine Statistik mehr als tausend Worte. Nur sechs Schüsse gab Werder beim 0:1 gegen Bayer Leverkusen ab – und das, nachdem man 80 Minuten lang einem Rückstand hinterhergelaufen ist. Zu einem großen Teil lag Werders lahme Offensivleistung an starken Leverkusenern, die leidenschaftlich und zugleich clever verteidigten. Einen kleinen Teil trug jedoch auch Florian Kohfeldts Taktik bei zu Bremens offensiver Ideenarmut.

Unorthodoxes Bremer System

Nach dem langfristigen Ausfall von Fin Bartels (Achillessehnenriss) und dem kurzfristigen Bankplatz für Zlatko Junuzovic (muskuläre Beschwerden) musste Kohfeldt umdenken. Er schickte eine Elf auf das Feld, die äußerst stark auf das Zentrum ausgerichtet war. Vor einer Fünferkette agierten vier zentral ausgerichtete Mittelfeldspieler.

Dies hatte eine unorthodoxe Formation zur Folge: Bremen spielte mit einer Raute vor einer Fünferkette – ein Anblick, den man in der Bundesliga praktisch nie sieht. Diese Formation ist naturgemäß bestens geeignet, die Räume im Zentrum zu schließen. Hier gibt es gegen die acht zentralen Spieler (drei Verteidiger plus vier Mittelfeldspieler plus Stürmer) kein Durchkommen.

Bremen nutzte die Formation folglich, um Leverkusen den Weg durch das Zentrum zu versperren. Leverkusens Doppelsechs wurde konsequent zugestellt, die nach innen ziehenden Außenstürmer ebenfalls gedeckt.

Simple Leverkusener Angriffe bringen Erfolg

Blöd nur, dass Leverkusen gar nicht versuchte, in diese Räume zu gelangen. Bayer stellte sich im 5-2-3 auf, wobei die Außenverteidiger äußerst offensiv agierten. Gerade Leon Bailey auf links rückte weit nach vorne. Das erlaubte Kevin Volland und Karim Bellarabi zentraler zu agieren, wo sie allerdings hinter Bremens massiver Wand verschwanden.

Statt zu versuchen, sich durch Bremens Block zu kombinieren, spielte Leverkusen sehr simple lange Bälle den Flügel entlang. Häufig eröffnete der Halbverteidiger mit einem langen Ball auf den nach vorne gestarteten Außenverteidiger. Diese Bälle sind an und für sich recht leicht zu verteidigen: Das verteidigende Team muss nicht verschieben, da man bereits auf der Seite steht; man muss nur das direkte Duell gegen den Außenverteidiger gewinnen.

Daran hakte es bei Werder allerdings. Leverkusen kam mit dem Kniff zwei, drei Mal durch. Theodor Gebre Selassie stand aufgrund der stark auf das Zentrum fokussierten Formation häufig allein gegen Bailey, der Jamaikaner düpierte Selassie in den entscheidenden Situationen. Das genügte, um Leverkusen die frühe Führung zu bescheren (11.).

Offensive Probleme nach dem frühen Rückstand

Das Tor zerstörte Werders Matchplan. Ihre Formation war eher defensiv ausgelegt, Tore sollten über schnelle Konter erzielt werden. Dies war in der Phase danach spürbar, als Leverkusen sich etwas zurückzog und Bremen den Ball überließ. Leverkusen störte die Bremer früh im 3-4-3, Bellarabi und Volland gingen immer wieder in das Pressing gegen Bremens Halbverteidiger Niklas Moisander und Milos Veljkovic.

Das Leverkusens Pressing, mit dessen Hilfe sie hohen Druck auf Bremens Abwehrkette ausübten.

Bremen fand gegen das gut organisierte Pressing der Leverkusener selten eine Lösung. Ihr großes Problem war, dass sie ein Überangebot im Mittelfeld hatten, aber unterrepräsentiert waren in der vordersten Linie. Da sich auch Max Kruse häufig fallenließ, fehlte ein Spieler, der hinter die Abwehr lief – eine Rolle, die normalerweise Bartels und Junuzovic einnehmen. Ein Aufbauspiel durch das Zentrum unterband Leverkusen, ein direktes Spiel in die Spitze war mangels Zielspieler nicht möglich.

Das Fehlen seines verletzten Kumpels Bartels war Max Kruse schon anzumerken, fand nur selten den passenden Adressaten für seine Ideen.

In der Folge versuchte Bremen, durch Positionswechsel Leverkusen durcheinanderzuwirbeln. Die Mittelfeld-Akteure tauschten ständig die Positionen und tauchten häufig gemeinsam auf einer Seite auf. Besonders auf der rechten Seite versuchte Werder, hinter den aufgerückten Bailey zu gelangen. Ohne Erfolg: Leverkusen bewegte sich ständig zum Ball, konterte die Bremer Überzahlen sofort. Ihr Defensivspiel war makellos. Das nagte an Bremens Nerven. Die Zahl der Fehlpässe im Mittelfeld häufte sich. Chancen hatten vor der Pause eher die Leverkusener, die nach Ballgewinnen schnell umschalteten.

Systemwechsel behebt die Probleme nicht

Nach der Pause veränderte sich die Statik des Spiels kaum. Bremen kam nur selten ins Mittelfeld, und wenn ihnen das gelang, fehlten wiederum die Anspielstationen in der Spitze. Daran änderte auch der Systemwechsel wenig, den Kohfeldt nach einer Stunde vornahm: Der angeschlagene Junuzovic kam für Sane ins Spiel, er übernahm die Zehner-Position. Kohfeldt löste damit die Viererkette und ließ mit einer Raute spielen.

Lamine Sane verpasste ungeschickt die Hereingabe von Bailey und schenkte Alario das 1:0. Es wurde nicht besser.

Ishak Belfodil (70., für Florian Kainz) übernahm kurze Zeit später die zweite Stürmer-Position. Die Devise lautete, hohe Bälle in den Strafraum zu schlagen. Heiko Herrlich reagierte jedoch schnell, stellte sein Team auf ein 5-4-1-Bollwerk um mit hoher Präsenz im eigenen Strafraum. Bremen blieb bis in die Schlussphase harmlos. Sie rückten immer weiter nach vorne, doch außer Flanken und hohen Bällen fanden sie keinen Weg in den Strafraum. Leverkusen blieb cool und konterte über die linke Seite. Der eingewechselte Julian Brandt setzte zweimal Bellarabi in Szene, der vergab jedoch freistehend.

Für Kohfeldt ist die Niederlage der erste Rückschlag. Bremen kann geltend machen, dass sie gegen einen starken Gegner antraten. Doch es fehlte auch die zündende Idee, wie man das Leverkusener Bollwerk hätte knacken können.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Einzelkritik: Nur Pavlenka in guter Form

Jiri Pavlenka
Jiri Pavlenka: Ohne Chance beim frühen Gegentor, da hatte ihm Sane übel mitgespielt. Kurz darauf machte ihm Gebre Selassie das Leben schwer. Aber der Keeper blieb ruhig und verhinderte am Ende eine höhere Niederlage. Note 2 © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic: Sehr passiv als rechter Innenverteidiger, hätte auch beim 0:1 durchaus mehr eingreifen können. Tat auch wenig für den Spielaufbau. Note 4 © nordphoto
Lamine Sane
Lamine Sane (bis 61.): Nach Erkältungspause gegen Dortmund zurück im Team und überhaupt noch nicht wieder auf der Höhe. Verpasste ungeschickt die Hereingabe von Bailey und schenkte Alario das 1:0. Es wurde nicht besser. Nach einem ungestümen Einsteigen gegen Volland sah er Gelb und kurz danach für sein sehr hohes Bein gegen Bailey fast Gelb-Rot (60.). Deshalb musste Sane schnell runter. Note 5 © nordphoto
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Das war ein ganz anderer Finne als sonst – alles andere als cool. Drei schlimme Ballverluste allein in Halbzeit eins, die zum Glück folgenlos blieben. Stabilisierte sich immerhin nach der Pause. Note 4 © nordphoto
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Der Tscheche dürfte noch häufiger von Bailey träumen – und zwar schlecht. Der Jamaikaner lief ihm immer wieder weg, wie vor dem 0:1. Aber Gebre Selassie bekam auch kaum Unterstützung. Verhinderte aber auch einmal gegen Bailey das 0:2 (71.). Note 5 © nordphoto
Ludwig Augustinsson
Ludwig Augustinsson: Hatte ebenfalls einen schwierigen Stand – in seinem Fall gegen Bellarabi. Sah dabei aber nicht so schlecht aus wie Gebre Selassie. Nach vorne bemüht, aber praktisch wirkungslos. Note 4 © nordphoto
Thomas Delaney
Thomas Delaney: Als Sechser um Ordnung und Stabilität bemüht, aber zunächst nicht so zweikampfstark wie zuletzt. Rückte in Hälfte zwei ins rechte Mittelfeld, später wieder zurück auf die Sechs. Bis auf Kampf kam da nicht so viel vom Dänen. Note 4 © nordphoto
Ole Käuper
Ole Käuper (bis 74.): Der 20-Jährige begann seine Bundesliga-Premiere etwas nervös. Und als er sich ein bisschen eingelebt hatte, bekam er erst mal von Baumgartlinger eine Hand ins Gesicht verpasst. Konnte im rechten Mittelfeld zwar nur wenige Akzente setzen, hätte Gebre Selassie auch noch mehr gegen Bailey unterstützen können, aber immerhin war seine Fehlerquote für ein Debüt okay. Wechselte nach der Pause auf die Sechs, machte es dort ordentlich. Note 4 © Gumz
Florian Kainz
Florian Kainz (70.): Der Bartels-Ersatz, der (noch) keiner ist. Im linken Mittelfeld zwar bemüht, aber praktisch ohne Durchschlagskraft. Eine gute Flanke vor der Pause, das war es. Und nach hinten spekulierte er zu oft, verzichtete gerne mal auf den notwendigen Sprint. Note 5 © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein: Begann als Zehner, war aber alles andere als ein Spielmacher. Dafür kam er vor der Pause viel zu selten an den Ball – nur 13 Mal. Immerhin mit einer guten Kopfballchance (32.). Wechselte in Halbzeit zwei ins linke Mittelfeld, tat dort aber auch zu wenig für das Offensivspiel. Note 4,5 © Gumz
Max Kruse
Max Kruse: Das Fehlen seines verletzten Kumpels Bartels war ihm schon anzumerken, fand nur selten den passenden Adressaten für seine Ideen. Tat sich mit Ball allerdings auch selbst etwas schwer und baute immer mehr ab, da muss von einem Kapitän, Kruse vertrat den angeschlagenen Junuzovic, mehr kommen. Note 4,5 © nordphoto
Zlatko Junuzovic
Zlatko Junuzovic (ab 61.): Sollte trotz Wadenproblemen Schwung ins Bremer Spiel bringen und hatte immerhin eine gute Chance, wurde aber geblockt (86.). Note - © nordphoto (Archiv)
Ishak Belfodil
Ishak Belfodil (ab 70.): Der Stürmer war wirkungslos, bekam aber auch kaum Bälle. Note - © dpa
Izet Hajrovic
Izet Hajrovic (ab 74.): Konnte dem Spiel auch keine Wende mehr geben. Note - © nordphoto (Archiv)

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Quelle: DeichStube

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