Tagebuch aus Belek

Tag 8: Agenten in den Hotels - top secret hier in Boomtown Belek

Werder Bremen befindet sich seit Dienstag im Trainingslager in Belek. Die Kreiszeitung ist ebenfalls vor Ort, um über die Grün-Weißen zu berichten. In seinem Tagebuch findet Redakteur Carsten Sander ab sofort auch Platz für die ein oder andere Randgeschichte - Fußball ist schließlich nicht alles.

+++ Tag 8: Agenten in den Hotels - top secret hier in Boomtown Belek+++

Stefan Reuter, dem Weltmeister von 1990 und Manager des FC Augsburg, wäre ich beinahe auf den Fuß getreten. Was unhöflich gewesen wäre. Hans Meyer, Ex-Trainer und jetziges Präsidiumsmitglied bei Borussia Mönchengladbach, habe ich die Tür aufgehalten. Was höflich war. Martin Bader (1. FC Nürnberg), Thomas Meggle (FC St. Pauli) und Lorenz-Günther Köstner (derzeit vereinslos) waren auch da. Dazu noch etliche unbekannte Gesichter in Jacken bekannter Clubs. Hannover, Kaiserslautern, Karlsruhe und was weiß ich, wer noch alles gekommen war, um bei Werder gegen Gladbach gestern Nachmittag Erkenntnisse zu gewinnen. Wenn in diesen Wochen der Saisonvorbereitung irgendwo in der Region Belek ein Testspiel angepfiffen wird, kann man Vertretern anderer Vereine überhaupt nicht aus dem Weg gehen.

Es sind einfach zu viele. Allerdings im Vergleich zur Anzahl der Spielerberater, die aktuell in den Hotels der Clubs ein und aus gehen, dann doch eher wenige. Denn auch für die „Agenten“, wie Werder-Geschäftsführer Thomas Eichin sie gerne nennt, ist derzeit Hochkonjunktur. Um den Ansturm der Berater bewältigen zu können, hat Werder gleich drei Ansprechpartner mit nach Belek genommen. Neben Eichin noch die Sportdirektoren Rouven Schröder und Frank Baumann. Es gehört zu ihren Hauptaufgaben im Trainingslager, sich mit den Beratern über Spieler zu beraten. Wie geht‘s? Wie läuft‘s? Was muss anders werden? Wollt ihr verlängern oder nicht? Fragen, die Vis-a-vis diskutiert, mitunter sogar geklärt werden können, weil alle für ein paar Tage nicht hunderte, sondern nur wenige Kilometer voneinander entfernt wohnen. Eines wird aber nicht passieren: Dass man einem Spielerberater auf den Fuß tritt. Die Herren ziehen sich mit ihren Klienten in der Hotel-Lobby gerne in die letzte Ecke zurück. Um am besten gar nicht erst gesehen, geschweige denn gehört zu werden. Alles top secret hier in Boomtown Belek.

+++ Tag 7: Wo sind die Däninnen? -

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Wo sind eigentlich die Däninnen geblieben? Sie wollten doch kommen. Hatte jedenfalls eine dieser Wer-wohnt-wo-in-Belek-Seiten im Internet versprochen. Demnach wäre die dänische Fußball-Nationalmannschaft der Frauen zur gleichen Zeit im gleichen Hotel abgestiegen, wie wir, die Werder-Reporter. Und man kann absolut behaupten, dass das unter uns Kollegen ein Gesprächsthema war. Es soll sogar welche gegeben haben, die mit den noch gar nicht gemachten Bekanntschaften in der Redaktion geprahlt haben. Und dort soll es wiederum Leute gegeben haben, die darauf neidisch reagierten. Völlig grundlos, wie sich herausgestellt hat. Denn alles kam ganz anders. Von Däninnen ist hier weit und breit nichts zu sehen. Die ganze Woche nicht. Enttäuschung? Ach was! Wir haben doch die „Ferns“, die Farne. Wer das ist? Natürlich die neuseeländische Fußball-Nationalmannschaft der Frauen – quasi die Däninnen vom anderen Ende der Welt. Und sie können auch so gut spielen. Im direkten Duell gab es gestern ein 1:1, auf dem Platz vor unserem Hotel – und wir haben es wegen Werder verpasst. Schade eigentlich.

+++ Tag 6: Loch im Zaun - Wie kichernde kleine Strolche

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Eigentlich ist es hier in Belek nur ein Katzensprung vom Teamhotel zum Journalisten- und Fan-Hotel. Man kann nicht nur rübergucken, sondern sogar rüberspucken. Allerdings durch den Zaun. Womit wir bei einem ganz praktischen Problem dieses Trainingslagers wären. Weil die Gelände teils meterhoch eingezäunt sind und die wenigen Tore mit schon sehr verrosteten Vorhängeschlössern gesichert sind, trotten die Medienvertreter jeden Tag wie Lemminge um das gesamte Gelände herum. Das ist noch okay, solange das Tor zum Trainingsgelände geöffnet ist. Wenn alle zurückwollen, ist es aber meistens verschlossen... Heißt: Noch mehr Umweg durch das Hauptportal. Aber jetzt hat sich eine Chance aufgetan – genauer: ein Loch im Zaun. Erst unscheinbar, kaum zu sehen. Dann aber auf ordentliche Größe gebracht, um hindurch zu schlüpfen (wer war das bloß?). Also krabbelten am Samstag erwachsene Männer kichernd wie kleine Strolche dank entwurzelten Efeus und hochgebogenen Maschendrahts durch ein Schlupfloch. Es herrschte eine diebische Freude über ein paar eingesparte Meter. Aber: Die Freude währte nur kurz. Denn offenbar sind wir aufgeflogen, ein Opfer der 24-Stunden-Videoüberwachung geworden. Unser Fluchtweg war jedenfalls gestern schon wieder frisch verdrahtet. Blöd.

+++ Tag 4: Thermometer wie in der „Triple-20“ +++

Muss ich heute eigentlich irgendwem mit Geschichten über das Wetter in Belek kommen? Wahrscheinlich nicht. Will ja niemand hören, dass es hier besser und besser wird, während einem selbst gerade der Keller vollregnet oder Äste und Dachpfannen um die Ohren fliegen. Aber Belek hat auch seine Tücken. Jedenfalls für die trainierwilligen Werder-Profis. Als die gestern Vormittag zur Arbeit auf den Trainingsplatz kamen, war der noch leicht gefroren. Bodenfrost in Belek? Das erschien allen so unglaublich, dass flugs jeder ein Rasenthermometer zückte, der gerade eines zur Hand hatte. Also steckten im Rasen drei Thermometer wie Dartpfeile in der Triple-20. Das Ergebnis war aber keine rausgebrüllte „onehundredeighty“, sondern null Grad – noch um 10.00 Uhr und trotz kräftigen Sonnenscheins. Kurz wurden Überlegungen angestrengt, ob Werder den Launen der Natur mit einer Verlegung des Vormittagstraining um eine Stunde nach hinten begegnen sollte. Nicht nötig sagten jedoch die türkischen Wetterfrösche. Die Temperaturen steigen in den nächsten Tagen, das Wochenende soll herrlich werden.

Werder startet mit zwei Siegen ins neue Jahr

+++ Tag 3: Wo ist Di Santo? +++
Wo war Franco Di Santo? Eigentlich hatte der Argentinier gestern einen Interviewtermin. Im Irish Pub des Teamhotels, dort, wo Werder die mitgereisten Journalisten mit den gewünschten Gesprächspartnern versorgt. Das Pub liegt am Ende eines langen, etwas düsteren Ganges, der auch am Restaurant, in dem die Mannschaft zwischen den Trainingseinheiten zu Mittag isst, entlang führt. Für Franco Di Santo hätte es also ein Leichtes sein müssen, zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort zu sein. Raus aus dem Restaurant, links rum, schon da. Aber: Dafür hätte er wissen müssen, dass er erwartet wurde. Wusste er aber offenbar nicht. Oder hatte es vergessen. Weshalb er vom Mittagstisch aufstand und – schwuppdiwupp – offenbar vom riesigen Hotel verschluckt wurde. Jedenfalls war der Stürmer partout nicht auffindbar. Das Handy? Besetzt! Sein Zimmer? Leer! Die Lobby? Kein Di Santo! Folge: Kein Interview. Verschoben auf heute – mal schauen, ob es klappt. Das Hotel, ein Protzbau mit zehntausend Ecken zum Verstecken, hat Di Santo übrigens rechtzeitig zum Nachmittagstraining wieder ausgespuckt. Die Erfahrung eines zwar nicht geplatzten, aber doch rumpeligen Interviews musste gestern auch ein Kamerateam eines türkischen Fernsehsenders machen. Sie waren mit Levent Aycicek verabredet. Anders als Di Santo erschien er auch, doch das Gespräch lief ganz anders als erwartet. Denn obwohl Aycicek, der Junge aus Nienburg, einen türkischen Namen trägt und sein Vater sogar aus der Nähe von Belek stammt, beherrscht er die Sprache seiner Vorfahren nicht mal im Ansatz. Ein Talk auf Türkisch? Denkste! Ein Dolmetscher musste her und übersetzen, weshalb der Werder-Profi international nicht für die Türkei spielen will. Aycicek: „Weil Deutschland mein Favorit ist.“

Trainingslager in Belek dritter Tag

+++ Tag 2: Golfen in Europa oder Asien? +++
Ach ja, die Werbung. Manchmal lügt sie ja, dass sich die Balken biegen. Zuckerbomben, die als gesunde Babynahrung angepriesen werden. Light-Produkte, die überhaupt nicht light sind, sondern schwer machen. Und der zum Werder-Teamhotel gehörende Golfplatz, der – wir hatten kurz darüber berichtet – sich rühmt, der einzige beleuchtete in ganz Europa zu sein. In Europa? Einem aufmerksamen Leser und Belek-Kenner ist nicht entgangen, dass Belek mitnichten in Europa liegt, sondern geographisch gesehen in Asien. Wie fast die gesamte Türkei, 97 Prozent der Landesfläche gehören – ich hab’ mich da mal schlau gemacht – zu Asien. Politisch möchte die Türkei zu hundert Prozent zu Europa gehören.

Was die Frage aufwirft: Was zählt denn nun für den Golfplatz? Europa oder Asien? Wohl beides. Politisch so, geographisch so. Irgendwie ein bisschen „bi“, dieser Golfplatz. Was mich auf die Idee bringt, den Betreibern der laut namhafter Magazine zu den 100 besten Golfplätzen der Welt (hoffentlich keine Werbelüge) gehörenden 18-Loch-Anlage einen Vorschlag zu machen. Wie wär‘s denn, aus dem einzigen beleuchteten Golfplatz Europas den einzigen bi-kontinentalen und beleuchteten Golfplatz der Welt zu machen? Ich finde, das zieht – und wäre ein eleganter Weg, die Gefahr einer Werbelüge zu umschiffen. Vielleicht bekomme ich als Dankeschön für diesen Tipp ja einen Schnupperkurs um Mitternacht. Hei, würde ich mich freuen.

Trainingslager in Belek zweiter Tag

+++ Tag 1: Anreise und Ankunft +++

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