Spielanalyse zu Werders 0:6 in München

Planlos, orientierungslos, hilflos

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Frustrierte Werder-Profis nach dem 0:6-Debakel in München

Bremen – Von Michael Baltes. Aus München mit einer Packung im Gepäck heimzukehren, das kann passieren. Sich dabei allerdings so vorführen zu lassen, wie es der SV Werder am Freitag getan hat, das darf nicht passieren und ist einem Bundesligisten unwürdig. Aber woran hat es gelegen? Die Spielanalyse.

Müller im "Werder-Kreis"

Thomas Müller muss sich wie das Schweinchen in der Mitte gefühlt haben. Acht Werder-Spieler bildeten einen Kreis mit einem Radius von sieben, acht Metern um den Nationalspieler, der sich bei einem Einwurf von David Alaba zentral in etwa 28 Metern vor dem Tor der Bremer positioniert hatte. Daran änderte sich auch nichts, nachdem Alaba den Ball zu seinem völlig blank stehenden Mitspieler befördert hatte. Müller konnte unbedrängt Maß nehmen und abziehen. Dass der Ball nicht ins Tor ging, sondern nur an den Posten klatschte und Robert Lewandowski auch den Nachschuss nicht verwerten konnte, geschenkt. Die Szene in der 31. Minute steht symbolisch für Werders gesamten Auftritt bei der 0:6-Klatsche am Freitagabend in München. Die Bremer hatten in keiner Phase der Partie Zugriff auf den Gegner. Statt aktiv die Zweikämpfe zu suchen, gaben die Grün-Weißen Geleitschutz oder betrachteten das Geschehen lieber gleich aus sicherer Entfernung.

Auf dem Papier hatte Viktor Skripnik seinem Team ein 4-5-1-System verordnet. Auf dem Feld stellte sich das phasenweise auch als 4-1-4-1 dar, oder war ob der eigenen Unordnung und Orientierungslosigkeit überhaupt nicht mehr zu erkennen. Genauso wenig zu erkennen, war die Marschroute für die Arbeit gegen den Ball. Manndeckung, so wie unter der Woche intensiv trainiert, war es jedenfalls nicht. Raumdeckung auch nicht. Eine Mischung aus beidem? Nein, auch das war es nicht. Ein perfektes Beispiel für die völlig misslungene Deckungsarbeit (egal ob als Raum, Mann oder Mischung gedacht) ist Lewandowskis Treffer zum 2:0. Franck Ribery hebelte mit einem einzigen Vertikalpass aus der eigenen Hälfte auf den Polen die komplette Bremer Mannschaft aus. Weder wurde Ribery auch nur ansatzweise beim Abspiel gestört noch wurde der Passweg in den freien Raum auf der eigenen rechten Abwehrseite zugestellt. Zu allem Überfluss hatte es die Abwehrkette verpasst, auf die Ballseite zu verschieben, beziehungsweise auf einer Linie herauszurücken, um eine Abseitsfalle zu stellen. Lewandowski nahm die Einladung dankend an.

Wiedwald stark, aber zu viele Totalausfälle

Die Bayern, die von Trainer Carlo Ancelotti in einem 4-3-3-System aufs Feld geschickt wurden, hatten während der gesamten Partie überhaupt keine Probleme, sich in Abschlusssituationen zu spielen (27 Torschüsse). Kein Wunder bei so viel Raum. Distanzen von mehreren Metern zwischen dem ballführenden Bayern-Profi und seinem „Gegenspieler“ waren keine Seltenheit. Die Bremer folgten den Aktionen der Münchner, statt sie zu unterbinden oder zumindest zu stören. Das „Folgen“ öffnete den Bayern wiederum neue Räume, die der Rekordmeister teilweise schon durch simple Doppelpässe bespielen konnte. Dass das Skripnik-Team am Ende des Spiels gerade einmal acht Fouls begangen hatten, ist ein Indiz dafür, wie selten sie überhaupt in die Zweikämpfe kamen. Besonders Werders Mittelfeld tat sich hier negativ hervor und brachte so die eigene Hintermannschaft immer wieder in arge Bedrängnis – und das nicht nur in der Arbeit gegen den Ball.

Bei eigenem Ballbesitz wurden die Bälle viel zu oft planlos nach vorne geschlagen und damit hergeschenkt. Bremer Angriffsspiel? Nicht vorhanden. Längere Entlastungsphasen für die eigene Defensive blieben somit aus. Generell fehlte bei den Bremern die Bindung und die Abstimmung zwischen den Reihen. Das mag zum einen daran liegen, dass die Mannschaft nicht eingespielt ist: Allein im Vergleich zum Lotte-Spiel wurde die Startelf wieder auf fünf Positionen verändert (Grillitsch, Caldirola, Johannsson, Bauer und Diagne kamen für die verletzten Junuzovic und Kruse sowie Sternberg, Thy und Moisander). Zum anderen aber auch damit zu begründen ist, dass Werder ein Spielgestalter fehlt, der das Kommando übernimmt und dem Spiel der Grün-Weißen Struktur verleiht. In München hätte diesen Part in Abwesenheit von Junuzovic Kapitän Clemens Fritz auf der Halbposition übernehmen müssen.

Bis zum Augsburg-Spiel in zwei Wochen, von Skripnik schon als Finale tituliert, müssen die Grün-Weißen schleunigst an ihren Defiziten arbeiten. Denn um eine Bremer Mannschaft in der aktuellen Form zu schlagen, braucht es wahrlich keinen FC Bayern.

Werder kassiert halbes Dutzend

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