Skripnik geht in die Offensive: „Wir haben die Qualität, unsere Ziele zu erreichen“

Der überraschende Mutmacher

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Der Frust ist überwunden: Werder-Coach Viktor Skripnik war gestern die Zuversicht in Person.

Bremen - Von Björn Knips. Keine langen Haare, kein Bart, kein Torsten Frings – sondern Viktor Skripnik: Der Werder-Coach hatte den Medientermin im Weserstadion kurzerhand zur Chefsache erklärt. „Es ist eine sehr schwierige Phase, sagte der Ukrainer, „deswegen bin ich hier und beantworte die unangenehmen Fragen. Ich verstecke mich nicht.“

Genau das hatte er aber zuletzt oft getan und zu Beginn einer Trainingswoche seinen Co-Trainer vorgeschickt. Bis gestern Mittag. Es war im Abstiegskampf und vor dem richtungweisenden Spiel am Sonntag in Stuttgart ein wichtiger und starker Auftritt von Skripnik. Eine Flucht nach vorne, die Mut macht.

Nach dem Derby-Debakel gegen den Hamburger SV hatte er am Samstag noch vom Frust schwer gezeichnet vor den Journalisten gesessen und etwas ratlos gewirkt. „Ich stehe hier mit vollem Körper“, beschrieb sich Skripnik gestern selbst am besten. Kerzengerade hatte er sich vor den vielen Mikrofonen aufgestellt. Mit gesunder Gesichtsfarbe und sogar einem gelegentlichen Lächeln. Das war ein ganz anderer Cheftrainer. Ein kämpferischer, aber kein giftiger. Kein Angriff auf die Medien wie früher schon einmal, sondern die pure Zuversicht. „Ohne Optimismus brauchst du nicht zur Arbeit zu kommen, dann bleibst du lieber Zuhause“, erklärte er seinen positiven Gemütszustand.

Geholfen hat dabei auch die Rückendeckung von Thomas Eichin. Der Sportchef hatte dem Trainer eine Jobgarantie bis zur Winterpause gegeben. „Wenn man Unterstützung von der oberen Etage spürt, dann ist das immer gut“, erklärte Skripnik, lenkte den Fokus aber sogleich auf sein Team: „Und wir vertrauen unseren Jungs. Wir haben letzte Saison das Wunder geschafft, warum sollen wir es nicht wieder schaffen?“

Weil die Leistungen gegen den HSV und davor beim 0:6 in Wolfsburg bei nur 13 Punkten aus 14 Partien etwas anderes erwarten lassen. Doch Skripnik hielt dagegen: „Wir haben die Qualität, unsere Ziele zu erreichen.“ Gewünscht ist ein einstelliger Tabellenplatz. Bis dorthin fehlen Werder als 15. sieben Punkte. „Wenn wir ausrechnen, was wir schaffen können, und da kommen jetzt nicht Bayern, Dortmund oder Leverkusen: Mit Glück hast du dann so viele Punkte wie du die letzten drei Jahre nicht hattest. Dann gehst du mit anderer Laune in die Winterpause“, meinte der 46-Jährige und bezeichnete Stuttgart, Köln und Frankfurt „bei allem Respekt als machbare Gegner“.

Doch so einfach ist die Flucht nach vorne auch wieder nicht. „Es fehlt eine gewisse Konstanz“, gestand Skripnik und nannte Santiago Garcia als Beispiel: „Warum macht er zwei drei Riesenspiele und dann wieder eine Pause?“ Und dann ist da auch noch die Systemfrage. „Du spielst ein 4:1:4:1, stehst nach zehn Minuten nur hinten, der Gegner hat Ballbesitz – und dann hörst du die Pfiffe. Ich hasse das auch. Ich wollte Zuhause gegen den HSV keine ängstliche Mannschaft sein“, verteidigte Skripnik sein offensiveres 4:4:2: „Bei meinem Anfang hier habe ich gesagt: Die Mannschaft muss mutiger sein, nach vorne marschieren, wir wollen Raute spielen. Leider haben wir keinen, der uns stabilisiert. Uns fehlt die Kreativität.“ Es ist aber nur ein kurzer Moment des Haderns. Skripnik lässt sofort ein „Wir haben trotzdem genug Qualität“ folgen. Er will an diesem Tag nicht negativ klingen, aber er will und kann sich auch nicht komplett verstellen. „Es gibt Trainer“, meinte Skripnik, „die erzählen, was man erzählen muss, was einstudiert ist. Das ist langweilig. Ich sage, was ich sehe. Das ist nicht brav. Das ist mein Typ. Ich bin Ausländer, ich bin lieber geradeaus. Ich kann das nicht diplomatisch erklären. Das ist so bei mir. Vielleicht ist das mein Fehler. Vielleicht sollte ich ruhiger sein und weniger sagen. Aber das ist nicht Viktor Skripnik.“

Der echte Viktor Skripnik steht ohnehin am liebsten auf dem Platz, „arbeitet akribisch“, wie er stets betont. „Wir trinken nicht Kaffee und gucken Filme“, machte er schnell noch klar und kündigte ein Geheimkommando ein. Ein zweitägiges sogar. Heute und morgen geht es nicht raus auf den Platz, sondern rein ins Weserstadion. „Um etwas einzustudieren und um uns zu fokussieren.“ Auf Stuttgart. Es ist ein Schicksalsspiel. Denn bei einem ähnlich blutleeren Auftritt wie in der ersten Halbzeit gegen den HSV könnte Skripniks Stuhl trotz aller Treueschwüre wackeln. „Warum soll ich schon heute daran denken, ob es am Sonntag vielleicht schlecht läuft? Wir haben schon Stress genug“, mochte sich der Ex-Profi mit dem Thema so gar nicht beschäftigen. Aber er weiß nur zu genau, dass andere darüber sprechen. Zum Beispiel die Fans, die den schlappen Derby-Auftritt mit vielen Pfiffen quittierten. „Dafür habe ich volles Verständnis“, sagte Skripnik und holte die unzufriedenen Anhänger sofort zurück ins Boot: „Wir haben uns blamiert, aber wir wollen zusammen mit unseren Fans am Sonntag etwas Gutes machen.“ Also einen Sieg. Denn letztlich zählen nur Punkte. Auch für einen Trainer, der nach fast 20 Jahren bei Werder zu Recht mehr Kredit genießt. Aber der diesen Vorteil auch nicht endlos ausnutzen will: „Ich bin Cheftrainer und ich spüre Unterstützung des ganzen Vereins. Aber ich will das nicht nur genießen, sondern ich will auch liefern.“

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