Werder-Coach darf auf Bewährung weitermachen und muss im Sommer gehen

Keine Jobgarantie für Skripnik, nicht mal für einen Tag

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Werder-Trainer Viktor Skripnik muss um seinen Job bangen.

Bremen - Von Björn Knips. Es wurde viel gesprochen, sehr viel sogar. Und nach dem letzten Gespräch der drei Geschäftsführer des SV Werder gestern Nachmittag stand endgültig fest: Viktor Skripnik bleibt Chefcoach des stark abstiegsbedrohten Bundesligisten. Doch er bekommt keine Jobgarantie – nicht mal für einen Tag.

Die Verantwortlichen schauen genau hin, wie der schwer angeschlagene Ukrainer den 1:2-Schock gegen den FC Augsburg wegsteckt und wie er die Mannschaft wieder aufrichtet. Gelingt ihm das nicht, könnte er noch vor dem nächsten Spiel am Samstag gegen Wolfsburg rausfliegen. Am Saisonende ist für Skripnik nach Informationen dieser Zeitung ohnehin Schluss, Werder sucht längst einen Nachfolger.

Ein heißer Kandidat für den Sommer ist dabei Torsten Lieberknecht. Der Coach des Zweitligisten Eintracht Braunschweig war vor drei Jahren schon einmal ein Thema bei Werder – als Nachfolger von Thomas Schaaf. Doch Lieberknecht sagte damals ab, weil er seine Braunschweiger nach dem Bundesliga-Aufstieg nicht im Stich lassen wollte. Nun dümpelt der 42-Jährige mit der Eintracht im Niemandsland der Zweiten Liga rum – ohne große sportliche Perspektive.

Ob die in Bremen allerdings besser wäre, ist spätestens seit dem Samstag fraglich. Denn im Abstiegsduell gegen Augsburg gab es statt des geplanten Befreiungsschlags einen Keulenschlag. Nach einer 1:0-Führung durch Florian Grillitsch (43.) verloren die Gastgeber durch die Treffer von Alfred Finnbogason und des gerade erst eingewechselten Jeron-Ho Hong (87.) noch mit 1:2 und rutschten auf den Relegationsplatz. „Wir befinden uns im Schockzustand“, gestand Sportchef Thomas Eichin nach dem Schlusspfiff: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Der 49-Jährige verzichtete anschließend auch darauf, die sofort aufkommende Trainerdiskussion – anders als sonst – schon im Keim zu ersticken. Er heizte sie sogar an mit den Worten: „Ich kann momentan gar nichts ausschließen.“ Sein Satz „Wir haben nicht das Anliegen, den Trainer zu entlassen“, ging dabei fast unter.

Werder-Noten zum Augsburg-Spiel

Damit schienen die Stunden von Skripnik als Werder-Coach schon gezählt. Noch am Abend trafen sich die Geschäftsführer Klaus Filbry, Hubertus Hess-Grunewald und Eichin im Weserstadion zur Krisensitzung – und vertagten sich, um sich mit ein wenig Schlaf vom Schock zu erholen. Am Morgen sollte Eichin dann die Gemütslage bei Trainer und Mannschaft erörtern. Als erstes sprach er mit Skripnik, dann mit den Co-Trainer Torsten Frings, Florian Kohfeldt und Christian Vander, anschließend mit einigen Führungsspielern – allen voran Clemens Fritz.

„Es gibt keinen Keil zwischen Trainer und Mannschaft“, hob Eichin später in einer Medienrunde hervor. Zuvor war Eichin extra auf den Trainingsplatz geeilt, um vor rund 100 Fans und vielen Kameras den Schulterschluss mit dem Coach zu demonstrieren. Auffällig lange sprach er dabei mit Skripnik. „Viktor ist kämpferisch genug, um das mit der Mannschaft zu meistern“, urteilte Eichin danach.

Skripnik hinterließ auf dem Trainingsplatz allerdings einen anderen Eindruck, er wirkte noch total niedergeschlagen, zeitweise sogar abwesend – und ganz und gar nicht wie einer, der den nun nötigen Kraftakt schaffen kann. Dabei hatte er tags zuvor noch getönt: „Ich entlasse mich nicht. Das weiße Handtuch rauszuschmeißen, ist nicht mein Ding.“

Stanislawski werden Außenseiterchancen eingeräumt

Möglicherweise geht es wie immer im Fußball auch ums Geld. Skripniks Vertrag läuft noch bis 2017, tritt er freiwillig zurück, verzichtet der Ex-Profi auf ein Jahresgehalt von 600 000 Euro. Zudem wäre es ein Eingeständnis des Scheiterns – das macht kein Trainer gerne, weil es künftige Jobs auf höchster Ebene quasi ausschließt.

Die Entscheidung muss also der Club treffen, was bei einem Ex-Spieler als Trainer gar nicht so einfach ist. Skripnik hat schließlich mit Werder das Double gewonnen – und dann hat er in seinem ersten Jahr als Coach den Verein vor dem Abstieg gerettet. Doch das spielt angeblich keine Rolle mehr. „Wir sind mutig genug, um zu handeln“, versicherte Eichin. Doch die Handlungsfähigkeit ist wegen fehlender Alternativen begrenzt, der Trainermarkt ziemlich leer. Vermeintlich heiße Kandidaten wie zum Beispiel Michael Frontzeck sind überhaupt kein Thema. Maximal Holger Stanislawski werden Außenseiterchancen als externe Lösung eingeräumt. Der 46-jährige Ex-Coach vom FC St. Pauli versucht sich gerade als Geschäftsführer eines Rewe-Marktes.

Training am Sonntag

Aktuell gibt es bei Werder keinen Plan B. Der war nach den 4:1-Siegen in Leverkusen und gegen Hannover endgültig begraben worden. Eichin wollte mit Skripnik über die Runden kommen. Da liegt der Verdacht nahe, dass der Sportchef nun mit seiner begrenzten Jobgarantie für den Coach auf Zeit spielt, um etwas Ruhe für eine neuerliche Rettersuche zu haben und gleichzeitig nicht das Gesicht zu verlieren, falls tatsächlich gehandelt wird. Nicht ausgeschlossen ist dabei auch eine weitere interne Lösung mit den Co-Trainern und/oder Ex-Profis wie zum Beispiel Mirko Votava, der seit Jahren die U 19 betreut.

Skripnik arbeitet jedenfalls nur noch auf Bewährung, wird jeden Tag von seinen Chefs genau beäugt. „Ich schließe nichts aus. Überhaupt nichts. Ich bin kein Prophet“, wiederholte Eichin gestern noch mal seinen folgenreichen Satz vom Vortag zur Trainerfrage.

Fünf Spieltage vor Saisonende ist die Angst vor dem zweiten Abstieg in der Vereinsgeschichte eben so groß wie lange nicht mehr. Diese Stimmung in der Mannschaft und im Verein müsse sich dringend ändern, forderte Eichin: „Wir sind noch nicht abgestiegen!“ Aber der Sportchef gestand sogleich: „Wir haben zwei echte Kracherspiele vor der Brust.“ Erst am Samstag daheim gegen den Champions-League-Viertelfinalisten VfL Wolfsburg und dann unter der Woche im DFB-Pokal-Halbfinale bei Rekordmeister FC Bayern München. Ob mit oder ohne Skripnik, wird sich zeigen.

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