„Der Versuch, etwas Unbegreifliches real zu dokumentieren.“

Fan-Folklore im Sammelband

+
Die Choreo zum 100. Nordderby. Die Entstehung des Märchen-Motivs beschreiben die verantwortlichen Fanclubs im Sammelband „Das sind die Fans und ihre Geschichten“.

Wenn man 1500 Kilometer auf sich nimmt, Eintrittskarten vom Präsidenten des Testspiel-Gegners abholt, mit norwegischen Damen in der Kurve Selbstgebrannten trinkt und am Ende mit dem Trainer per Du ist, dann handelt es sich wahrscheinlich um eine Reise unter grün-weißer Flagge. „Wie es dazu kam, kann ich heute überhaupt nicht mehr seriös sagen“, erinnert sich Marco Messina in seinem Buch „Das sind die Fans und ihre Geschichten“ mehr schlecht als recht an die Einzelheiten seiner Fahrt nach Trondheim.

Ohnehin rücken die Einzelheiten der auf knapp 200 Seiten geschilderten Erlebnisse gerne in den Hintergrund. Genau wie der Sport. (Bericht und Ergebnis des Testspiels Werder Bremen gegen Rosenborg Trondheim erspart Messina seinen Lesern.) In diesen Fan-Geschichten geht es nicht um das Geschehen auf dem Platz, oder zumindest nur in der Nebensache. „Zu einem Drittel geht es um Fußball. Die Hauptsache machen die Reise und die Freunde, mit denen man sie antritt“, sagt Messina, den das Nordderby als Siebenjährigen zum Werder-Fan machte. Für eine Buchreihe des Eyesodlt Verlags hat er 37 Geschichten über Werder Bremen gesammelt. Darunter befindet sich auch seine ganz persönliche Lieblingsgeschichte: „Hornsbys“ Auswärtsfahrt nach Israel. Die trifft den Kern seiner Fußball-Faszination, in der das Drumherum zum Mittelpunkt wird.

„Und Fußball haben sie auch gespielt...“ schreibt „Hornsby“ einleitend. Recht uninteressanten zwar (0:0 gegen Maccabi Tel Aviv), dafür aber historischen. Nach der Eingliederung des Israelischen Fußballverbandes in die Uefa 1991 spielte Werder als erste deutsche Mannschaft in einem Europapokalspiel im Nahen Osten. Dabei sind auch einige Werder-Fans, für die das Auswärtsspiel zum Berührungspunkt mit der Geschichte wird. Dreistündige Grenzkontrollen und Busse voll israelischer Streitkräfte bezeugen eine angespannte Lage, während die Grabeskirche und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem der Vergangenheit mahnen. Als einen „Versuch, etwas Unbegreifliches real zu dokumentieren“ beschreibt „Hornsby“ die Ausstellung. So hätte er auch Messinas Sammelband beschreiben können. Warum sich die Anreise von fünfeinhalbtausend Kilometern für ein 90-minütiges Fußballspiel lohnt, machen erst solche Eindrücke begreiflich. Die unbefangenen Gespräche mit israelischen Schülern oder einem jüdischen Ehepaar, das während des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland geflüchtet war, dürften den Norddeutschen deutlich länger in Erinnerung bleiben, als eine vergebene Chance von Marco Bode.

Werder-Fans in aller Welt

Marco Messina beim Europaleague-Finale in Istanbul.

Die Geschichten hat Messina bei seinen Bekannten aus Werder-Kreisen zusammengetragenen. Darunter Ultras, Kuttenträger und Allesfahrer. Doch nichts davon muss der Leser sein, um den Reiz der Erlebnisse nachvollziehen zu können. Auswärtsfahrten werden wie moderne Abenteuer nachempfunden. In Zeiten, in denen zwar alle Landkarten vermessen aber noch keine Smartphones erfunden sind, wird die Suche nach Stadt und Stadion zur Entdeckungsreise. Ausgefallene Züge und Flieger werden ebenso zum Hindernis wie volle Fähren und völlige Fahruntüchtigkeit. Die Liebe zum Verein treibt Fans nach Tel Aviv und Athen, Lissabon und Istanbul und sogar nach Seoul und Peking. Eigentlich aber geht es um Erfahrungen und Enttäuschungen, Freundschaft und Verständigung. Von Bremen aus schlagen Menschen mit der grün-weißen Raute auf der Brust Brücken nach ganz Europa.

Die schönsten Momente des Sammelbandes sind Berichte spontaner, binationaler Volksfeste. Wenn ganze Kneipen in Grün und Weiß getaucht werden, durch die Zapfanlagen deutsches Bier strömt und der Türsteher plötzlich eine Werder-Kutte trägt. Wenn der Gastwirt die Fahne seines neuen Lieblings-Fanclubs über den Eingang hängt und sein Lokal voller Stolz zum Werder-Stammlokal macht. Dann betreibt nicht nur der Verein Eigenwerbung in fremden Ländern, dann tragen auch die mitgereisten Anhänger ihren Teil zur internationalen Beliebtheit des Vereins bei.

Auch Berichte aus der Heimat sind in Messinas Buch enthalten. Darunter Kindheitserinnerungen vom Werder-Training, nachdem der Starspieler mit seinem Porsche das Taxi gibt. Oder vom ersten Livespiel im Weserstadion, mit dem der Vater endlich die grün-weiße Flamme im Sohn entfacht. Der Herausgeber lässt Fanclubs aus Bremen, Münster und München ebenso zu Wort kommen wie Jürgen L. Born, Uli Borowka und den U23-Stadionsprecher Sascha Borchers. Dazu stellt er Legenden der Bremer Fanszene vor. Norbert „Fisch“ Gerdes erzählt von seiner Zeit als Frank Rost, seiner Entscheidung kontra Polizei und pro Werder Bremen sowie vom tragischen Todesfall eines Freundes.

Und wer sich schon immer gefragt hat, wer Otto Rehhagel eigentlich zu König Otto dem Ersten kürte, wird es in diesem Band erfahren. Ein Buch „von und für Fans“, das die unterschiedlichsten Typen der Bremer Fanszene vorstellt, versteht Herausgeber Messina die Sammlung. Neben ihren Geschichten vermitteln die Fans auch ihre Liebe zum Verein. Was Messina ohne Werder Bremen gefehlt hätte? „Komplett alles!“, sagt er. Mit Freunden reisen geht auch ohne Fußball. Das Gefühl der ganz besonderen Gemeinschaft, das all diese Erlebnisse durchtränkt, trägt für ihn allerdings den Namen SV Werder Bremen.

Das Buch "Das sind die Fans und ihre Geschichten - SV Werder Bremen" ist im Eyesoldt-Verlag erschienen und für 12,80 Euro erhältlich. ISBN 978-3-938153-02-4

ch

Mehr zum Thema:

Abgeordnete dürfen deutsche Soldaten in Konya besuchen

Abgeordnete dürfen deutsche Soldaten in Konya besuchen

Merkel, Trump und Co. beim G7-Gipfel auf Sizilien: Die Bilder

Merkel, Trump und Co. beim G7-Gipfel auf Sizilien: Die Bilder

Mit kurzer Hose ins Büro? Zehn Outfit-Fails im Sommer

Mit kurzer Hose ins Büro? Zehn Outfit-Fails im Sommer

Edel, sexy, elegant: So präsentierten sich die Stars bei der amfAR-Gala 

Edel, sexy, elegant: So präsentierten sich die Stars bei der amfAR-Gala 

Meistgelesene Artikel

Franke auf dem Weg zu Werder?

Franke auf dem Weg zu Werder?

Furioses Finale ohne Freudentaumel

Furioses Finale ohne Freudentaumel

Wiedwald: „Können stolz auf die Rückrunde sein“

Wiedwald: „Können stolz auf die Rückrunde sein“

Volkmer, der Vollstrecker! Werder II bleibt in Liga drei

Volkmer, der Vollstrecker! Werder II bleibt in Liga drei

Kommentare