Großes Geburtstags-Interview

Bayer-Chef Rudi Völler wird 60: „Werder Bremen war ein Traum für mich“

Am Ostermontag wird Rudi Völler 60 Jahre alt - die DeichStube hat zum runden Geburtstag ein großes Interview mit dem ehemaligen Stürmer des SV Werder Bremen geführt.
+
Am Ostermontag wird Rudi Völler 60 Jahre alt - die DeichStube hat zum runden Geburtstag ein großes Interview mit dem ehemaligen Stürmer des SV Werder Bremen geführt.

Leverkusen/Bremen – Wo nur soll man anfangen? Wer versucht, Rudi Völlers Karriere in wenigen Sätzen zusammenzufassen, muss zwangsläufig scheitern. Zu viel ist passiert im Fußball-Leben des ehemaligen Torjägers des SV Werder Bremen, der am Ostermontag seinen 60. Geburtstag feiert.

Anlässlich des Ehrentages hat sich Rudi Völler, der zwischen 1982 und 1987 119 Tore in 174 Spielen für Werder Bremen erzielt hatte, mit Thorsten Jung zu einem Erinnerungsstreifzug durch die eigene Laufbahn getroffen.

Das Interview führt vom Kopfballpendel in Hanau über Werder, den Weltmeistertitel 1990 als Spieler sowie dem Beinahe-Triumph 2002 als Teamchef bis zu Bayer Leverkusen, wo Völler aktuell als Geschäftsführer Sport das Sagen hat. Es ist ein Gespräch, in dem klar wird: Es gibt nur einen Rudi Völler...

Rudi Völler wird 60: Der ehemalige Star-Stürmer des SV Werder Bremen im Geburtstags-Interview

Herr Völler, rund zwei Drittel Ihres Lebens haben Sie im Profi-Fußball verbracht, als Spieler, Trainer und Manager. Sie werden auf der ganzen Welt erkannt und haben viel erlebt.

Es gibt zwei Geschichten, auf die ich immer angesprochen werde, wahrscheinlich bis an mein Lebensende. Im deutschsprachigen Raum auf die Nummer mit Waldemar Hartmann. Und das mit Frank Rijkaard ist eine weltweite Geschichte. Egal, wo ich auf der Welt bin, irgendein Taxifahrer spricht mich immer darauf an. Fast schon makaber – das ist bei allen in den Köpfen drin. Dass ich ab und zu auch mal einen Ball reingeköpft habe, sagt mir keiner (lacht).

Woher kam dieser Wutausbruch im Fernseh-Interview mit Waldemar Hartmann?

Das habe ich von meinem Vater. Ein bisschen zu überziehen, wenn einem was nicht gefällt, wenn man denkt, man muss sich oder eine Sache verteidigen. So wie ich meinen Vater früher erlebt habe und nach dem, was mir meine Mutter erzählt hat, meinte er manchmal, er muss gelegentlich auch mal etwas lauter und direkter werden.

Sie sind in Hanau aufgewachsen, hatten die Offenbacher Kickers und Eintracht Frankfurt als große Clubs vor der Nase. Gab es ein Idol?

In den 60ern und 70ern war das Gerd Müller, weil er viele Tore gemacht hat. Und bei den Offenbacher Kickers Erwin Kostedde. Er war zwar ein ganz anderer Spielertyp als ich, hat aber immer den Übersteiger, den ich zu Hause auch ständig geübt habe, gemacht. Erwin Kostedde hat ihn erfunden und ich habe ihn, vor allem in der ersten Zeit meiner Karriere, auch ganz gut hinbekommen. Der Einzige, der den ein bisschen misshandelt hat, war Jan Age Fjörtoft bei der Eintracht damals in dem Spiel gegen Kaiserslautern, das für Frankfurt letztlich den Klassenerhalt bedeutete. Wie man einen Übersteiger so schlecht machen kann und er funktioniert trotzdem, da haben sich mir die Nackenhaare hochgestellt (lacht).

Sie haben unter einigen der bekanntesten Trainern Ihrer Zeit trainiert – aber erinnern Sie sich auch noch an Hermann Nuber, Ihren Jugendtrainer in Hanau?

Seine spezielle Art war für mich damals wichtig. Die so genannten jungen Laptop-Trainer, die jede Taktik in acht verschiedenen Sprachen erklären können, sind ja schön und gut, das ist zeitgemäß und heutzutage auch sehr wichtig. Aber auch auf die Basics kommt es an. Die hat Hermann Nuber vermittelt, als harter Hund. Mit Übungen im Training, die es heute gar nicht mehr gibt.

Welche Übungen waren das?

Ich bin zum Beispiel mit dem Kopfballpendel groß geworden. Mit Liegestützen vorher und dazwischen. Und wir hatten immer so ein Seil, mussten das selbst halten und drüber springen. Nach zehn oder 20 Wiederholungen wusste man auch, was man gemacht hatte. Das sind Übungen, die nach heutigem Kenntnisstand Gift für den Rücken sind. Aber das war halt so. Früher ist man auch den Berg hoch gerannt wie ein Ochse und dann haben einem anschließend die Achillessehnen wehgetan. Wenn man heute ins Trainingslager geht, macht das keiner mehr.

Hat Ihr Bremer Trainer Otto Rehhagel Sie geprägt?

Er war der Trainer, der mich am meisten gefördert und nach vorn gebracht hat. Ich kam 1982 nach Bremen, bin direkt nach der WM Nationalspieler geworden. Im ersten Jahr war das ein Traum für mich. Ich wurde Torschützenkönig, Fußballer des Jahres. Besser ging es ja nicht. Ich hatte die Freiheiten für mein Spiel, die ich gebraucht habe, die hat Otto mir gegeben.

Rudi Völler über Otto Rehhagel: „Ich habe mir vor niemandem in die Hose gemacht“

Obwohl Otto Rehhagel und Rudi Völler bei Werder Bremen nicht immer einer Meinung waren, sagt Völler heute über seinen Ex-Trainer: „Er hat mich am meisten nach vorn gebracht.“

Und Sie haben ihm in der Kabine auch mal widersprochen?

Ich wusste, dass ich immer eine wichtige Figur in meinen Mannschaften war, egal ob in Bremen, Rom, Marseille oder dann hier in Leverkusen. Ich war immer selbstbewusst. Wenn mir ein paar Dinge nicht gefallen haben, dann habe ich das auch immer gesagt. Ich habe mir da vor niemandem in die Hose gemacht. Alles mit Respekt, aber meine Meinung habe ich schon vermittelt.

Warum sind Sie eigentlich nie bei Bayern München gelandet? Als Spieler nicht und auch nicht später als Manager.

Ich war ein paar Mal nah dran. Es gab mal eine Anfrage, dort Sportdirektor zu werden, noch bevor Matthias Sammer in dieser Funktion in München tätig war. Und als ich in Bremen spielte, war Bayern zwar auch schon was, aber wenn man was ganz Großes machen wollte, musste man damals nach Italien. Für mich kam es nie in Frage, von Bremen nach München zu gehen, aber nicht, weil ich was gegen die Bayern hatte. In den 80ern bis Mitte der 90er haben die weltbesten Fußballer in Italien gespielt. Da sind auch die überragenden Bayern-Spieler wie Brehme und Matthäus nach Italien gegangen – und das sicher nicht, weil da immer die Sonne scheint und es die schönsten Mädchen gibt.

In Rom sind Sie auch Weltmeister geworden. War das die überragende Nacht Ihres Fußballer-Lebens?

An einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, ist für jeden Fußballer das Größte. Dann sogar Weltmeister zu werden, ist gar nicht zu toppen. Und das auch noch in „meinem“ Stadion. Ich war schon drei Jahre in Rom. Das Endspiel in meinem Heimstadion – mehr geht nicht. Die Leute haben alle gehofft, dass wir Weltmeister werden. Thomas Berthold und ich haben damals ja beide bei AS Rom gespielt, da waren die Sympathien mit Ausnahme der Argentinier ganz klar auf unserer Seite.

Und drei Jahre später haben Sie mit Olympique Marseille die Champions League gewonnen. Im Finale mit 1:0 gegen den AC Mailand.

Wenn mir jemand sagt, ich sei ja nie deutscher Meister geworden, antworte ich immer: Dafür habe ich die wichtigen Titel gewonnen. Dieser Titel kam im Spätherbst meiner Karriere. Weltmeister war ich mit 30, Champions-League-Sieger mit 33. Das geht aber auch nur, wenn du in guten Mannschaften bist.

Rudi Völler als Nationaltrainer? Klaus Allofs und Uli Hoeneß: „Das ist doch eine gute Idee“

2000 wurden Sie Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. Das kam selbst für Sie überraschend, oder?

Sicher, das war ja alles eigentlich ganz anders geplant. Die EM 2000 war schlecht, wir sind in der Vorrunde ausgeschieden. Und es gab eigentlich nur zwei, die damals als Bundestrainer in Frage kamen: Christoph Daum und Ottmar Hitzfeld. Ottmar hatte aber gleich abgesagt und Christoph Daum konnten Reiner Calmund und ich hier in Leverkusen nicht einfach freigeben. Dann gab es das inzwischen fast schon legendäre Treffen in Köln zwischen der DFB-Spitze und den Vertretern der Bundesliga-Topclubs. Irgendwann herrschte relative Ratlosigkeit, wir haben uns alle nur noch angeguckt. Und dann sagte DFB-Präsident Mayer-Vorfelder plötzlich: „Rudi, mach du das doch für ein Jahr. Als Übergangslösung!“ Alle, die in der Runde saßen, Uli Hoeneß, Kalle Rummenigge, Klaus Allofs sagten: „Ist doch ne gute Idee!“ Da war ich auf einmal Teamchef. Eigentlich für ein Jahr – und dann wurden es vier.

Es waren schwere Zeiten dabei: Immerhin hätte die WM 2002 beinahe ohne Deutschland stattgefunden.

Wir mussten in der Relegation gegen die vielleicht beste ukrainische Mannschaft der letzten 30 oder 40 Jahre ran. Mit dem jungen Andrij Schewtschenko und fünf, sechs anderen Topspielern. Das war schwierig.

Erinnern Sie sich an die Spiele?

Oh ja. Im November 2001 hatten wir in der Ukraine das erste Spiel vor 90 000 Zuschauern, die in dem großen Nationalstadion Stimmung gemacht haben. Die ersten 20 Minuten sind wir gar nicht hinten rausgekommen, haben 0:1 hinten gelegen. Da habe ich zu meinem Co-Trainer Michael Skibbe schon schmunzelnd gesagt: „Wohin wandern wir aus? Ich nach Australien und du kannst woandershin.“

Deutschland hätte erstmals eine WM verpasst.

Man muss sich mal vorstellen, was das für ein Druck ist. Man hatte zwar immer gesagt: „Wir haben keine gute Generation, muss halt mal einen Misserfolg ertragen.“ Aber ich wäre dann der erste Nationaltrainer gewesen, der es nicht zu einer WM geschafft hätte. Ich habe selten in meinem Leben so einen großen Druck erlebt wie in den beiden Relegationsspielen.

„Tante Käthe“, „Es gibt nur einen Rudi Völler“ – können Sie das noch hören?

Heute geht’s sogar wieder. Nach der WM 2002 bin ich bei Einladungen gerne zu Podiumsdiskussionen gekommen oder habe Preise entgegengenommen, aber nur unter der Bedingung, dass das Lied nicht gespielt wird. Mittlerweile ist es wieder okay. Tante Käthe hat Thomas Berthold damals erfunden und das ist dann von vielen einfach übernommen worden.

Rudi Völler: „Meine Frau verdreht manchmal die Augen, weil ich auch Fußball schaue, wenn wir frei haben“

Rudi Völler erfreut sich in Bremen auch heute noch großer Beliebtheit - eine wirkliche Erklärung dafür hat er nach eigener Aussage nicht.

Wenn Sie mit Bayer Leverkusen in Bremen gastieren, gibt es noch immer Rudi-Sprechchöre, gemocht werden Sie fast überall. Weil Sie sich nie verstellt haben? Oder wie erklären Sie sich das?

Das sind Fragen, die man selbst schwer beantworten kann. Vielleicht liegt es ja an meinem Vornamen, genau wie bei Uwe Seeler. So ein gemeinsam geschmettertes, langgezogenes „uuuuuuu“ aus Tausenden von Kehlen klingt ja im Stadion ganz gut. Ich weiß es nicht. Manchmal überziehe ich auch, schimpfe hin und wieder mal mit dem Schiri, aber ich übertreibe es auch nicht. Die Leute haben mich überwiegend so akzeptiert, wie ich halt bin.

Erleben Sie nach so vielen Jahren im Profigeschäft auch noch etwas Neues?

Ja. Gefühlt war ich schon in jedem Stadion in Deutschland. Aber bis vor Kurzem noch nie bei Union Berlin. Ich war sehr begeistert von der „Alten Försterei“. Die machen das super. Eine tolle, wirklich einmalige Stimmung in diesem kleinen Stadion.

Dreht sich in Ihrer Freizeit eigentlich auch alles um den Fußball?

Meine Frau verdreht manchmal die Augen, weil ich auch an einem Sonntag, an dem wir selbst spielfrei haben, immer noch Fußball schaue. Italienischen Fußball vor allem. Durch die vielfältigen Möglichkeiten heute gibt es immer Fußball. Nicht jedermanns Sache, ich weiß. Aber ich bin schon ein bisschen besessen davon. Ich schaue auch zu Hause oft Fußball. Und Basketball, wenn mein Sohn spielt.

Da sind Sie auch mit Herzblut Fan?

Da rege ich mich schon jede Woche bei unseren eigenen Spielen im Stadion auf, und dann schaue ich mir auch noch an, wie er bei den Skyliners spielt. Meistens im Fernsehen, ich habe das entsprechende Abo. Und ich fahre öfter mal hin zu seinen Spielen, wenn es terminlich passt.

Rudi Völler: „Ein Titel ist für Bayer Leverkusen in diesem Jahr auf jeden Fall möglich“

Spielen Sie heute auch noch manchmal Fußball?

Eigentlich so gut wie nicht mehr. Ich habe ich ein bisschen Probleme mit meinem Knie, ein leichter Knorpelschaden. Ich kann noch ein-, zweimal joggen in der Woche. Aber Fußball spielen eher nicht mehr. Das letzte Mal gekickt habe ich im vergangenen Sommer-Trainingslager. Danach tat mir dann drei Tage lang das Knie weh.

Halten Sie sich heute dennoch fit?

Ich renne jetzt nicht jeden Tag draußen rum, bin in meinem Leben ja genug gelaufen. Es macht mir auch nicht so richtig Spaß, aber ein- bis zweimal die Woche tut das schon gut, ein bisschen durchzuschwitzen. Und ein paar Rückenübungen mache ich auch noch. Radfahren hasse ich. So lange mein Knie hält, jogge ich dann doch lieber. So lange es mit den Gelenken noch geht. Danach muss wohl auch ich Rad fahren.

Ihr Vertrag bei Bayer läuft noch bis 2022. Wie lange werden Sie Ihren Posten noch ausfüllen?

Ich mache es wohl noch ein paar Jährchen, entscheide vielleicht im nächsten Dreivierteljahr, wie lange. Aber völlig relaxt. Da muss jetzt niemand ständig nachfragen!

Würde ein Titel mit Bayer Leverkusen Ihre Funktionärskarriere abrunden?

Das ist ein bisschen unsere Sehnsucht. In den letzten zehn Jahren waren wir sechsmal in der Champions League. Das ist schon top, da gehören wir mit den Bayern und Borussia Dortmund zu den besten drei Clubs in Deutschland. Aber dafür bekommt man ja nicht mal einen Wimpel. Die Europa League und der DFB-Pokal müssen für uns in Leverkusen immer ein Thema sein. Aktuell sind wir da ja auch sehr gut im Rennen – wir hoffen inständig, dass die Wettbewerbe trotz der Coronavirus-Krise fortgeführt werden können. In Europa haben wir mit unserem Auswärtssieg in Glasgow im Achtelfinale ja schon vorgelegt, im DFB-Pokal im Halbfinale in Saarbrücken die ganz große Chance auf das Endspiel. Ein Titel ist in diesem Jahr definitiv möglich.

Quelle: DeichStube

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Mit dem Kart mitten durch die Wohnung

Mit dem Kart mitten durch die Wohnung

Die Schätze der zyprischen Küche in Larnaka genießen

Die Schätze der zyprischen Küche in Larnaka genießen

Ist ein Fahrradschutzbrief sinnvoll?

Ist ein Fahrradschutzbrief sinnvoll?

Debatte über Corona-Maßnahmen und Mitsprache des Bundestags

Debatte über Corona-Maßnahmen und Mitsprache des Bundestags

Meistgelesene Artikel

Werders Abwehr: Neue Hierarchie im Zentrum - Wer darf neben Friedl spielen?

Werders Abwehr: Neue Hierarchie im Zentrum - Wer darf neben Friedl spielen?

Werders Abwehr: Neue Hierarchie im Zentrum - Wer darf neben Friedl spielen?
Neuer Auto-Sponsor: Werder Bremen kurz vor Einigung mit Mercedes

Neuer Auto-Sponsor: Werder Bremen kurz vor Einigung mit Mercedes

Neuer Auto-Sponsor: Werder Bremen kurz vor Einigung mit Mercedes
Werder-Talent Nick Woltemade: Tendenz zur Vertragsverlängerung - Im Winter wird weiter verhandelt

Werder-Talent Nick Woltemade: Tendenz zur Vertragsverlängerung - Im Winter wird weiter verhandelt

Werder-Talent Nick Woltemade: Tendenz zur Vertragsverlängerung - Im Winter wird weiter verhandelt
Ein kurzer Moment der Genugtuung für Werder-Sportchef Frank Baumann

Ein kurzer Moment der Genugtuung für Werder-Sportchef Frank Baumann

Ein kurzer Moment der Genugtuung für Werder-Sportchef Frank Baumann

Kommentare